In unserer Sommerserie blicken Akteure des Start-up-Ökosystems auf die vergangenen Wochen zurück – und auf das, was nach der Krise bleibt. Zum Auftakt berichtet Yannis Niebelschütz von Coachhub.

Viele Jahre ging es für viele deutsche Start-ups aufwärts, dann kam die Corona-Krise. Nach langen Wochen mit Kontaktbeschränkungen, lahmgelegten Betrieben und Homeoffice können Gründer, Mitarbeiter und Investoren nun wieder loslegen und müssen sich erneut sortieren. In unserer Sommerserie fragen wir Akteure aus dem Start-up-Ökosystem, wie die neue Normalität für sie aussieht – und wie sie die vergangenen Wochen überstanden haben. Den Auftakt macht Yannis Niebelschütz, Mitgründer von Coachhub. Das Start-up will die Eins-zu-Eins-Weiterbildung über seine digitale Plattform in die Breite der Belegschaft tragen.

Was wird anders bleiben?
Viele reden jetzt schon das Ende des Büros herbei. Das glaube ich nicht. Es wird eine Art Hybrid-Lösung geben, zumindest bei uns. Jeder, der kann und möchte, wählt ab sofort zwischen Homeoffice und Arbeiten im Büro. Ob einzelne Tage im Wechsel oder dauerhaft an einem Ort. Vieles hat schon digital funktioniert – seien es Meetings, virtuelle Drinks oder die Video-Yoga-Sessions mit den Kollegen. Aber ich denke, ein Team lässt sich nicht auf Dauer motivieren und zusammen halten, wenn der persönliche Austausch im Office nicht mehr gegeben ist – da geht sonst die menschliche Komponente verloren.

Wie läuft es heute – und was erwarten Sie für die nähere Zukunft?
Vor Corona war haben wir insbesondere bei Großkunden manchmal bis zu einem halben Jahr gebraucht, bis wir von unserem Produkt überzeugen und dieses im gesamten Unternehmen ausrollen konnten. Das geht jetzt viel schneller. Selbst Konzerne kommen heute auf uns zu und wollen so schnell es geht digitales Coaching bei sich etablieren. Ich denke, es findet gerade ein Umdenken statt. Was vorher unmöglich erschien, ging plötzlich von einem auf den anderen Tag: Meetings per Zoom, remote Führen, Kundentermine von der Couch aus. In Zukunft kann mir kein Unternehmer mehr erzählen, digitales Coaching würde nicht funktionieren – schließlich konnte er monatelang seine Firma von zu Hause aus digital lenken.

Wie hat Coachhub auf die Krise reagiert?
Intern haben wir entschieden, unsere Zentrale in Berlin mit über 120 Mitarbeitern weitgehend zu schließen. Mit der Umstellung auf Home-Office wollten wir als digitales Unternehmen, das auch remote arbeiten kann, Verantwortung übernehmen und das Ansteckungsrisiko von Kollegen und deren Angehörigen gering halten. Es gab auch eine Produkterweiterung: Durch die Krise haben sich die Anwendungsgebiete im Coaching verändert – statt Teambildung oder Zeitmanagement stiegen die Anfragen nach Umgang mit Stress im Homeoffice oder Remote-Führung. Wir haben umgehend ein spezielles Intensiv-Coaching-Programm dazu aufgesetzt, das gut angenommen wurde. Zudem haben wir eine Initiative ins Leben gerufen, bei der unsere Coaches Hilfsorganisationen pro bono zur Verfügung stehen. Führungskräfte der Kindernothilfe oder der UN IOM (Internationale Organisation für Migration) können sich per Video-Telefonie an „CoachHub4Good” wenden, wenn sie großen Belastungen ausgesetzt sind und nach Lösungswegen suchen.

Wie haben Sie die Krise gespürt?
Wir schalteten etwa Mitte März in den Krisenmodus, als wir unsere Angestellten ins Homeoffice geschickt und das Büro verriegelt haben. Dennoch war und ist Corona für uns keine Krise. Wie für viele digitale Produkte ist Covid-19 auch für uns ein echter Wachstumsschub.  Vor-Ort-Coachings sind weiterhin nur eingeschränkt möglich und HR-Abteilungen suchen jetzt nach digitalen Alternativen. Mit unserer Plattform für digitales Coaching haben wir viel größere Sprünge gemacht als erwartet. Auch unser Netzwerk an Coaches konnten wir binnen weniger Wochen massiv erweitern, weil sie mit uns ihr Business trotz Lockdown fortführen können. Corona hat sich daher sehr positiv auf unser Geschäft ausgewirkt. Wir konnten unseren Umsatz deutlich steigern.

Welche staatlichen Instrumente hätten Sie sich gewünscht?
Für unsere Mitbewerber – besonders hier in der Start-up-Hauptstadt Berlin – hätte ich mir seitens der Regierung schnelleres und gezielteres Handeln gewünscht. Vieles läuft schon gut, aber nicht nur große Unternehmen bangen in diesen Zeiten um ihre Existenz. Gerade für kleinere Start-ups ist die aktuelle Situation eine Herausforderung. Dabei sind es gerade die jungen agilen Unternehmen, die die Innovationen und damit das wirtschaftliche Wachstum vorantreiben. Zudem ist die Start-up-Szene zu einem bedeutenden Arbeitsplatz-Beschaffer geworden.

Wofür haben Sie die akute Krisenzeit als Start-up genutzt?
Ehrlich gesagt: zum Ausmisten. Im Alltagstrott wird man manchmal etwas betriebsblind, nimmt Dinge, die nicht so rund laufen, als ärgerlich hin. Wir haben den Lockdown genutzt, um bei unseren Prozessen noch effizienter zu werden und damit schneller auf Kundenwünsche reagieren zu können. Auch unsere Europa-Expansion haben wir vorangetrieben. Ich verstehe Krisen immer auch als Chance. Wir bringen uns jetzt in Stellung, um noch stärker aus dieser Phase herauszukommen.