Ein millionenschweres Darlehen soll dem Start-up helfen, seine Technologie weiterzuentwickeln – und die Kundenbasis in der Industrie auszubauen.

Die Gespräche haben sich knapp ein Jahr lang hingezogen – mit dem Ergebnis der langen Verhandlungen ist Felix Reinshagen hochzufrieden. „Ich glaube, es gibt kein Start-up, das diese Möglichkeit nicht gerne wahrnehmen würden“, sagt der CEO von NavVis. Der Anlass für die Freude: Das Münchener Start-up, das auf Indoor-Navigation spezialisiert ist, hat sich gerade eine 20 Millionen Euro umfassende Finanzierung durch die Europäische Investitionsbank (EIB) gesichert. Und das in einer Zeit, in der viele andere Start-ups wegen der Corona-Krise um Kapitalnachschub bangen.

Was den Deal aus so attraktiv macht: Es handelt sich um ein Darlehen mit einer langen Laufzeit. „Als Tech-Unternehmen mit einem hohen Kapitalbedarf verschafft uns das Raum, mehr in Forschung und Entwicklung sowie in unser Wachstum zu investieren“, sagt Reinshagen. Geschenkt ist das Geld nicht – typischerweise müssen EIB-Darlehen nach drei bis fünf Jahren zurückgezahlt werden. Doch die Fremdkapitalfinanzierung hat gegenüber dem Einstieg neuer Gesellschafter einen großen Vorteil: Reinshagen und seine Mitgründer Georg Schroth, Robert Huitl und Sebastian Hilsenbeck müssen keine Anteile an ihrem Unternehmen abtreten, wie etwa bei der letzten Finanzierungsrunde Ende 2018.

Gebäude bekommen digitale Zwillinge

Zwar vergeben auch privatwirtschaftliche Geldhäuser wie etwa die auch in Deutschland aktive Silicon Valley Bank millionenschwere Kredite an Start-ups. „Die Konditionen der EIB sind aber besonders attraktiv“, sagt Reinshagen. Zu dieser Einschätzung kam auch Forto: Das vormals als Freight Hub bekannte Logistik-Start-up hatte Ende Juni ebenfalls eine 20 Millionen Euro schwere Finanzierung durch die EU-Bank bekanntgegeben – und sich sehr positiv über das Darlehen geäußert.

NavVis will das Geld vor allem dafür nutzen, seine Technologie weiter zu verbessern. Das 2013 gegründete Start-up bietet Unternehmen Hard- und Software an, um Innenräume zu scannen – und als „digitale Zwillinge“ zu speichern. Das Ergebnis erinnert an Google Street View: Im Browser kann man von jedem Ort die zuvor gescannten Räume besichtigen. Genutzt wurde das anfangs vor allem auf Baustellen. Zum einen kann so der Fortschritt überwacht werden, zum anderen kann auch virtuell Maß genommen werden.

Prominente Kunden aus der Industrie

Zunehmend nutzen aber auch Industrieunternehmen die Lösung – so zählen die Autohersteller BMW, Daimler und Audi sowie der Technologiekonzern Siemens zu den Kunden von NavVis. Die Vorteile: Unter anderem können Reparaturen einfacher koordiniert werden, die Zusammenarbeit mit externen Dienstleistern wird erleichtert und Vertriebler können potenziellen Kunden ortsunabhängig zeigen, wo und wie Waren produziert werden. Zudem wird manche Geschäftsreise überflüssig. Reinshagen nennt ein Beispiel aus der Autowelt: „Wenn ein Autohersteller ein Werk irgendwo auf der Welt umrüsten will, müssen sich die internen Experten eigentlich vor Ort alles genau anschauen. Mit unserer Lösung können sie die Planungen von ihrem Büro aus angehen.“

Obgleich sich NavVis als Software-Unternehmen versteht, bietet das Start-up auch Hardware zum Erstellen der Scans an. Derzeit gibt es sowohl ein Sensorkit, das man sich umschnallen kann, als auch eines, das man vor sich herschiebt. Beide arbeiten mit Kameras und sogenannten Lidars, die Laser zur Abstandsmessung verwenden. Diese Technologie sei genauer als Verfahren, die alleine auf Bildsensoren setzen, sagt Reinshagen.

Technik aus dem Roboter-Auto

Mit dem Präzisionsversprechen will sich NavVis von der Konkurrenz aus der Start-up-Welt abheben. So setzen die kalifornischen Wettbewerber Matterport und Holobuilder – ein Start-up mit Wurzen in Aachen – bei ihren Scans vor allem auf 360-Grad-Kameras. Lidar-Sensoren sind zwar noch deutlich teuer, so der NavVis-Chef. Aber die Autobranche, die die Technologie für Roboterautos braucht, befördere stark die Weiterentwicklung. „Jede neue Sensoren-Generation senkt die Kosten für die einzelnen Scans“, sagt Reinshagen. „Damit wird unsere Lösung für immer mehr Unternehmen rentabel.“

Aktuell werde von Kunden, zu denen auch auf die 3D-Scans spezialisierte Dienstleister gehören, monatlich bereits eine Gesamtfläche von drei bis fünf Millionen Quadratmeter gescannt. Genutzt wird die Technologie nach Angaben des Gründers von Unternehmen aus 35 Ländern. Vertriebs- und Marketingbüros hat das 200 Mitarbeiter große Start-up bereits in Schanghai und New York – als seinen Kernmarkt sieht das Start-up aber weiterhin die DACH-Region.