Scheitern Frauen anders als Männer? Warum eine Agenturgründerin aufgab – und was sie aus dem für sie schmerzhaften Prozess gelernt hat.

Von Maria Berentzen

Lange schrieb sie ihre eigene Erfolgsgeschichte, heute ein Buch über das Scheitern: Nadine Nentwig studierte Modejournalismus und Medienkommunikation und arbeitete als Beraterin und Texterin. 2007 gründete sie eine eigene PR-Agentur, mit der sie sich fünf Jahre lang am Markt behauptete. 2012 dann wurde das Unternehmen aufgelöst.

Ihr berufliche Laufbahn verarbeitete die heute 37-Jährige in ihrem Buch „Kluge Frauen scheitern anders“. Im Interview mit WiWo Gründer spricht sie über die Vorteile und Herausforderungen einer gemeinsamen Gründung mit einer Freundin, der Kollision von privaten und beruflichen Träumen – und den Lehren, die sie für sich aus dem Ende der Selbstständigkeit gezogen hat.

Frau Nentwig, Ihr Buch trägt den Titel „Kluge Frauen scheitern anders“. Scheitern Frauen tatsächlich auf andere Weise als Männer?

Ich glaube schon. Viele Männer nehmen ein Scheitern eher sportlich. Frauen neigen hingegen dazu, Fehler bei sich zu suchen. Das ist natürlich nicht immer so. Aber meine Erfahrung ist, dass viele Frauen einen höheren Perfektionsanspruch haben.

Und das war bei Ihnen auch so?

Ich habe lange gebraucht, um mir mein Scheitern einzugestehen. Dabei war ich nicht leichtsinnig an die Gründung meines Unternehmens herangegangen. Ich hatte damals das Gefühl, alles bedacht zu haben. Und trotzdem hat es nicht geklappt. Dafür habe ich mich geschämt.

Wieso ist Scheitern so schambehaftet?

Ich habe den Eindruck, dass vor allem viele Frauen sehr hohe Erwartungen an sich selbst haben und sich selbst damit unter Druck setzen. Ich habe zum Beispiel gedacht, dass das, was ich mache, richtig gut werden muss. Ich habe alles gegeben – und es hat trotzdem nicht gereicht. Ich wollte es nicht wahrhaben und hätte es am liebsten niemandem erzählt.

Haben Sie in Ihrer PR-Agentur typische Fehler von Gründern gemacht?

Es gibt in der Regel nicht nur den einen Grund, aus dem ein Start-Up scheitert. Bei mir war es zum Beispiel schwierig, dass ich mich gemeinsam mit einer Freundin als gleichberechtigte Gesellschafterin selbstständig gemacht habe.

Nächste Seite: Wann die Gründung mit der Freundin zur Belastung wurde.

Dabei klingt es erst einmal nach einer guten Idee, sich ein Unternehmen mit jemandem aufzubauen, den man einschätzen kann und den man mag.

Ich würde das nicht grundsätzlich verteufeln. Die Schwierigkeit ist aber, dass sich die geschäftliche und die private Ebene miteinander vermischen. Man ist emotional eng miteinander verbunden – das kann Vorteile haben, aber auch Nachteile.

Zum Beispiel?

Oft ist es schwierig, Konflikte anzusprechen. Man denkt sich, dass sich alles schon regeln wird. Und dann bekommt eine von beiden vielleicht ein Kind und kann nicht mehr so viel arbeiten, während die andere abends länger bleibt. Vielleicht ist eine von beiden bei den Kunden beliebter – oder die andere hat das Gefühl, dass die unbeliebten Aufgaben immer an ihr hängenbleiben. Und dann fängt man doch irgendwann an, aufzurechnen.

Wie kann man mit so etwas umgehen?

Wichtig ist, dass man nicht zu viel hinunterschluckt, sondern offen miteinander umgeht. Dazu gehört es, Kritik nicht persönlich zu nehmen, sondern auf der beruflichen Ebene zu bleiben. Zugleich ist genau das schwierig.

Was ist bei Ihnen passiert? An welchen Stellen gab es Probleme?

Ich habe oft die Wochenenden durchgearbeitet und regelmäßig nachts um elf Uhr noch Kundengespräche geführt. In einem solchen Leben ist eigentlich für nichts anderes mehr Platz, nicht für die Partnerschaft, nicht für Freunde und auch nicht für ein Kind. Ich hatte aber mit Ende 20 einen Kinderwunsch und habe ihm nachgegeben. Wir wurden in unserer Agentur beide schwanger und haben ein Kind bekommen.

Und das war ein Fehler?

Ich glaube, ich war total naiv und habe gedacht, dass ich mit Kind einfach so weitermachen kann wie bisher. Das wird einem oft vorgegaukelt, funktioniert aber leider nicht. Es ist kaum möglich, eine erfolgreiche, selbstständige Unternehmerin zu sein und zugleich eine treusorgende Mutter, die die ganze Zeit voll für ihr Kind da ist. Auf einer Seite muss man Abstriche machen. Das war mir vorher überhaupt nicht bewusst. Ich habe versucht, einfach so weiterzumachen, bis es nicht mehr ging.

Nächste Seite: Warum Scheitern geil sein kann – sich aber erst einmal nicht so anfühlt.

Ihr Vorwort trägt die Überschrift „Scheitern ist geil“. Das Buch liest sich aber eher so, als sei das Scheitern vor allem belastend gewesen. Inwiefern ist ein Scheitern auch eine Chance?

Ich habe dabei extrem viel über mich selbst gelernt. Man ist nach so einer Erfahrung nicht mehr derselbe Mensch wie vorher. Es hilft dabei, sich neu aufzustellen. Wenn man ohnehin am Boden ist, hat man die Chance, völlig neue Jobvorstellungen zu entwickeln.

Was haben Sie über sich selbst herausgefunden?

Ich habe bei meiner Selbstständigkeit schnell gemerkt, dass mich die finanziellen Verpflichtungen belastet haben. Wenn man Mitarbeiter und ein Büro hat, entsteht extrem viel Druck und Verantwortung. Ich habe mich bewusst entschieden, dass ich das nicht mehr möchte. Ich habe das weitgehend umsetzen können und bin jetzt in einem ganz kleinen Rahmen selbstständig. Ich arbeite von zu Hause aus. Ich habe auch keine Mitarbeiter mehr und ich bin viel flexibler. Ich kann meine Texte schreiben, wann immer ich will. Das hilft mir auch als Mutter.

Ist es denn immer möglich, dabei Druck zu vermeiden? Wie schützen Sie sich heute selbst?

Ein bisschen Druck gibt es immer einmal. Aber ich kenne heute meine Grenzen und kann besser priorisieren als früher. Immer klappt das natürlich nicht. Aber viel besser als früher. Ich hatte anfangs zum Beispiel Angst, einen Auftrag abzusagen, weil ich Sorge hatte, nicht mehr angefragt zu werden. Ich habe aber gelernt, dass ich auch Nein sagen kann – und trotzdem wieder Aufträge bekomme.

Was können Selbstständige tun, wenn sie spüren, dass sie an Grenzen kommen? Oder anders gefragt: Wie scheitern kluge Frauen?

Es ist zunächst einmal ein ganz großer Schritt, das für sich selbst überhaupt zu erkennen und es sich einzugestehen. Das hat bei mir enorm lange gedauert. Es ist sehr gefährlich, wenn man auf Dauer über seine eigenen Grenzen geht. Dann droht ein Burnout. Es ist aber eine Eigenart fast jedes Unternehmers, bis zuletzt zu kämpfen. Viel sinnvoller ist es, sich einzugestehen, dass man an seine Grenzen kommt, und sich rechtzeitig Hilfe zu suchen, wenn man nicht weiterkommt.

Und wenn es bereits brennt und nichts mehr geht?

Dann ist es besonders wichtig, aktiv herauszugehen und sich Unterstützung zu suchen. Ich spreche dabei nicht nur von beruflicher Beratung. Meistens brennt es dann in verschiedenen Bereichen. Alleine kommt man nur schwer aus so einer Krise heraus. Ich habe beispielsweise eine Psychotherapie gemacht, die mir sehr geholfen hat.

Nächste Seite: Wann sich Gründer Hilfe holen sollten – und wie viel Zeit erlaubt ist.

Das bezieht sich auf Hilfe von außen. Was kann jeder für sich selbst tun? Sie empfehlen in Ihrem Buch zum Beispiel, laufen zu gehen oder Musik zu hören. Ist das für jeden geeignet?

Grundsätzlich finde ich es wichtig, sich Zeit für sich selbst zu nehmen. Dafür sollte man sich ruhig fixe Termine in seinen Kalender eintragen. Ich weiß, dass das besonders schwierig ist, wenn es bereits brennt. In so einer Situation möchten Selbstständige auch noch die letzte Kraft in das Unternehmen stecken – aber gerade dann sind Auszeiten besonders wichtig, um wieder aufzutanken. Ich glaube tatsächlich, dass Sport und Musik für fast alle Menschen funktionieren.

Was raten Sie anderen in Ihrer Situation?

Sich frühzeitig Hilfe zu suchen. Es lohnt sich auch, sich nach einem Scheitern wirklich Zeit zu nehmen. Ich dachte damals: „Hinfallen, aufstehen und weitermachen“. Viele haben einen hohen Anspruch an sich und erwarten, schnell aus Fehlern zu lernen und danach doppelt so erfolgreich zu sein, indem sie sich doppelt anstrengen. Das ist fatal. Viel wertvoller ist es, sich die Erlaubnis zu geben, sich Zeit zu nehmen. Es ist wichtig, dass man erst einmal liegenbleiben darf, nachdem man hingefallen ist.

Brauchen wir eine andere Kultur des Scheiterns?

Ja. Scheitern wird in Zukunft noch viel mehr zum Thema werden. Früher war die Berufswelt viel konservativer: In der Regel fing man in einem Unternehmen an zu arbeiten – und blieb dann dort bis zur Rente. Meine Eltern haben zum Beispiel nicht verstehen können, wieso ich früher alle zwei Jahre die Agentur gewechselt habe. Es wird in Zukunft noch viel mehr Veränderungen im Berufsleben geben und auch immer mehr Start-Ups – dazu gehört aber auch, dass Menschen mit ihren Ideen scheitern. Scheitern wird zur Normalität werden. Wir müssen begreifen, dass es danach weitergeht.