Eine Gruppe von 20 Wagniskapitalgebern will nur noch in Unternehmen investieren, die ihre Emissionen messen, reduzieren und kompensieren.

Mitarbeiter sollen mit dem Zug reisen, bei Veranstaltungen gibt es vornehmlich vegetarische Gerichte, Lebensmittelabfälle werden zu Biokraftstoff verwertet: Maßnahmen wie diese sollen dem Zahlungsanbieter Klarna helfen, seine CO2-Bilanz zu verbessern. Mitten in der von den Friday-For-Future-Protesten angeheizten Klimadebatte hatte das schwedische Fintech im Sommer vergangenen Jahres angekündigt, noch 2019 klimaneutral zu werden. Auswertungen dazu gibt es nach Angaben des Unternehmens zwar noch nicht, das Ziel erreicht haben dürfte Klarna aber – denn verbleibende Emissionen sollen durch die Investition im Klimaschutzprojekte kompensiert werden.

Dem Beispiel dürften in den kommenden Monaten Dutzende junge Techfirmen aus Deutschland folgen – wenn auch nicht immer ganz freiwillig. Der Grund: Eine Gruppe bekannter Wagniskapitalgeber hat sich gerade dazu verpflichtet, nur noch in Start-ups zu investieren, die sich zur Nachhaltigkeit bekennen. „Wir wollen damit unserer gesellschaftlichen Verantwortung als Finanzinvestor gerecht werden“, sagt Fabian Heilemann, Partner bei der Berliner VC-Firma Earlybird.

Partnerschaft mit Leaders for Climate Action

Für seine Initiative hat Heilemann mehr als 20 Wagniskapitalgeber um sich geschart. Darunter sind bekannte Namen wie Project A, Holtzbrinck Ventures, Cherry Ventures und Picus Capital – ein Investmentvehikel von Rocket-Internet-Mitgründer Alexander Samwer. Eine Partnerschaft gibt es mit Leaders for Climate Action. Der im Sommer gegründeten Initiative, die unter anderem für eine wirksame CO2-Bepreisung eintritt, haben sich inzwischen mehr als 200 Digitalunternehmer angeschlossen. Unter den Gründungsmitgliedern sind Fabian Heilemann und sein Bruder Ferry Heilemann.

Konkret wollen die Geldgeber bei von ihnen verhandelten Finanzierungsrunden eine Nachhaltigkeitsklausel bei den Vereinbarungen mit den Start-ups durchzusetzen. Diese soll die jungen Unternehmen dazu verpflichten, ihren CO2-Ausstoß zu messen, diesen zu reduzieren und verbleibende Emission durch Investitionen in Klimaprojekte auszugleichen – ganz so, wie es beispielsweise Klarna angekündigt hat. Für die Umsetzung gelte eine Frist von sechs Monaten, sagt Fabian Heilemann. Über Posten im Aufsichtsrat wollen die VC-Firmen die Fortschritte kontrollieren.

Earlybird will selbst mit gutem Beispiel vorangehen: Man habe den eigenen CO₂-Fußabdruck im vergangenen Jahr um ein Fünftel reduziert, so Heilemann. Zu konkreten eigenen Klimazielen oder einer eigenen Nachhaltigkeits-Berichterstattung verpflichten sich die 20 Wagniskapitalgeber bisher aber nicht. Unklar ist auch, wie rigoros die VC-Firmen auf Nachhaltkeitsklauseln pochen werden, wenn sie sich in Finanzierungsrunden nicht als Lead-Investoren beteiligen – und damit nicht unmittelbar die Rahmenverträge mit den Start-ups verhandeln.

Start-up will CO2-Erfassung erleichtern

Heilemann räumt ein, dass die Auseinandersetzung mit dem Thema Gründern einiges abverlangen kann: „Es besteht die Gefahr, dass Managementkapazitäten dann an anderer Stelle fehlen. Wir sind aber überzeugt davon, dass die Zeit gut investiert ist.“ Tatsächlich gibt es eine Reihe positiver Effekte: So können die Start-ups ihr Klima-Engagement fürs Marketing nutzen – auch beim Werben um Mitarbeiter. „Für hochattraktive Arbeitgebermarken ist Nachhaltigkeit ein Faktor, den man nicht mehr vernachlässigen kann“, sagt Heilemann.

Beratend soll den Gründern Leaders for Climate Action zur Seite stehen. Beim Aufbau eines Messsystems sowie der Auswahl geeigneter Ausgleichs-Zertifikate arbeiten die Investoren zunächst mit der Münchener Beratung Climate Partner zusammen. Der aufwendige Reporting-Prozess könnte künftig auch automatisiert werden, wie es die Outfittery-Gründerin Anna Alex, die ebenfalls bei Leaders for Climate Action engagiert ist, mit ihrem neuen Start-up plant: Planetly wolle Datenanalysen nutzen, um Emissionen zu ermitteln und zu kompensieren, kündigte die Gründerin im Gespräch mit dem Handelsblatt an.

Kompensation nur zweite Wahl

Unumstritten ist die CO2-Kompensation indes nicht – manche Umweltschützer sehen darin einen Ablasshandel, der gut für Marketing und Gewissen ist, dem Klima aber nur bedingt hilft. Auch Fabian Heilemann kennt die Kritik. Er betont, dass die Kompensation nicht im Vordergrund stehen. „Wichtig ist uns vor allem, dass eine Reduktion der Primäremissionen stattfindet“, sagt der Investor. Er stellt in Aussicht, dass die Klauseln künftig auch branchenspezifisch ausfallen könnten. „Ein E-Commerce-Unternehmen, das Tausende Pakete am Tag versendet, kann an anderen Stellschrauben drehen als ein reines Softwareunternehmen.“

Tatsächlich dürften die CO2-Emissionen, auf die Digital-Start-ups einen direkten Einfluss haben, relativ begrenzt sein. Doch auch Lieferanten und Kunden sollen für das Thema sensibilisiert werden. „Start-ups bekommen durch ihre Innovationskraft viel Aufmerksamkeit und werden als Leuchttürme wahrgenommen“, lässt sich Samwer in der Pressemitteilung zitieren. „Diese Strahlkraft wollen wir gemeinsam für Nachhaltigkeit in der Wirtschaft nutzen.“ Klimaschutz rückt indes auch abseits der Start-up-Welt mehr und mehr in den Blick von Geldgebern. Kürzlich erst hatte Black-Rock-CEO Larry Fink in einem vielbeachteten Brandbrief von den CEOs großer Unternehmen mehr Engagement in Sachen Nachhaltigkeit gefordert.

Von der höheren Aufmerksamkeit für das Thema könnten auch Start-ups profitieren, die explizit Klima- und Umwelttechnologien entwickeln. So entsteht in München gerade mit Respond ein neuer Accelerator, der sich an Gründer mit ökoligisch und gesellschaftlich relevanten Geschäftsmodellen entwickelt. Initiator ist die BMW Foundation Herbert Quandt, die mit dem Münchener Innovations- und Gründerzentrum UnternehmerTUM zusammenarbeit. Bisher – so zeigen Erhebungen des Borderstep Insituts und des Bundesverbands Deutsche Startups – tun sich grüne Start-ups vergleichsweise schwer bei der Investorensuche.