Das Start-up legt die Produkte der Händler für die Risikobewertung zugrunde. Nun hat das Unternehmen selbst frisches Kapital eingesammelt. 

Es war ein befreundeter Unternehmer, der Nikolaus Hilgenfeldt  – wenn auch unfreiwillig – auf die Idee zur Gründung des FinTechs Myos brachte. „Er erzählte mir von seinen Schwierigkeiten trotz guter Zahlen und einem Beststeller auf Amazon Working Capital für das weitere Wachstum seines Onlineshops aufnehmen zu können.“ Hilgenfeldt war neugierig geworden: Gab es keine Finanzierungsangebote, die den Bedürfnissen eines Online-Händlers, wie es sein Freund war, entgegenkommen? Er machte sich auf die Suche und fand: Nichts. „Die meisten Banken und Fintechs verwenden leider immer noch klassische Risikometriken, anstatt sich auf die Produkte des jeweiligen Händlers zu fokussieren.“

Hilgenfeldt beschloss, diese Lücke zu schließen – und gründete Myos, angelehnt den antiken Handelshafen am Roten Meer und „als Sinnbild der Sicherheit vor stürmischer See und für das Auftanken vor dem Aufbruch zu Geschäftsreisen und damit zu neuem Umsatz.“

Das Verkaufspotential der Waren ist ausschlaggebend

Myos bietet Online-Händlern eine neue Möglichkeit der Finanzierung: An Stelle der Händler selbst zieht das Start-up ausschließlich deren Produkte als Maßstab für eine Risikobewertung heran. Mit einem selbstentwickelten Tools analysiert und beobachtet das Team von Myos das Verkaufspotential der Waren auf Online-Marktplätzen wie Amazon, Alibaba oder eBay – und vergibt bei einer erfolgreichen Entwicklung flexibel und ohne Bürgschaften Liquidität in bis zu siebenstelliger Höhe.

Im Frühjahr 2018 brachten Nikolaus Hilgenfeldt und seine Mitgründer Frane Bandov und Benjamin Schickert das Konzept auf den Markt. Kurz darauf folgte eine ersten Finanzierungsrunde im hohen sechsstelligen Bereich durch Business Angels. Nun hat das Start-up zehn Millionen Euro in Eigen- und Fremdkapital aufgenommen.

Zu den Eigenkapital-Investoren gehören der Züricher Company Builder Mountain Partners, die Berlin Technologie Holding (BTH),  der Berliner Wagniskapitalgeber Avala Capital. Auch mehrere Business Angels waren beteiligt – darunter die Gründer von Raisin, Kaufda-Gründer Tim Marbach und Real.de-Chef Gerald Schönbucher. Das Fremdkapital, durch das die Kredite der Händler finanziert werden, steuern die Deutschen Handelsbank und die Raisin Bank bei. Die Weltsparen-Mutter hatte die ehemalige MHB Bank im März übernommen und im August umbenannt.

Internationalisierung ist geplant

Das frische Geld soll in die Refinanzierung des Portfolios sowie in die Weiterentwicklung der  technischen Plattform fließen: „Wir wollen die Automatisierung der Kreditvergabe vorantreiben. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der AI-gestützten Scoring-Technologie“, so Nikolaus Hilgenfeldt gegenüber WirtschaftsWoche Gründer. Auch eine Vergrößerung des aktuell 28-köpfigen Teams sei geplant: „Wenn wir weiterhin so gut wachsen, könnte sich diese Zahl im kommenden Jahr verdoppeln. Aktuell suchen wir vor allem Verstärkung für unser Kundenteam, also Sales und Customer Success.“

Eigenen Angaben zufolge hat das Start-up seit seinem Markteintritt im Frühling 2018 über 40 Millionen Euro Handelsumsatz finanziert. Zu den Kunden gehören Händler aller Art, vor allem aus dem E-Commerce, die in der Regel zwischen 100.000 Euro und 10 Millionen Euro Umsatz mit Produkten im Konsumgüterbereich erwirtschaften. Aktuell beschränkt Myos sein Angebot noch auf Deutschland und Österreich, eine Internationalisierung sei aber geplant, so Hilgenfeldt: „Wir arbeiten mit Hochdruck daran auch Händler in anderen europäischen Ländern finanzieren zu können.“