Mitten in der Branchenkrise macht das Berliner Start-up mit einem Pilotversuch beim Mobilfunkkonzern Vodafone auf sich aufmerksam.

Endlich drehen sie sich: Angebracht in 50 Meter Höhe, versorgen vier kleine Windturbinen seit Mitte Dezember einen Mobilfunkmasten von Vodafone in Torgelow mit Ökostrom. Lange hatte Till Naumann, der die Mikro-Turbinen mit seinem Start-up Mowea entwickelt, auf den Pilotversuch in Mecklenburg-Vorpommern hingearbeitet. Dass der Telekommunikationskonzern die Zusammenarbeit dann prominent in einer Pressemitteilung anpries, war ein Glücksfall für das Start-up. „Wir können uns im Moment kaum vor Anfragen retten“, sagt der Gründer.

Damit entzieht sich Mowea dem Branchen-Trend. Denn bei den meisten Windkraft-Unternehmen in Deutschland herrscht derzeit Krisenstimmung. Im vergangenen Jahr sind hierzulande nur knapp 280 Windräder mit einer Gesamtleistung von 940 Megawatt in Betrieb genommen worden – so wenig wie zuletzt 1998. Das geht aus einer Auswertung der Fachagentur Windenergie an Land hervor, über die die Deutsche Presse-Agentur am Wochenende berichtet hat. Die Gründe für die Flaute: Genehmigungsverfahren ziehen sich ewig hin, es gibt zahlreiche Klagen gegen Projekte – und auch ohne neue Mindestabstände zu Wohnhäusern gibt es kaum noch Flächen, die überhaupt in Frage kommen.

Anders sieht das bei den Anlagen von Mowea aus: Dank ihrer geringen Größe – die Rotoren messen nur 1,5 Meter im Durchmesser – sind die Anforderungen an eine Genehmigung wesentlich geringer. Das Surren fällt vergleichsweise leise aus, eine spezielle Verankerung vermeidet Vibrationen. Geht es nach Naumann, werden künftig auch große Büro- oder Wohngebäude zu Windmühlen. Für Flachdächer hat das Start-up verschiedene Gehäuse entwickelt. Gemeinsam ist allen Modulen: Sie sollen sich unkompliziert zu größeren Anlagen zusammenfügen lassen. „Der Schlüssel für den Erfolg ist der modulare Aufbau und die Standardisierung“, ist Naumann überzeugt.

5G-Ausbau als Treiber

Hervorgegangen ist das Start-up aus einem Forschungsprojekt an der TU Berlin, wo Naumann zur Aerodynamik kleiner Rotorblätter geforscht hatte. Zusammen mit Andreas Amberger, damals ebenfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter, baute er eine Demonstrationsanlage mit 24 vernetzten Einzelturbinen auf einem Gebäude der Prüfgesellschaft Germanischer Lloyds. Die beiden waren überzeugt, dass der Strom aus den Kleinstanlagen wirtschaftlich erzeugt werden kann – nach einem Exist-Stipendium gründeten sie Ende 2016 Mowea.

Ein paar kleinere Versuchsanlagen an Gebäuden gibt es schon länger. Der Pilotversuch mit Vodafone soll die Eignung der Technik im Mobilfunk-Bereich unter Beweis stellen. Die hohen Masten und das Bestreben der Unternehmen, trotz des 5G-Aufbaus ihre Ökobilanz zu verbessern bieten gute Voraussetzungen. Großes Potenzial vermutet Naumann vor allem auch in Ländern mit einem schlecht ausgebauten Stromnetz. „Alleine in Indien gibt es 450.000 Mobilfunkmasten, die permanent mit einem Diesel-Generator betrieben werden.“

Schweres Erbe

Die Herausforderung für das aktuell zehnköpfige Start-up ist es nun, eine Serienproduktion aufzubauen. Dafür aber sind neue Investoren nötig. Auf eine Millionen Euro beziffern die Gründer den Kapitalbedarf für die kommenden Jahren. Man sei in fortgeschrittenen Gesprächen mit institutionellen Investoren, sagt Naumann. Bisher hat sich das Start-up vor allem über Forschungsgelder finanziert – hinzu kam ein per Crowdinvesting eingesammeltes Darlehen.

Ein Hemmschuh bei der Investorensuche ist das schwere Erbe, das Mowea antritt. Denn schon vor Jahren hatten Experten Kleinstanlagen eine rosige Zukunft vorhergesagt. In der Praxis entpuppten sich viele Systeme aber als unbrauchbar. Hohe Welle hat der Fall Tassa geschlagen. Das Wolfsburger Start-up heimste 2009 mit seinem Mini-Windrad zwar einen Preis der Förderbank KfW ein. Doch das System entpuppte sich als unausgereift. Kunden forderten bald ihr Geld zurück, der Geschäftsführer musste sich Gericht verantworten.

„Es gab bisher keine effizienten und modularen Systeme“, sagt Naumann, der eine hohe Standardisierung und Qualitätssicherung für die eigenen Produkte verspricht. Er verweist auf die langen Forschungsarbeiten – und die ausführlichen Pilotversuche. Schützenhilfe bei Verhandlungen mit Geldgebern könnte bald von Vodafone kommen: Sollte sich der Konzern dazu entschließen, die Technik an weiteren Standorten einzusetzen, dürfte das weitere Skeptiker überzeugen. Im Frühjahr soll die Zwischenbilanz für Torgelow gezogen werden.