Das gerade in Deutschland gestartete Start-up nimmt Lebensmittelkonzernen zu viel produzierte Waren ab – und verkauft diese mit sattem Rabatt.

67 Prozent Rabatt sind es beim 24er Pack Coca-Cola Zero, 50 Prozent bei der Colgate Zahnpasta und 20 Prozent bei der Tüte Crunchips: Mit satten Preisnachlässen wie diesen lockt der Onlineshop Motatos, der vor knapp drei Wochen in Deutschland gestartet ist. Die Besonderheit: Bei den meisten Produkten ist das Mindesthaltbarkeitsdatum nicht mehr fern – oder sie stecken in saisonalen Verpackungen, die im Einzelhandel schon nicht mehr zu finden sind.

Hinter dem Shop steht ein schwedisches Start-up: Gegründet 2014, hat Matsmart der Lebensmittelverschwendung den Kampf angesagt – und verspricht eine „Win-Win-Situation“ für Verbraucher wie Hersteller. Denen werden überschüssige Waren abgekauft, die es nicht in den Handel geschafft hätten. Außer in Schweden ist das Start-up seit 2017 in Finnland aktiv. Im November kam ein dänischer Ableger hinzu, den deutschen Online-Shop gibt es seit Ende April. „Wir sind extrem froh, dass der Start trotz Corona so reibungslos gelungen ist“ sagt Deutschland-Manager Alexander Holzknecht.

17 Millionen Euro von Investoren

Mit der Expansion setzt das Start-up seine Ankündigung aus dem vergangenen Oktober um. 17 Millionen Euro haben sich die Gründer Karl Andersson, Erik Södergren und Ulf Skagerström damals von Gelgebern eingesammelt. Angeführt hat die jüngste Finanzierungsrunde LeadX Capital Partners – ein Wagniskapitalfonds, bei dem der Düsseldorfer Handelskonzern Metro der größte Anteilseigner ist. Unter den weiteren Investoren sind unter anderem die Ikea-Mutter Ingka Group sowie die VC-Firma Northzone.

Zum Start sind etwa 200 verschiedene Produkte bei Motatos Deutschland zu finden, das Angebot variiert ständig. Versendet werden die Waren aus einem von Fiege betriebenen Logistikzentrum in Großbeeren südlich von Berlin. Das in der Hauptstadt ansässige Vertriebs- und Marketingteam besteht aus aktuell fünf Personen. Ein Ziel: „Es geht darum, neue Partner zu finden und das Sortiment um lokale Marken zu erweitern“, sagt Holzknecht.

Lebensmittelkonzerne als Partner

Zu den großen Kooperationspartnern zählen bereits Konzerne wie Nestlé, Dr. Oetker und Unilever. Einen Rahmenvertrag hat Motatos auch mit der Metro abgeschlossen. Details dazu nennt Holzknecht nicht. Möglicherweise nimmt das Start-up dem Handelskonzern künftig aber Waren ab, die sich in den Großmärkten nicht verkauft haben.

Aus PR-Sicht wäre dieser Schritt riskant – denn Motatos droht dann eine ähnliche Diskussion wie dem Berliner Konkurrenten Sirplus. Der verkauft ebenfalls Produkte mit nahem oder überschrittenem Mindesthaltbarkeitsdatum, bezieht seine Waren aber vorwiegend aus dem Handel – auch Metro nennt Sirplus als Partner. Den Gründern brachte das Vorgehen den Vorwurf ein, Wohltätigkeitsorganisationen Konkurrenz zu machen, die auf Spenden der Händler angewiesen sind. Besonders harsch war die Kritik in der Gründershow „Die Höhle der Löwen“ – obgleich das Start-up beteuert, dass die Tafeln jederzeit Vorrang haben und sogar ein großer Teil der Einnahmen gespendet wird.

Unbestritten ist: Trotz Spenden an die Tafeln werden im Handel nach wie vor viele unverkaufte Waren vernichtet. Auf 550.000 Tonnen beziffert das Umweltbundesamt die jährliche Menge. Mit je 1,9 Millionen Tonnen noch größer ist das  vermeidbare Abfall-Aufkommen der Industrie und der Gastronomie. Auch dort wollen Start-ups die Verschwendung eindämmen: So können Restaurant nicht verkaufte Gerichte nach Geschäftsschluss über die in Dänemark entwickelte App Too Good to Go vergünstigt verkaufen.