Wie lassen sich sensible Kundendaten schützen? Indem man sie verwandelt, lautet der Ansatz von Mostly AI. Noch sieht sich das Start-up damit im Vorsprung.

Eine Selbstverständlichkeit nennt Gründer und Datenforscher Michael Platzer das Interesse, das dem Softwareentwickler Mostly AI gerade entgegenschlägt. Die Begründung: gutes Timing und ein drängendes Thema. „Wir Gründer haben alle einen technischen Hintergrund – uns war von Anfang an klar, dass der Datenschutz genauso wichtig bleiben wird oder noch an Bedeutung gewinnt“, sagt der Geschäftsführer der jungen Wiener Firma zu WirtschaftsWoche Gründer. Die Entwicklungen der vergangenen Jahre sollten ihnen recht geben.

Als 2017 der Startschuss für Mostly AI fiel, waren es noch einige Monate bis zum Inkrafttreten der EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Auch der Skandal um die britische Analysefirma Cambridge Analytica, die als verantwortlich gilt für den Missbrauch von Millionen Facebook-Datensätzen, kam erst ein Jahr später ins Rollen. Inzwischen hat sich die EU-Kommission auf eine europäische Strategie für Daten und Künstliche Intelligenz (KI) verständigt. „Unsere Gesellschaft erzeugt massenweise industrielle und öffentliche Daten, die die Art und Weise, wie wir produzieren, verbrauchen und leben, verändern werden“, lässt sich etwa der für den Binnenmarkt zuständige EU-Kommissar Thierry Breton im Februar in einer Pressemitteilung zitieren. Er betont die Chancen: „Ich möchte, dass europäische Unternehmen auf diese Daten zugreifen und daraus einen Mehrwert für die Europäer schaffen können.“ Hier bringt sich das Start-up ins Spiel.

Anonym per Algorithmus

Genauer geht es um die Frage: Wie können Organisationen persönliche Daten nutzen, ohne die Privatsphäre von Verbrauchern und entsprechende Gesetze zu verletzen? Ob es um Zahlungsströme bei Banken, Standortdaten für Mobilitätsdienste oder Patienteninformationen wie Blutwerte geht – mehr denn je entdecken verschiedene Branchen derzeit die Möglichkeiten, solche Informationen etwa für die Forschung und Produktentwicklung zu nutzen. Mostly AI arbeitet an einem Weg, um die Risiken dabei von vornherein zu verringern: Damit die sensiblen Informationen gar nicht erst in falsche Hände geraten können, werden sie schon am Ort der Entstehung anonymisiert. Mit den verschleierten Daten sollen Firmen dann auch im DSGVO-Umfeld bedenkenlos arbeiten können.

Anonym werden die Daten so: Eine Software überführt die Informationen über einzelne Nutzer in eine Gruppe an künstlichen Personen. Erhalten bleiben die detaillierten statistischen Zusammenhänge, die für die Unternehmen interessant sind – nicht aber die individuellen Merkmale, die auf die ursprüngliche Person hindeuten. Fachleute sprechen von synthetischen Daten.

Der Weg dorthin führt über ausgeklügelte mathematische Modelle, sagt Gründer Michael Platzer. Der Aufwand sei notwendig, um zu verhindern, dass Personen trotz Anonymisierung sozusagen reidentifiziert werden könnten – etwa mit Hilfe von zusätzlichen, öffentlich zugänglichen Informationen wie Social-Media-Daten. Damit die Algorithmen selbst keine Fehler machen, läuft nach der Umwandlung des Datensatzes ein Test, der beweisen soll, dass sich die Datensätze stark genug voneinander unterscheiden.

Vorsprung durch Forschung

Mostly AI sieht sich der internationalen Konkurrenz, auch den amerikanischen IT-Größen, bislang überlegen: „Wir haben unserer Ansicht nach das genaueste Verfahren entwickelt. Da steckt viel Forschungsarbeit der vergangenen Jahre drin, zum Teil arbeiten wir mit Methoden, die noch gar nicht publiziert sind“, sagt Platzer. Der Großteil der wissenschaftlichen Arbeiten konzentriere sich bislang auf die Synthetisierung von Bildern – Schwerpunkt des in Berlin ansässigen Start-ups Brighter AI, ebenfalls 2017 gegründet und mit einer Millionenfinanzierung ausgestattet. Beide Unternehmen sind bereits in den USA aktiv. Mostly AI unterhält einen Standort in New York, wo sich das Team demnächst von einem auf bis zu vier Mitarbeiter vergrößern soll.

Die Österreicher verfolgen ambitionierte Ziele: Künftig auch Bilder zu anonymisieren, schließt CEO Platzer nicht aus. Dazu kommen potenziell auch Tonaufnahmen und Texte: „Unsere Ambition ist es, synthetische Welten zu schaffen, und damit Wissen zu generieren, ohne im Prozess Personen und deren Privatsphäre zu gefährden.“ Der Fokus bleibe aber vorerst auf strukturierten Kundendaten etwa aus der Telekom- und Finanzbranche sowie dem öffentlichen Sektor.

Überzeugen konnte das Start-up bereits den Telekom-Riesen Telefónica sowie den IT-Konzern Microsoft, bei dem Platzer vor der Gründung als Data Scientist beschäftigt war. Auch die österreichische Erste Group Bank gehört zu den Kunden. Mit weiteren Banken und Versicherungen auch in Frankfurt liefen derzeit Gespräche. Angesichts von Open Banking und der zunehmenden Vernetzung der Branche sieht Mostly AI hier enorme Chancen. „Der Innovationsdruck und die Herausforderungen rund um den Datenschutz sind in der Finanzindustrie momentan am größten“, sagt Platzer.

Milliarden für KI-Start-ups

Kapital für eine große Branchen-Offensive ist vorhanden: Zusätzlich knapp 4,5 Millionen Euro erhält das Start-up vom europäischen Venture-Capital-Investor Earlybird sowie den Bestandsinvestoren 42 Cap aus München und Push Ventures aus Wien, wie vor einigen Tagen bekannt wurde. Damit soll unter anderem das Team von derzeit 15 auf 30 Mitarbeiter wachsen. Bereits 2018 floss eine Million Euro an die junge Firma.

Deutsche Start-ups, die wie Mostly AI auf selbstlernende Algorithmen zurückgreifen, sammeln zunehmend höhere Summen ein, wie der Digital Hub Applied Artificial Intelligence (AI) meldet: 2,2 Milliarden Euro waren es im vergangenen Jahr, zuvor noch 1,2 Milliarden Euro. Die meisten sogenannten KI-Start-ups – insgesamt 250 zählt Applied AI hierzulande – sind in der Fertigung, Transport, Mobilität und dem Gesundheitswesen aktiv.