Rückfälle in psychische Erkrankungen will das Start-up Mindpax verhindern – mit Hilfe von Fitnessarmbändern. Der Schritt in die Breite steht noch bevor.

Alle zwei Jahre erleiden Patienten mit einer sogenannten bipolaren Störung oder Schizophrenie im Schnitt einen Rückfall, erklären die Gründer von Mindpax ihren Ansporn. Diesen gefährlichen Zyklus will das Team in Prag und München unterbrechen, mit einer Kombination aus Fitnessarmband und App. Das System soll frühzeitig beim Arzt Alarm schlagen, wenn sich Anzeichen etwa für depressive Verstimmungen mehren. Hintergrund ist die schwierige Behandlung insbesondere von bipolaren Störungen, wie Mitgründer Filip Spaniel beschreibt: „Diese chronische psychische Krankheit ist durch abwechselnde Zustände von Manie und Depression gekennzeichnet, die bis zu mehreren Monaten andauern können. Sie ist mit hohen Selbstmordraten von bis zu zehn Prozent verbunden.“ Mehr als 70 Millionen Menschen weltweit seien betroffen.

Besonders hart trifft diese Patienten die aktuelle Corona-Krise, wie Maximilian Haas erklärt, Manager für die Klinische Entwicklung: „Sie sind häufig alleinstehend und damit stärker betroffen von Isolationsmaßnahmen. Unsere App motiviert dazu, soziale Kontakte aktiv einzuplanen“, sagt Haas, der mit einem Team aus insgesamt fünf Personen den Markteintritt in Deutschland vorbereitet. Um Erkrankte durch den Ausnahmezustand zu begleiten, erarbeitet das Start-up derzeit neue Inhalte für die App – beispielsweise Anleitungen für einen strukturierten Tagesablauf oder Lernpakete zum Umgang mit Angst. Enthalten sind etwa Atem- und Meditationsübungen, die bei der aktiven Beruhigung helfen sollen. Praktische Erfahrungen mit der App sammelt derzeit unter anderem das King’s College in London. Darüber hinaus kooperiert das Start-up mit Spezialkliniken in Belgien, Frankreich, den USA und Kanada.

Warten auf den Startschuss

Im Detail funktioniert das Frühwarnsystem so: Ein Fitnessarmband misst das Schlafverhalten und die körperliche Aktivität. Außerdem fließen in die Analyse Daten zur Dosierung von Medikamenten ein sowie persönliche Angaben der Patienten zur Stimmung und wichtigen Ereignissen. Die Auswertung von Mindpax soll Ärzten einen Einblick in den Verlauf der Erkrankung liefern und die Chance, die Behandlung rechtzeitig anzupassen. „Bei der Rückfallerkennung sind wir schon weit gekommen“, sagt der Leiter der Klinischen Entwicklung. Weitere Krankheitsbilder wie Depression sollen folgen. Das Ziel: Die Zahl der Krankenhaustage für Patienten zu reduzieren sowie Klarheit über die passenden Medikamente zu liefern.

Interesse angemeldet hätten bereits Pharmaunternehmen, die Erkenntnisse über die Wirksamkeit ihr Mittel gewinnen wollten, sagt Haas. In Tschechien seien erste Verträge für sogenannte Post-Market-Studien geschlossen. Mit den Anwendern selbst verdient Mindpax noch kein Geld, die derzeit rund 700 Nutzer testen das System noch im Rahmen von Studien. Wie der Berliner Rivale Moodpath hoffen die Gründer aus Prag nun hierzulande auf eine Zulassung nach dem Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG). Demnach sollen gesetzliche Krankenkassen auch Apps auf Rezept bezahlen – eine Regelung, die zahlreichen jungen Firmen aus dem Bereich der digitalen Gesundheit kräftigen Anschub verspricht. Noch im Frühjahr sollen Anbieter die ersten Anträge einreichen können, im Sommer soll ein Verzeichnis der sogenannten Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) stehen.

Auch Mindpax will sich ab Sommer als „App auf Rezept“ bewerben und ab dem frühen Herbst in Deutschland regulär verfügbar sein. Bis dahin sollen auch Armbänder andere Hersteller an die App angebunden werden. Noch ist das 2015 gegründete Start-up jedoch dabei, Vertrieb und Distribution aufzubauen. Im Laufe des Jahres soll das Münchener Team dafür um fünf Mitarbeiter wachsen. Insgesamt 17 Mitarbeiter beschäftigt die junge Firma um die Gründer Sona Sikorova, Pavel Nevicky, Jan Novak und Daniel Novak aktuell.

Künstliche Intelligenz für die Diagnose

Zugang zu einem breiten Netzwerk verspricht sich das Team vom Accelerator JLabs des US-amerikanischen Konsumgüter- und Pharmakonzerns Johnson & Johnson, der verstärkt in Neurowissenschaften investiert. Frisches Kapital in Höhe von 1,3 Millionen Euro lieferte vor Kurzem eine Investorengruppe aus Tschechien: die Venture-Capital-Gesellschaften Nation 1 und Redwood Capital aus Prag sowie die privaten Kapitalgeber Ivan Hruska und Vlastimil Palata. Sie sollen dabei helfen, in den kommenden fünf Jahren eine sechsstellige Zahl an Patienten als Nutzer zu gewinnen. Mit früheren Finanzspritzen kommt die junge Firma auf eine Gesamtfinanzierung von 2,3 Millionen Euro.

Das Entwicklerteam arbeitet nun daran, die Analyse mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) weiter zu verbessern. Künftig sollen selbstlernende Algorithmen bereits die Diagnose unterstützen, stellt Manager Haas in Aussicht: „Gerade Krankheitsbilder wie Depression und bipolare Störung sind schwierig voneinander zu unterscheiden, daher werden viele Patienten anfangs nicht richtig behandelt.“ Eine erste Einschätzung für Ärzte könnte KI in Zukunft in Form von Wahrscheinlichkeitswerten liefern.