Nach der Übernahme von Circ durch Bird verschärft sich Konkurrenzkampf der Tretroller-Verleiher. Sie locken mit Abo-Modellen und neuen Fahrzeugen.

Die E-Scooter rollten erst seit einigen Wochen auf den deutschen Straßen, da sagte einer der ambitioniertesten Verleihdienste bereits eine Marktbereinigung voraus: „Es ist kein Geschäft für 20 konkurrierende Anbieter“, antwortete Circ-Gründer Lukas Gadowski auf der Tech-Konferenz TAO im vergangenen Juli auf die Frage nach den größten Herausforderungen. Ironie der Start-up-Geschichte: Jetzt ist Gadowski selbst der erste, der aufgeben muss.

Spekulationen über eine Marktbereinigung gab es schon länger, seit Anfang der Woche ist es offiziell: Gadowski gibt die Eigenständigkeit von Circ auf. Das Start-up mit Sitz in Berlin wird vom Konkurrenten Bird übernommen – die ehemaligen Circ-Gesellschafter erhalten im Gegenzug Anteile an dem US-Unternehmen, müssen dafür offenbar aber auch noch ein paar Millionen nachschießen.

Bird war in Deutschland vergleichsweise spät und in bislang nur sechs Städten gestartet.  Laut Brancheninsidern hatten sich die Kalifornier bereits länger nach einem Übernahmeziel umgesehen, um das Deutschlandgeschäft zu stärken. Zum Volumen des Deals äußern sich beide Unternehmen nicht. Wie Bird auf Nachfrage mitteilte, wird Circ vorerst als Marke erhalten bleiben. Man kann aber davon ausgehen, dass die orangefarbenen Roller früher oder später aus dem Straßenbild verschwinden.

Für den erfolgsverwöhnten Seriengründer Gadowski, der unter anderem StudiVZ und Delivery Hero mitaufgebaut hatte, ist das ein Rückschlag: Mehrfach hatte er zum Marktstart von Circ – das Unternehmen hieß damals noch Flash – betont, das Verleihgeschäft nicht amerikanischen Konkurrenten überlassen zu wollen. Doch offenbar konnten die Geschäftszahlen nach einer initialen Finanzierung über 55 Millionen Euro keine Geldgeber mehr überzeugen.

Parallelen zum Fernbus-Start

Neben Bird bleiben in Deutschland vorerst noch der US-Anbieter Lime, Voi aus Schweden und Tier Mobility aus Berlin übrig. Hinzu kommt eine Vielzahl kleinerer Verleihdienste. Erleichterung über das Ausscheiden eines Wettbewerbers herrscht in der Branche aber nur bedingt. Denn: Bei potenziellen Investoren dürfte das schnelle Ausscheiden von Circ dazu führen, auch bei den verbliebenen Anbietern genauer hinzusehen.

Seit Juni vergangenen Jahres sind die elektrisch angetriebenen Roller auf den deutschen Straßen erlaubt. Gestartet waren die meisten Anbieter mit Dutzenden Millionen Euro von Investoren. Doch nach der ersten Euphorie im Sommer folgte der kalte und ertragsärmere Winter. Die Frage ist nun, welches E-Scooter-Start-up seine Akkus wieder aufladen kann.

Vergleiche mit dem Fernbusmarkt drängen sich auf. Als 2013 eine Gesetzesänderung die Fahrten innerhalb Deutschlands erlaubte, drängten Dutzende Unternehmen in den neuen Markt. Schon nach kurzer Zeit kam es zu ersten Fusionen. Bald dominierte Flixbus dank vieler Zukäufe. „Beide Märkte haben vergleichsweise niedrige Eintrittshürden“, sagt Kersten Heineke, Mobilitäts-Experte und Partner bei der Unternehmensberatung McKinsey in Frankfurt. „Das lockt viele Start-ups an.“

Ein wesentlicher Unterschied: Während es für bei Fernbusfahrten lästig ist, je nach Reiseziel einen passenden Anbieter zu suchen, ist die Wechselbereitschaft der Scooter-Fahrer groß. „Kunden können mühelos eine weitere App herunterladen, wenn sie einmal nicht auf ihren Stammanbieter treffen“, sagt Heineke. Er erwarte deswegen, dass es zwar zu weiteren Übernahmen kommt – sich aber durchaus mehrere Anbieter durchsetzen können.

McKinsey ist dabei grundsätzlich optimistisch, was das Geschäftsmodell der Verleihdienste angeht. Vor einem Jahr hatte die Beratung durchgerechnet, dass ein einzelner E-Scooter schon nach vier Monaten Gewinn abwerfen kann. Angenommen wurden dabei fünf Verleihvorgänge pro Tag.

Teure Expansion in die Provinz

Andere Branchenexperten bezweifeln indes, dass sich mit einem E-Scooter-Verleih auf absehbare Zeit überhaupt Geld verdienen lässt. „Das Geschäftsmodell funktioniert nur in ausgewählten Metropolen“, sagt etwa Friedemann Brockmeyer, Experte für neue Mobilitätsangebote bei Civity. Das auf den Verkehrssektor spezialisierte Hamburger Beratungsunternehmen hatte den E-Scooter-Markt in einer im Herbst veröffentlichten Studie genau angesehen – und kam zu dem Schluss, dass die Anbieter ihr Geschäft vor allem mit Touristen in Großstädten machen. Brockmeyer sagt daher eine Konsolidierungswelle voraus: „In den kommenden ein, zwei Jahren werden weitere Anbieter ausscheiden.“

Zwar beteuern alle Start-ups, sich auf profitable Standorte konzentrieren zu wollen. Im Ringen um Marktanteile und Bekanntheit treiben sie aber ungebrochen ihre Expansion voran. Der Wettbewerb hat auch Kleinstädte erreicht. So ist in dieser Woche mit Voi vor wenigen Tagen der zweite Anbieter in Fürth gestartet. Besonders offensiv expandiert Tier Mobility: Das Berliner Unternehmen hat seine grünen Tretroller bereits in 33 deutschen Städten platziert. Allein in diesem Jahr kamen – trotz des trüben Januarwetters – schon sechs hinzu. Bei Voi und Lime sind es knapp halb so viele deutsche Standorte, Circ ist in zehn Städten aktiv.

Auch der Umfang der Flotten schwillt weiter an. Lime beansprucht für sich mit 25.000 Fahrzeugen in Deutschland marktführend zu sein. Tier kommt aktuell auf die Hälfte – verweist aber darauf, seine Flotte in den Wintermonaten deutlich reduziert zu haben. Im Frühjahr dürfte es wieder deutlich über 20.000 Fahrzeuge sein. Voi und Bird machen keine Angaben zu einzelnen Ländern.

Das Wachstum sorgt für Aufmerksamkeit und steigert die Erlöse. Nach Einschätzung Brockmeyers treiben die Start-ups mit ihrer ungebrochenen Expansion aktuell aber vor allem ihre Kosten nach oben. Zwar sind die Scooter verglichen mit beispielsweise Carsharing-Autos in der Anschaffung vergleichsweise günstig. Doch der Betrieb ist teuer. „Die Instandhaltung ist extrem personalintensiv“, sagt Brockmeyer. „Die Skaleneffekte sind aber gering.“ Heißt: mit wachsender Flottengröße sinken die laufenden Kosten kaum. Immer müssen Leute vor Ort sein, die Bremsen reparieren, Fahrzeuge umparken und sie aufladen.

US-Anbieter mit höchster Finanzkraft

Solange sich die Start-ups ein Rennen um Marktanteile liefern, sind sie dringend auf weitere Kapitalspritzen angewiesen. Anders als Circ konnten Voi und Tier zwar zuletzt Finanzierungsrunden auf die Beine stellen – und kommen auf eine Gesamtfinanzierung von 135 Millionen beziehungsweise 96 Millionen Dollar. Weit abgehängt werden die europäischen Anbieter aber von den US-Konkurrenten: Circ-Käufer Bird hat seit der Gründung im April 2017 satte 350 Millionen Dollar eingesammelt. Und Lime hat alleine in der jüngsten Finanzierungsrunde fast den gleichen Betrag bekommen.

Mit Uber drängt zudem gerade ein weiteres finanzstarkes Unternehmen in den europäischen Verleihmarkt. Über seine Tochter Jump ist der Taxi-Konkurrent bereits in München und Berlin vertreten – und verleiht in beiden Städten seit September neben E-Bikes auch Scooter. Uber sieht seinen Vorteil darin, Kunden je nach Bedarf auch Fahrten im Auto vermitteln zu können.

Den Wettbewerb weiter befeuern könnte zudem das in Barcelona ansässige Start-up Wind Mobility, das unter anderem vom deutschen Wagniskapitalgeber HV Holtzbrinck Ventures unterstützt wird, vor. Bislang konzentriert sich Wind auf Märkte abseits von Deutschland. Doch in Frankfurt ist das Unternehmen bereits mit Miet-Fahrrädern unterwegs – und kündigt an, dass in den kommenden Monaten auch E-Scooter folgen sollen.

Abo-Modelle sollen Kunden bei der Stange halten

Um Kunden enger an sich zu binden, locken die bestehenden Anbieter nun verstärkt mit neuen Preis-Modellen. Bisher verlangen sie in der Regel einen Euro für das Entsperren und dann einen Minutenpreis, den viele seit dem Start bereits nach oben korrigiert haben. Jetzt sollen Vielfahrer mit Paket-Preisen sparen.

Pionier in Deutschland ist dabei das frisch verkaufte Circ: Erst vor einer Woche hatte das Unternehmen Stunden-, Tages-, Wochen- und Monatspässe mit Freiminuten vorgestellt. Lime bietet ähnliches bereits in Wien an. Auf Anfrage der WirtschaftsWoche teilte der US-Anbieter mit, seinen „Lime Pass“ in Kürze auch in Deutschland anzubieten. Tier bietet seit neuestem ebenfalls Monatspakete an, bei denen zumindest die Entsperrgebühr vor jeder Fahr wegfällt.

Eine weitere Stellschraube, an der die Unternehmen drehen: Sie arbeiten mit Hochdruck daran, ihre Scooter durch Modelle mit wechselbarem Akku zu ersetzten. Tier beispielsweise gibt an, das in der Mehrzahl der Städte bereits erreicht zu haben – ausgemusterte Scooter verkaufen die Berliner seit Oktober zum Fixpreis. Das Ziel der Flottenerneuerung: Die austauschbaren Batterien machen es überflüssig, die Roller ständig einzusammeln. Der bisher größte Kostenblock – das Laden – wird damit deutlich reduziert.

Ein weiterer Trend: Die Anbieter experimentieren mit anderen Fahrzeugtypen abseits von E-Scootern und Fahrädern. So hat Bird im vergangenen Sommer in den USA eine Art elektrisch angetriebenes Moped vorgestellt. Tier wiederum wird nachgesagt, potenziell auch E-Roller – also solche im Vespa-Format – in die Flotte aufnehmen zu wollen. Medienberichten zufolge verhandelt das Start-up dazu derzeit mit Coup. Die Bosch-Tochter hatte ihr eigenes Verleihgeschäft mit bis dahin 1500 Fahrzeugen Mitte Dezember eingestellt.