Ein Auftrag des Robert Koch-Instituts rückt das kleine Start-up schlagartig ins Rampenlicht. Der Fall zeigt: Auf clevere Vorarbeit kommt es an.

Seit Anfang März ist beim Datenanalyse-Start-up mHealth Pioneers nichts mehr beim Alten – und das liegt längst nicht an der Homeoffice-Regelung, die sich die Berliner Firma aufgrund der Corona-Pandemie auferlegt hat. Vielmehr hat das Virus das kleine Team aus zwölf Personen quasi über Nacht zu einem der bekanntesten App-Entwickler-Teams der Bundesrepublik gemacht.

Seit der Auftraggeber der neuen App „Corona-Datenspende“, das beim Bundesgesundheitsministerium angesiedelte Robert Koch-Institut (RKI), öffentlichkeitswirksam um Nutzer wirbt, läuft das Start-up auf Hochtouren: Zeitweise gab es aufgrund der vielen Zugriffe technische Probleme, mehr als 160.000 Menschen haben der Smartphone-App laut RKI bereits den Zugriff auf ihre Gesundheitsdaten erlaubt, so der Stand gestern. „Niemand hat mit einem solchen Ansturm gerechnet, weswegen wir wenige Zeit nach Veröffentlichung die Kapazitäten weiter aufstocken mussten“, sagt Sprecher Sebastian Wochnik auf Anfrage von WirtschaftsWoche Gründer. Im Vorfeld des Launches hätte die Firma, die unter der Marke Thryve auftritt, ihre Serverkapazitäten bereits aufgestockt.

Covid-19-Symptomen auf der Spur

Was das Start-up genau für das Bundesinstitut leistet: Die Corona-Datenspende-App sammelt zunächst die Daten von Fitnessarmbändern oder Smartwatches, die die freiwilligen Nutzer am Handgelenk tragen. Die Geräte messen über den Tag verteilt etwa Puls, Körpertemperatur und Blutdruck und registrieren mittels Sensoren auch sportliche Aktivitäten sowie Ruhe- und Schlafphasen. Das Berliner Team bereitet die Daten anschließend auf, sodass die Forscher am RKI mit ihnen arbeiten können.

Was die Wissenschaftler damit anfangen: Aus den Analysen lassen sich Symptome einer Covid-19-Erkrankungen erkennen – zum Beispiel Fieber. Da die Nutzer auch ihre Postleitzahl angeben, erhoffen sich die Forscher Rückschlüsse auf lokale Corona-Schwerpunkte. Ausdrücklich handelt es sich laut RKI nicht um eine Tracking-App. Denn die Anwendung erlaube keine Identifizierung von möglicherweise infizierten Personen. Das soll schon die Art der Aufzeichnung verhindern: Statt mit dem Namen werden die Daten nur mit einem Pseudonym versehen, also einer Kette aus Zahlen und Buchstaben. Auch einen Test auf das Coronavirus ersetzt die App nicht.

Öffentlicher Auftrag im Fokus

Unter Hochdruck arbeitet das Start-up nun daran, weitere Hersteller und Geräte anzuschließen. Verbinden lässt sich die App derzeit mit Geräten von Apple, Fitbit, Garmin, Polar, Withings und Nokia. Auch Google Fit soll sie unterstützen. Das ganze Team ist für das Projekt abgestellt, wie Sprecher Wochnik erklärt: „Seit Anfang März arbeiten wir alle in enger Abstimmung mit dem Robert Koch-Institut an der Anwendung.“

Der Auftrag des Bundesinstituts ist das Ergebnis von zeitlich gut koordinierter Vorarbeit: Seit Anfang des Jahres tüftelt die junge Firma bereits an dem Algorithmus. Anstoß gab eine Studie in den USA (hier geht es zur Zusammenfassung auf Englisch), bei der Grippe-ähnliche Symptome per Fitnessarmband identifiziert wurden, so Wochnik. „Als das Coronavirus aufkam, merkten wir, dass wir mit diesem Algorithmus ebenfalls auf Symptome von Covid-19 schließen können. Dazu waren lediglich kleinere Anpassungen nötig“, erklärt der Sprecher. Zurückgreifen konnten die Datenanalysten außerdem auf Erfahrungswerte aus einer Kooperation mit der Berliner Charité. Beim Pitch vor dem RKI unterstützte das Health Innovation Hub des Gesundheitsministeriums.

Prominente Investoren an Bord

Die Eigeninitiative der 2017 gegründeten Firma dürfte sich auszahlen. Anschub kam bereits von mehreren Investoren, die vor knapp einem Jahr einen Millionenbetrag für das weitere Wachstum zur Verfügung stellten. Zu den Kapitalgebern gehört der Unternehmer und TV-Juror Carsten Maschmeyer, Digital-Health-Investor Min-Sung Sean Kim und die Grönemeyer-Gruppe, Betreiber von mehreren medizinischen Instituten in Deutschland.

Wie es mit der Corona-App nach überstandener Pandemie weitergehen könnte, liegt beim RKI als Herausgeber. Spätestens nach zehn Jahren werden die Daten laut der Datenschutzerklärung automatisch gelöscht. Eine kommerzielle Nutzung sei ausgeschlossen, erklärt mHealth Pioneers. Die Server und Datenbanken hinter der App liefen als eigene Instanz und seien damit vollständig von anderen kommerziellen Systemen von Thryve abgetrennt.