Start-up Weekends werden immer beliebter – auch im Handel. Die Metro AG probiert sich in Düsseldorf nun erstmals an diesem neuen Format aus.

Von Johanna Küppers und Felix Brüggemann

Während die übrigen Teams im Schulungsgebäude sitzen, rollt Ronald Derler den Flipchart auf die Terasse und erzählt: „Jeder liebt es zu handeln: Mein Opa hat selbst bei einem Bleistift nach drei Prozent Skonto gefragt.“ Als Derler diesen Satz sagt, zaubert er seinem Mentor ein Lächeln ins Gesicht. Den Satz wird Derler noch öfter dieses Wochenende sagen – und je öfter er das tut, desto sicherer und überzeugender wird sein Vortrag.

Es ist Start-up Weekend in Düsseldorf. In weniger als 30 Stunden muss das Unternehmenskonzept stehen und die aufgeworfenen Fragen der Mentoren ausgeräumt sein. Freitag, am Tag zuvor wurden aus den 22 Teilnehmerideen die besten elf ausgewählt und diese dann Sonntagabend der Öffentlichkeit präsentiert. An Bord sind Gründer, Gründungswillige, Metro-Mitarbeiter in jeder Altersklasse, die ihr freies Wochenende freiwillig opfern, um die Arbeitsweise von Start-ups zu erlernen.

Während der gemeinsamen Stunden ist es gemütlich geworden: Zahnpasta-, Deo- und Haargeltuben auf der Herrentoilette zeugen davon, dass sich die Teilnehmer häuslich niedergelassen haben. Schlaf kostet Zeit und die ist an diesem Wochenende knapp.

Taugt das Produkt auch in der Realität?

Das gilt auch für Ronald Derler (38) und seinen beiden Teamkollegen Daniel Rolfs (25) und Nadeshda Henze (37). Ihr Vorteil ist, dass Derler die Idee schon seit zwei Jahren im Kopf hatte und daher unausgesprochen die Richtung vorgibt. Rolfs kann dafür auf besondere Kraftquelle zurückgreifen, denn seine Freundin ist auch auf dem Event, zwar im Nachbarteam, aber so gibt es ab und an einen Kuss als Motivationsschub. Henze, die Diplomjuristin, träumt von einem eigenen Book-Concept-Store. Sie möchte an diesem Wochenende vor allem ein Gefühl für die Arbeit als Unternehmerin bekommen.

Gemeinsam bilden sie „Myprice“. Ihre Idee ist eine App mit der der Kunde mit dem stationären Händler spielerisch und mittels Algorithmus über den Preis verhandeln kann, der zwischen Online- und Ladenpreis liegt. Ihrer Meinung nach können sich stationäre Händler nicht mehr leisten, Kunden und damit Umsatz an den Onlinehändler zu verlieren. „Lieber soll der Händler etwas auf Marge verzichten, aber dafür zusätzlichen Umsatz generieren“, sagt Rolfs.

Doch wie oft kommt es überhaupt zu Preisverhandlungen im Verkaufsgespräch? Wer ist die Zielgruppe für Myprice? Welche Produkte eignen sich für Verhandlungen? Im Einzelcoaching mit dem Mentoren ergaben sich zwar einige Antworte, aber es wurden genauso viele neue Fragen aufgeworfen. Die Köpfe rauchten, es war Zeit die Informationen zu filtern.

Wie man Ordnung ins Chaos bringen kann, lernten alle Teilnehmer zuvor in dem Workshop „The Business Modell Canvas“. Dies ist ein Tool, um ein Geschäftsmodell anhand der Faktoren wie den Kundensegemente zu strukturieren und zu visualisieren. Hier sollte die ursprünglichen Hypothesen getestet und dann das eigene Konzept immer wieder nachgeschärft werden. „Wenn jemand später mit genau dem Produkt an den Start geht, welches er am Sonntag gepitcht hat, dann bin ich enttäuscht“, sagt Georgis Georgis Tesfamariam, der mit seiner Agentur “The Kapapult” die Veranstaltung mit durchführte.

Um die getroffenen Hypothesen im Feld zu überprüfen, machten sich die drei auf zum nächsten Media Markt, der praktischerweise nur wenige Meter entfernt war. Bei einem Gespräch mit dem Verkaufsleiter stellte sich heraus, dass es für Verkäufer der schlimmste Fall ist, wenn introvertierte Menschen sich im Verkaufsgespräch nicht trauen über den Preis zu sprechen und ohne etwas zu sagen nach Hause gehen, um dort online bestellen, obwohl man ihnen vielleicht noch etwas entgegenkommen wäre – ein aufschlussreiches Gespräch.

Zurück im Ideenbüro wurde das Team mit weiteren Fragen konfrontiert. Wie kommen sie an die sensiblen Daten der Händler? Die Mentoren zweifelten, dass ein großer Handelskonzern Informationen an ein externes Start-up weitergibt. Um das Thema zu lösen, ist Myprice offen, ihre Idee auch als internes Projekt im Metrokonzern zu bearbeiten, sodass das Handelsunternehmen weiter die Datenhoheit behält.

Die Lage zwei Stunden vor der finalen Präsentation: „Schlecht, aber nicht hoffnungslos“, antwortet Derler trocken. Der Zeitdruck sitzt dem Team im Nacken, sie kommen mit den Präsentationsunterlagen nicht voran. Wie jede Gruppe haben sie beim Pitch nur fünf Minuten Zeit, aber ihre Idee ist nicht so leicht zu erklären. Deshalb gilt es sich zu fokussieren.

Vor allem an Schlaf fehlt es

Endlich auf der Bühne angelangt, sind sie stolz, immerhin haben sie ihre Idee bis zum Ende durchgezogen. „Wir holen die Kunden zurück aus dem Netz“, wirbt Derler plakativ. Und das überzeugt – die Jury zeigt in der Q&A-Phase Interesse.

Nicht weniger interessant waren die Ideen der anderen Teams, wie vertikaler Pflanzenanbau für Gastronomen, nützliche Lieferfunktionen für Zutaten oder automatisch generierte Einkaufsrouten, die den Einkauf erleichtern sollen, wenn man in mehr als einem Supermarkt einkaufen möchte.

Drei der zehn Start-ups durften sich besonders freuen: „Vertify“, „Fusion retail“ und ja, auch „Myprice“ ist unter den Gewinnern. Als Hauptgewinner des „best overall“ Preises erwartet sie ein Marketing-Coaching in Berlin und die Teilnahme am Startup Europe Summit. Ein erfolgreiches Wochenende für die drei, doch auch bei ihnen lautet das abschließende Fazit: „Mir fehlt richtig viel Schlaf.“

Einige Teilnehmer sind inzwischen süchtig nach Formaten wie dem Start-up Weekend. Ein Beispiel, dass Gründer hier nicht nur Preise, Umsetzungs- und Methodenkompetenz mitnehmen ist Lee Greene. Sie hat im Rahmen der Start-up Woche Düsseldorf im April diesen Jahres teilgenommen. Inzwischen ist aus der damaligen Idee – Ernährungsberatung über den Facebook Messenger – Realität geworden. So hat sie im Anschluss von dem Coworking-Space Startplatz ein Stipendium erhalten und tüftelt inzwischen im Düsseldorfer Medienhafen an ihrem Start-up Foodbuddy.