Mein Pitch, mein Investor, mein Berater: Die Start-up-Szene setzt nur noch auf Schein, findet Meike Haagmans. Warum das nervt – und nichts mit der Gründerkultur von Aldi und Co. zu tun hat.

Mittwoch ist Kolumnentag bei WiWo Gründer: In ihrer Kolumne beschäftigt sich Meike Haagmans, Flugbegleiterin und Gründerin, mit dem Thema, wie sich ihre beiden Leidenschaften vereinen lassen und mit anderen Kuriositäten der Start-up-Szene. Heute widmet sie sich der Scheinkultur unter Gründern. Wenn sie nicht gerade bei uns schreibt, bloggt Meike Haagmans über ihre Erfahrungen mit ihrem Reiseveranstalter Joventours und gibt auf ihrer Webseite viele Tipps für Nebenbei-Gründer.

Von Meike Haagmans

Die Start-up-Szene kommt mir inzwischen wie die reine Sparkassen-Werbung vor: Statt „Mein Haus, mein Auto, mein Pferd“ heißt es „Mein Pitch, mein Investor, mein Berater“. Ich habe übrigens nichts davon, außer einen klapprigen Fiat Seicento und einen Nachbar im Büro gegenüber, der mir beim Kaffee manchmal Tipps gibt. Trotzdem bin ich erfolgreiche Gründerin. Kaum zu glauben, wenn man sich die Scheinkultur in der Szene anguckt.

Vor ein paar Wochen erlebte ich etwas Typisches für die Branche: Ein junger Wirtschaftsverband lud mich zu einem Pitch ein. Man habe mich im Internet gefunden und meine Geschäftsidee schien zu gefallen – es wäre toll, wenn ich am Pitch teilnehmen könnte. Ich müsse lediglich nur noch ein kurzes Onlineformular ausfüllen. Gesagt, getan – und es folgte eine Absage. Was war überhaupt das Ziel mir eine Einladung zu zuschicken? Möglichst viele Bewerbungen? Um dann auf der Veranstaltung selbst die hohe Bewerberzahl verkünden zu können? Oberflächlich ist in der Szene alles „mega“ und „fett“, man feiert sich selbst, aber selten setzt man sich offenbar wirklich mit einer Geschäftsidee auseinander.

„Have fun, aber ich glaub nicht dran“

Mir scheint, dass die Start-up-Szene nicht mehr auf Kreativität basiert, sondern auf Entertainment. Motivierte Gründer werden vor der ganzen Fernsehnation mit Sätzen wie „Have fun, aber ich glaub nicht dran“ (Jochen Schweizer in der „Höhle der Löwen“) abgespeist. Für mich einer der schlimmsten Sätze, die man von einem vermeintlichen Vorbild hören kann. Wir wollen unterhalten werden und uns am Scheitern ergötzen, damit wir uns auf die Schulter klopfen können, dass wir es besser gemacht haben. Das erinnert mich alles an Hartz-IV-Fernsehen, nur für – vermeintlich – besser Betuchte.

Das Problem: Gründer bekommen gar keine Chance mehr, sich zu entfalten. Sie müssen bereits smarte und perfekte Verkäufer sein, bevor sie überhaupt die Möglichkeit bekommen, mit ihrer Geschäftsidee gemeinsam zu wachsen. Und wer seinen Businessplan nicht in 30 Sekunden erklären kann, ist sowieso meistens raus.

„Exit“ ist das neue Zauberwort der Szene. Doch während ein möglicher Firmenverkauf schon vor der Gründung fokussiert wird, wissen die meisten Gründer nicht einmal, wie man die Sozialversicherung des ersten Mitarbeiters anmeldet.

„Herzblut“ in eine Gründung zu stecken, ist hingegen out – vergessen sind allerdings die ganz großen Gründer in Deutschland: Sixt, Aldi, Porsche, Rossmann, Henkel. Was hat diese Unternehmer so erfolgreich gemacht? Eine Riesenportion Herzblut muss schon dabei gewesen sein, ansonsten hätte niemand von ihnen die Geschäftsidee mit dem eigenen Nachnamen firmiert.

Was bleibt, ist das Brennen für das eigene Erschaffene

Ich habe vor kurzem zwei sehr erfolgreiche Gründer kennengelernt. Nicht in der Start-up-Szene, sondern dort wo man sie nicht vermutet: beim Tinder-Herzchen drücken und im Flugzeug – und zwar in der Holzklasse, in der die fehlende Beinfreiheit uns ins Gespräch brachte. Beide haben sieben- bis achtstellige Exits erreicht, ihre Firmen sind deutschlandweit bekannt und beide hatten
eine extrem schwierige Startphase. Obwohl sich beide mit Anfang 40 jetzt auf ihren Lorbeeren ausruhen könnten, haben sie nicht komplett alle Geschäftsanteile verkauft und sich ganz bewusst für ihr weiteres Engagement in der Firma entschieden, denn was bleibt, ist das Brennen für das eigene Erschaffene.

Schlussendlich kreieren doch alle Gründer, vom kleinen Cafebesitzer bis zum weltweiten Online-Shop, Werke in unserer Gesellschaft. Wir alle decken Bedürfnisse ab und leisten Beiträge zu der Volkswirtschaft, in der wir leben. Wieso öffnet sich die Szene nur einer bestimmten Gruppe und zwar der, die „Skalierbarkeit“ auf dem Deckblatt ihres Businessplanes stehen hat?

Ich muss mich wohl damit abfinden, dass ich als überzeugte Nebenerwerbsgründerin genauso wenig zur die Start-up-Szene dazu gehöre wie der kleine neue Kleiderladen um die Ecke. In die Gründerszene muss man wohl passen – das ist wie früher mit den angesagten Schulcliquen, bei denen schon das kleinste Defizit zum Ausschluss führte. Ob der Schein trügt und das Sein gewinnt, zeigen allerdings oftmals erst die Klassentreffen in einigen Jahren.