Großkonzerne genießen in Deutschland Narrenfreiheit, Gründer dagegen stehen stets mit einem Fuß im Gefängnis. Und mit dem anderen beim Insolvenzverwalter. 

Mittwoch ist Kolumnentag bei WiWo Gründer: In ihrer Kolumne beschäftigt sich Meike Haagmans, Flugbegleiterin und Gründerin, mit dem Thema, wie sich ihre beiden Leidenschaften vereinen lassen. Wenn sie nicht gerade bei uns schreibt, bloggt Meike Haagmans über ihre Erfahrungen mit ihrem Reiseveranstalter Joventour und gibt auf ihrer Webseite viele Tipps für Nebenbei-Gründer.

Meine Gesprächspartnerin senkt ihren Oberkörper, stützt sich mit ihren Händen ab und schüttelt immer wieder den Kopf. „20.000 Euro – und ich habe es nicht gecheckt“. Ein Raunen geht in dem Kölner Brauhaus an unserem Tisch herum, in dem wir uns unregelmäßig mit Gründerinnen aus der Tourimusbranche treffen.

„20.000 Euro Steuernachzahlung“. Unser heutiges Treffen beginnt mit diesem Paukenschlag. Immer noch kopfschüttelnd erzählt uns die Gründerin eines klassischen Reiseveranstalters, wie sie die Reversetax-Regelung im ersten Geschäftsjahr falsch interpretiert hat und der Steuerberater nicht korrigiert und eingegriffen hat – bis jetzt. Bis zur Betriebsprüfung.

Ängste wegen des deutschen Steuersystems

„Aber die Nachzahlung bedeutet keine Insolvenz für dich, oder?“ Ich äußere meine Sorgen direkt, denn unsere Geschäftsmodelle sind identisch und bis auf die angebotenen Destinationen durchaus vergleichbar. „Nein, aber wirklich liquide kann man uns jetzt auch nicht mehr nennen“. Gemeinsam mit den anderen Unternehmerinnen beginnen wir die Szenarien der umgekehrten Steuerschuldnerschaft zu simulieren, so dass jeder am Tisch diese versteht.

Je mehr wir über das deutsche Steuersystem und die möglichen Konsequenzen bei nicht exakter Einhaltung für junge Unternehmer diskutieren, umso mehr Ängste äußern sich. Denn wir realisieren, wie schnell ein Verstoß zur existentiellen Bedrohung werden kann.

Kann. Muss aber auch nicht.

Lässt man die Großen einfach laufen?

Denn auch in Deutschland gilt anscheinend: alle sind gleich, aber manche sind gleicher. Ich denke dabei an die Paradise Papers: laut einem Artikel der Deutschen Welle entgehen Deutschland aufgrund illegaler Finanztransaktionen jährlich 50 bis 70 Milliarden Euro Steuereinnahmen. Noch schlimmer aber als die aufgedeckten Steuerschlupflöcher, finde ich die Tatsache, dass sich im Großen und Ganzen niemand dafür zu interessieren scheint.

Liegt es vielleicht daran, dass es die Erfolgreichen, die Mächtigen, die Vorbilder der Wirtschaft und die Reichen trifft? Steht die Anerkennung vor dem Geschaffenen und Status vor Moral?

Beispiele aus der Start-up-Szene

Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir gar nicht in den Kongo oder in die Schweiz schauen. Wir finden ähnliche Ansätze bei uns: in der Start-up-Szene. Die Großen und Mächtigen der Branche versorgen uns mit Kapital und im Gegenzug beginnen wir Gründer, wie Marionetten zu funktionieren. Ich möchte ein Beispiel geben: kein Gründer, den ich kenne, hält sich an die gesetzlich maximale Arbeitszeit oder den Mindesturlaub, der vom Gesetzgeber vorgeschrieben ist. Die heutigen Arbeitszeiten eines Gründerteams wären auch im Zeitalter der industriellen Revolution kaum zu toppen gewesen. Bis zum Schachmatt!

Während also Großkonzerne und die Mächtigen einer Volkswirtschaft (den AirBerlin-Deal und den Dieselskandal mal unausgesprochen) anscheinend Narrenfreiheit genießen, sollte sich also ein Gründer bewusst sein, wie schnell er mit einem Fuß im Gefängnis steht. Und mit dem anderen beim Insolvenzverwalter.

Aus Fehlern lernt man

Nochmal zurück zu den Paradise Papers. Genauso wenig Aufmerksamkeit, wie die allgemeine Bevölkerung diesem Skandal schenkte, tat es übrigens auch die Politik bei den Sondierungsgesprächen in den letzten Wochen. Und kaum jemanden interessiert es. Und auch mich nicht mehr. Denn würde ich meine unternehmerischen Entscheidungen an diese gescheiterten Verhandlungen anlehnen, müsste ich mich fragen: Ist gar nicht gründen besser als falsch gründen?

Diese Frage kann ich definitiv mit Nein beantworten. Denn nur aus Fehlern lernt man. Und eine Einladung zur Fuckup-Night hätte die vermeintliche ‚Start-up Partei Deutschlands“ sicherlich auch einfacher und günstiger bekommen können.