In der deutschen Gründerszene sind Frauen Exotinnen. 87 Prozent aller Unternehmen werden hierzulande von Männern gegründet. Fünf Frauen, die sich behaupten.

Von Elisa von Hof

Die Kameras laufen, als Miriam Bundel auf die Bühne tritt. In der österreichischen TV-Show „2 Minuten 2 Millionen“ will sie Investoren für ihre Geschäftsidee gewinnen: eine Internetplattform, auf der Leute Stauraum vermieten und anmieten können. Sie setzt ihr breites Lächeln auf, wirft die blonden Haare zurück, versucht die fünf Geldgeber  mit Marktanalysen und Wachstumsprognosen zu überzeugen.

Einer der Juroren – kleine Lesebrille, großes Ego – schaut sie lange an, nimmt die Brille ab und sagt: „Na, Frau Bundel, Sie sind ja wirklich nett anzuschauen, aber Ihre Geschäftsidee taugt nur zum Kleingewerbe.“

Die deutsche Start-up-Branche ist eine Männerwelt. Miriam Bundel gehört zu jenen 13 Prozent Frauen, die in Deutschland im vergangenen Jahr ein Unternehmen gegründet haben. Obwohl Mädchen im Schnitt bessere Noten haben, häufiger Abitur machen und an den Universitäten in der Mehrheit sind, machen sie sich viel seltener selbstständig. Nirgends in Europa gründen Frauen so selten wie in Deutschland. Wir haben fünf Unternehmerinnen in Hamburg getroffen.

Miriam Bundel, 26, Gründerin des Start-ups „Shelf Sailor“: „Obwohl die Aufzeichnung inzwischen sechs Monate her ist, bin ich immer noch empört. So etwas würde man nie zu einem Mann sagen. Mein Start-up ist kein Kleingewerbe, es kann sich in jeder größeren Stadt dieser Welt etablieren. Mein Unternehmen soll wachsen, aber die Investorensuche entpuppt sich als schwierig. Wie neulich, als ich einen potenziellen Geldgeber in New York getroffen habe. Er fragte, ob ich verheiratet sei. Ich habe verneint, das hat ihn verwundert. Ob das für Frauen aus Deutschland normal sei? „Ja“, habe ich geantwortet. Er war sehr konservativ und wir kamen nicht mehr zusammen.

Ich bin in bei einem Dorf bei Itzehoe in Schleswig-Holstein aufgewachsen. In meine Klasse sind nur Jungs gegangen, zu Hause warteten drei Brüder. Mit Puppenspielen und Barbies konnte ich mich nicht durchsetzen. Ich musste es auf eine andere Weise schaffen. Vielleicht wollte ich mich deshalb unbedingt selbstständig machen.

Die Resonanz in der TV-Show hat mich, trotz aller Wut, motiviert. Wenn ich den Investor noch einmal treffen sollte, würde ich auf ihn zugehen. Ich würde ihm sagen, dass ich mich nicht unterkriegen lasse von einer chauvinistischen Meinung und dass sich mein Unternehmen auch ohne ihn durchsetzen wird.  Denn ich bin nach Österreich gegangen und habe vor kurzem einen Konkurrenten übernommen.“

Bundels Start-up Shelf Sailor vernetzt Leute, die Stauraum haben mit Leuten, die welchen suchen. So findet sich für Omas altes Sofa ein Plätzchen in einem fremden Keller und für die Winterklamotten ein Dachboden.

Miriam Schütt, 29, und Marie-Lene Armingeon, 28, Gründerinnen von „SofaConcerts“: „Wir haben nie versucht, die Tatsache, dass wir zwei Frauen sind, besonders in den Mittelpunkt zu stellen oder uns gezielt um frauenspezifische Förderungen bemüht. Wir glauben, wenn eine Idee gut ist und klar präsentiert wird, wird sie überzeugen, egal ob sie von Frauen oder Männern kommt.

Dass wir Gründerinnen in der Start-up-Szene eher die Ausnahme sind, wurde uns erst später bewusst, hat unsere geschäftlichen Entwicklungen und Entscheidungen aber wenig beeinflusst. Natürlich heben wir bei Netzwerktreffen häufig die Frauenquote. Aber das hat auch Vorteile. Wir werden schneller wahrgenommen. Vielleicht werden wir aufgrund unserer „nett“ klingenden Geschäftsidee auf den ersten Blick unterschätzt. Wir messen uns aber nicht an der Meinung anderer, sondern an dem, was wir erreichen wollen und schon erreicht haben.

Auf Schütts und Armingeons Online-Plattform SofaConcerts können Musikfans ihr Wohnzimmer und Bands ihre Musik für ein Konzert anbieten. Innerhalb der vergangenen zwei Jahre hat das Start-up etwa 2.000 Wohnzimmerkonzerte in sechzehn Ländern organisiert.

Sandra Roggow, 36, Gründerin der „Kitchennerds“: „Aus eigener Kraft hätte ich es nicht geschafft, mein Start-up vor zwei Jahren zu gründen. Die Zeit war hart, denn ich habe keine Förderung bekommen und musste mein Sparschwein plündern. Außerdem habe ich meinen Lebensgefährten um ein Investment gebeten. So wie mir geht es fast allen Gründerinnen, die ich kenne. Sie haben ihre Familien um Geld gebeten. Frauen verdienen im Schnitt ja immer noch weniger als Männer. Und wer mehr verdient, kann leichter gründen. In Hamburg höre ich auch viel von Frauen in meinem Alter, die ein Start-up gründen wollten, es aber nicht über die erste Finanzierungsrunde geschafft haben. Nicht zuletzt, weil sei unterschätzt wurden. Ein Investor hat auch schon mal den Spruch gebracht: „Früher haben Frauen über 40 eine Boutique aufgemacht, jetzt gründen die eben ein Start-up.“

Seit eineinhalb Jahren vermittelt Roggow mit Kitchennerds Köche an jedermann. In Hamburg sind es bereits 25 Köche, die man buchen kann. Jetzt will sie ihre Idee auch in Berlin umsetzen.

Inken Arntzen, 34, Gründerin des „Superhelden-Trainings“: „Ich habe das Gefühl, dass viele Frauen davor zurückschrecken, auf eine Bühne zu gehen und für sich und ihre Ideen zu trommeln. Gerade das ist aber wichtig, um starke Frauen in der Öffentlichkeit sichtbarer zu machen. Um dem entgegenzuwirken, organisiere ich unter anderem die Initiative Digital Media Women mit. Wir arbeiten für mehr Sichtbarkeit von Frauen auf allen Bühnen – ob Konferenzen, Fachmedien oder Management Board. Die Initiative unterstützt Frauen bei Vorträgen und Pitches. Wir geben uns gegenseitig Feedback und empfehlen uns weiter. Ich bin davon überzeugt, dass solche Frauennetzwerke dazu beitragen, dass wir ein höheres Selbstbewusstsein entwickeln. Aber wir müssen diese Netzwerke auch wollen.

Zum Superhelden-Training, das ich mit meinem Geschäftspartner Jörn Hendrik Ast gebe, kommen mehr Frauen, die gründen wollen. Es tut sich also einiges. Wir müssen aber noch dafür sorgen, dass mehr Frauen auf Panels und Podien sitzen. Daher mein Aufruf an Frauen: Zeigt euch. Macht euch sichtbarer und lasst die Welt teilhaben an dem, was ihr vorhabt“

Mit ihrem Superhelden-Training will Arntzen Menschen helfen, ihre Talente noch besser zu nutzen und neue zu entdecken. Die Gründerin ist als „Zukunftsmacherin“ der Zeitschrift Emotion nominiert.