Auf Basis KI-gestützter Bewegungsanalysen gibt das Start-up Senioren Empfehlungen, wie sie ihr Sturzrisiko senken können. Nötig dafür ist nur eine App.

Prellungen, Knochenbrüche, Hirnblutungen: Wenn ältere Menschen stürzen, führt das oft zu schweren Verletzungen. Viele Fälle wären vermeidbar, ist Diana Heinrichs überzeugt. Sie hat Anfang 2017 Lindera gegründet – und will die Sturzgefahr von Senioren mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) senken: Das Start-up hat eine digitale Bewegungsanalyse entwickelt, die ähnliche Erkenntnisse wie Untersuchungen in klinischen Ganglaboren ermöglichen soll – aber auf Patientenseite nur eine Smartphone-App erfordert.

Von der Idee hat die ehemalige Microsoft-Managerin schnell den Frühphaseninvestor Rheingau Founders überzeugt. Nun ist der Gesellschafterkreis gewachsen: Wie Lindera mitteilte, hat das Start-up vier strategische Investoren gewonnen, die zusammen eine siebenstellige Summe eingebracht haben. Dabei handelt es sich um die DPF AG, deren Tochtergesellschaft Tertanium Luxus-Seniorenresidenzen betreibt, den Pflegeheim-Betreiber Seniorenwerk, das Familienunternehmen LAT Funkanlagen-Service, das unter anderem Schwersternrufsysteme in Krankenhäusern anbietet, und den Unitymedia-Manager Herbert Leifker.

Kooperationen mit Krankenkassen

Überzeugt haben dürfte die Investoren vor allem, dass es Lindera in Rekordzeit gelungen ist, Kooperationspartner in der Branche zu finden. Nach Angaben des Start-ups setzen bereits mehrere Pflegedienste – darunter die Caritas und die Malteser – die Technologie ein. Vereinbarungen gibt es zudem mit Krankenkassen wie der AOK Nordost, der AOK Plus und der Audi BKK. Diese übernehmen die Kosten aus ihren Präventionsbudgets. „Durch den Fachkräftemangel in der Pflege rennen wir mit unserer Lösung offene Türen ein“, sagte Heinrichs im Gespräch mit WirtschaftsWoche Gründer.

Für die digitale Sturzprävention nehmen Pflegekräfte von ihren Patienten ein kurzes Video auf, außerdem muss ein Fragebogen ausgefüllt werden. Auf den Servern von Lindera läuft dann eine automatisierte Bewegungsanalyse. Das System gibt dann individuelle Empfehlungen – und schlägt beispielsweise gezielte Übungen zur Stärkung einzelner Muskelgruppen vor. Auch Hilfsmittel wie Rollatoren sollen sich so optimal einstellen lassen.

Expansion nach Brasilien

Das frische Kapital will Heinrichs nutzen, um den Vertrieb zu stärken und die Technologie weiterzuentwickeln. „Ein großes Potenzial sehen wir in der Begleitung orthopädischer oder physiotherapeutischer Behandlungen“, sagte Heinrichs. Profitieren könnten Patienten etwa nach Knieoperationen. Um in diesen Feldern offiziell anerkannt zu werden, muss das Start-up indes die Wirksamkeit in klinischen Studien unter Beweis stellen.

Parallel tastet sich das derzeit 13-köpfige Start-up bereits im Ausland vor. Ein Pilotprojekt gibt es bisher in Brasilien – laut Heinrichs ähneln die regulatorischen Rahmenbedingungen dort denen in Deutschland. Auch China und die USA hat die Gründerin bereits im Visier. Vor einer breiteren Internationalisierung will sie aber abwarten, bis das beantragte Patent unter Dach und Fach ist.