Das Start-up verspricht, Fachtexte für Unternehmen schneller und günstiger als klassische Übersetzungsbüros zu bearbeiten – dank Künstlicher Intelligenz.

Zum Gründer wurde Christopher Kränzler nach einem Job bei einer großen IT-Beratung: In einem Lokalisierungsteam war der am KIT in Karlsruhe ausgebildete Wirtschaftsingenieur dafür zuständig, Übersetzungen anzufertigen – und vor allem Externe damit zu beauftragen. Ein mühsamer Prozess: Passende Dienstleister mussten kontaktiert, Angebote eingeholt werden und nicht immer entsprach die Qualität am Ende den Erwartungen.

Mit seinem Start-up Lengoo, das Kränzler 2014 zusammen mit Philipp Koch-Büttner und Alexander Gigga gegründet hat, ist er angetreten, den Markt zu digitalisieren. „Wir haben zuerst eine Plattform aufgebaut, um den Prozess zu automatisieren“, sagt er. Die Idee glich digitalen Marktplätzen, wie es sie auch in anderen Branchen längst gibt: Man führt Kunden und Dienstleister auf einem Portal zusammen, digitalisiert die Auftragsabwicklung und Buchhaltung.

Vom Vermittler zum Automatisierer

Schon das Geschäft als Mittler ist für Start-ups attraktiv – bei Lengoo war es nur der erste Schritt: Das Unternehmen will nicht nur den Buchungsprozess, sondern auch die Dienstleistung selbst automatisieren. Seit dem vergangenen Jahr nutzt das Unternehmen Künstliche Intelligenz (KI) für maschinelle Übersetzungen. Dreimal so schnell und bis zu 50 Prozent günstiger sei die Teilautomatisierung, wirbt das Unternehmen.

Die Besonderheit: Anders als Google, Microsoft und andere baut Lengoo keinen universellen Übersetzungsdienst auf. Die Algorithmen stellen sich stattdessen auf einzelne Unternehmen und deren Besonderheiten ein. Neue Kunden bittet das Start-up deswegen um möglichst viele bereits existierende Übersetzungen ähnlicher Dokumente, um den Computer zu trainieren. „Es ist ein Irrglaube, dass Künstliche Intelligenz Aufgaben schlagartig automatisieren kann“, sagt Kränzler. „Es ist immer Input des Menschen nötig.“

Mensch kontrolliert Maschine

Lengoo arbeitet auch heute noch mit mehr als 2000 Freiberuflern zusammen. Sind keine Vorlagen vorhanden, übersetzen die „Linguisten“ Dokumente komplett – doch mit jedem Auftrag übernimmt der Computer immer größere Teile. Der Mensch kontrolliert am Ende nur noch die maschinellen Übersetzungen und schleift an Details – was wieder neue Trainingsdaten für die KI liefert. Mit dem Ansatz will das Start-up auch mit Fachwörtern gespickte Texte fehlerfrei von einer Sprache in eine andere bringen.

Nach Angaben des Start-ups, das seinen Sitz Anfang 2018 von Karlsruhe nach Berlin verlegt hat, vertrauen inzwischen europaweit 3.000 Kunden auf seine Dienste. Unter den Referenzen sind bekannte Unternehmen wie der Autovermieter Sixt, der Kochboxenversender Hello Fresh und schweizerische Telekommunikationsanbieter Sunrise. Die Beratung Deloitte hat Lengoo 2018 als eines der am schnellsten wachsenden Technologieunternehmen Deutschlands ausgezeichnet.

Wagniskapitalgeber investieren sechs Millionen Euro

Nun will Kränzler das aktuell 30-köpfige Team deutlich aufstocken. Die Kasse für Expansionspläne ist gut gefüllt: Gerade haben Wagniskapitalgeber sechs Millionen Euro investiert – darunter ist der Züricher N26-Investor Redalpine. Auch die Bestandsinvestoren Creathor Ventures, Piton Capital sowie Business-Angels waren an der Finanzierungsrunde beteiligt.

Erklärtes Ziel des Start-ups ist es nun, weltweit führender Anbieter von KI-gestützten Fachübersetzungen zu werden. Alleine mit diesem Ansatz sind die Berliner nicht: Zu den großen Konkurrenten von Lengoo gehören Translated aus Rom und das US-Unternehmen Lionbridge, das Anfang des Jahres den Konkurrenten Gengo aus Tokio übernommen hat. Auch diese Plattformen setzen mehr oder weniger stark auf Künstliche Intelligenz. Während das Rennen der Plattformen offen ist, steht fest: Klassische Übersetzungsbüros werden es zunehmend schwer haben, gegen die starke Online-Konkurrenz zu bestehen.

Arbeitslos wird durch die Technologie indes niemand, sagt Kränzler, der seit Juni auch Mitglied im Hauptvorstand des IT-Verbands Bitkom ist: „Es gibt einen stark steigendenden Bedarf an Übersetzungen – und durch die maschinelle Unterstützung wird diese Dienstleistung erschwinglich.“ Die Übersetzer, die für sein Unternehmen arbeiten, will der Gründer am Erfolg der KI beteiligen: Sie können in derselben Zeit mehr Aufträge bearbeiten. Für viele sei es ein Segen, dass der Computer die Vorarbeit macht. „Es macht niemandem Spaß, die zehnte Bedienungsanleitung komplett neu zu übersetzen.“