Das Start-up baut eine „codebasierte Bibliothek“ juristischer Inhalte auf. Firmen sollen damit konsistente Verträge aus digitalen Bausteinen zusammenstellen können.

Es ist ein ambitioniertes Vorhaben, dem sich Lilian Breidenbach, Charlotte Kufus und Jacob Jones verschrieben haben: Mit ihrem Start-up Legal OS wollen sie die Basis für ein digitales Vertragswesen schaffen. Unternehmen sollen mit Hilfe ihrer Software Verträge aller Art künftig aus einzelnen Bausteinen zusammenstellen – und viele Vorgänge automatisieren können. „Wir bauen dazu eine codebasierte Bibliothek juristischer Inhalte auf“, sagte Kufus im Gespräch mit WirtschaftsWoche Gründer. „Mittelfristig wollen wir 180 Vertragstypen, mit den Großunternehmen zu tun haben, abdecken.“

Ein Beispiel sind Arbeitsverträge: Das Start-up hat typische Klauseln ausgewertet und die Informationen aus den jeweiligen Texten in einer Datenbank kategorisiert. Darin ist auch die Beziehung zwischen den einzelnen „Mikro-Vereinbarungen“, wie Kufus es nennt, hinterlegt. So weiß die Software beispielsweise, dass zu einer Arbeitszeiten- zwingend auch eine Überstundenregelung gehört. Oder dass für ein freiwilliges Praktikum andere rechtliche Vorgaben relevant sind als für ein Pflichtpraktikum.

Stellen Unternehmen mit Hilfe der Software einen Vertrag zusammen, werden diese Abhängigkeiten und Ausschlüsse automatisch berücksichtigt. Ein weiterer Vorteil: Weil die Angaben aus den Verträgen in maschinenlesbarer Form gespeichert sind, können die Daten leicht weiterverarbeitet werden. „Unternehmen könnten beispielsweise aus den Verträgen ableiten, wieviel Geld sie freien Mitarbeitern in einem bestimmten Monat gezahlt haben“, erklärt Kufus. Ändern sich gesetzliche Vorgaben – etwa die Höhe des Mindestlohns – könnte die Software automatisch Alarm schlagen und auf all die Verträge hinweisen, die aktualisiert werden müssen.

HV Holtzbrinck Ventures als Lead-Investor

Gegründet im März 2018, hat Legal OS nun neue Geldgeber von sich überzeugt: Insgesamt zwei Millionen Euro kamen bei einer Finanzierungsrunde zusammen. Lead-Investor war HV Holtzbrinck Ventures. Beteiligt waren zudem mehrere Business Angeles und das Wiener Investorennetzwerk Speedinvest, das schon zuvor in das Berliner Start-up investiert hatte. Das frische Kapital will das Gründertrio nun nutzen, um bis Ende 2020 seine Datenbank für das deutsche Vertragsrecht zu vervollständigen. Aktuell deckt Legal OS den Bereich Arbeitsrecht ab. Gerade arbeite man am IT-Recht, so Kufus. Folgen sollen Gebiete wie Finance und Immobilienrecht. Dabei setzt das bislang 13-köpfige Start-up auf Juristen, die als „Wissensarchitekten“ Gesetz in eine maschinenlesbare Form bringen.

Das Start-up zielt mit seinem Produkt außer auf Unternehmensjuristen auf Kanzleien und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Derzeit arbeite Legal OS mit fünf zahlenden Kunden zusammen – auf breiter Front vermarktet werden soll die Software aber erst, wenn die Datenbank ausreichend groß ist. Dabei will das Start-up dann auch auf Kooperationen setzen: „Über Schnittstellen wollen wir unsere Datenbank Softwareherstellern zugänglich machen“, sagt Kufus.

Grenzen von Künstlicher Intelligenz

Eine Konkurrenz zu Legaltechs, die wie Rfrnz aus München juristische Texte mit Werkzeugen der Künstlichen Intelligenz maschinenlesbar machen, sieht die Mit-Gründerin nicht. „Es gibt einen gewaltigen Bestand an Altverträgen, die so auswertbar werden“, sagte Kufus. „Wir zielen dagegen auf neue Vertragswerke.“ Trotz aller Fortschritte stoße KI aktuell zudem schnell an Grenzen: „Die Präzision liegt bei 60 bis maximal 80 Prozent, da muss weiterhin immer noch ein Jurist prüfen.“

Die Gründer selbst haben im Übrigen selbst keinen juristischen Hintergrund. Das Trio kennt sich aus dem Studium beziehungsweise der Schulzeit. Die Idee zur codenasierten Bibliothek lieferten laut Kufus Forschungen von Stephan Breidenbach, der Vater von Mitgründerin Lilian. Der Juraprofessor von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder gilt als Vordenker digitaler Innovationen im Rechtswesen und beschäftigt sich schon länger mit Anwendungsfeldern für Legal Techs.