Von der Idee zu einem funktionierenden Geschäftsmodell ist es meist ein weiter Weg. Die Methode Lean Start-up soll dabei helfen, Geschäftsideen früher am Markt zu testen. In Workshops lernen Gründer, wie das geht.

Leihen und Verleihen von Sachen im eigenen Bekann­tenkreis erleichtern: Die Idee von Samuel Nau und seinen Kommilitonen David Paul und Sammy Schuckert klingt gut. Doch ob die Idee auch zu einem Geschäftsmodell werden kann, wissen die drei Designstudenten nicht.

Um das herauszufinden, haben die Studenten der Hochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd diese Woche an einem Lean Start-up Treffen in Stuttgart teilgenommen. In fast allen großen Städten werden solche Workshops und Treffen mittlerweile angeboten. Denn immer mehr Gründer wollen die Methode Lean Start-up nutzen, um herauszufinden, ob ihre Gründungsidee einen Markt und potenzielle Kunden hat – bevor sie Jahre der Entwicklung in sie investieren.

In Stuttgart versucht Dan Toma den Gründern dabei zu helfen, Antworten auf diese Fragen zu finden. Er ist Gründer und Leiter des Lean Start-up Treffens, das regelmäßig in den neuen Räumen des Gründercampus Stuttgart stattfindet. „Die meisten Start-ups halten zu stark an ihrem Geschäftsmodell fest“, sagt Toma, der an der Hochschule Rhein-Main Lean Start-up unterrichtet hat und derzeit an einem Buch über Corporate Start-up schreibt.

Lernen sein Geschäftsmodell zu hinterfragen

Der Begriff Lean wurde von dem US-amerikanischen Gründer Eric Ries geprägt. Der erwähnte diese Methode 2008 das erste Mal auf seinem Blog „Startup Lessons Learned“ und arbeitete sie später für das Buch „The Lean Startup“ aus. Das Wort Lean bedeutet schlank und beschreibt damit den Grundgedanken der Methode: Möglichst schnell und günstig als junges Unternehmen an den Markt, und sich dort anhand der Rückmeldung durch die Kunden weiterentwickeln.

Damit die Teilnehmer die Idee von Lean Start-up verstehen, setzt Toma bei den Treffen neben Beratung, Austausch und Networking auch auf praktische Erfahrung. „Erfolgreiche Gründer wie Mark Zuckerburg oder Larry Page und Sergey Brin von Google sind mit ihren Ideen zuerst gescheitert und haben daraus gelernt“, sagt er. Durch die praktischen Übungen sollen die Teilnehmer im Schnellverfahren verstehen, ihre Geschäftsmodelle kritisch zu hinterfragen.

In einem Spiel für das Seminar treten die rund 20 Teilnehmer gegeneinander an, um in den USA nach Öl zu bohren. Nach ein paar Runden, in denen sie gebohrt und expandiert haben, zieht Toma Bilanz: Sie hätten immer weiter nach Öl gebohrt und mögliche Alternativen außer Acht gelassen. „Ihr wart in eure Geschäftsmodelle verliebt und habt dabei vergessen, auch andere Möglichkeiten auszuprobieren“, sagt Toma. Dies könnte ihnen auch mit ihren wirklichen Geschäftsideen passieren, warnt er. Das Problem an der Autoindustrie seien zum Beispiel nicht die Autos als Produkt, sondern die Geschäftsidee des Verkaufens, an die sich die Unternehmen seit mehr als 100 Jahren klammern. Das sollten die zukünftigen Gründer bei ihren Gründungen bedenken.

Nicht zu lange vorher planen

Toma kennt viele Gründer, die so wie Nau und seine Kommilitonen vorgehen. Die drei Designstudenten haben ihre Bachelorarbeit über ihre Gründeridee verfasst. Ihre App ist zwar noch nicht programmiert, aber bereits auf den Namen „Thangs“ getauft. Viele hundert Stunden stecken in der Idee. In der Theorie wissen sie alles über Markt, Zielgruppe und Geschäftsmodell. Nur was will der Markt wirklich? „Viele Gründer glauben zu sehr an den Erfolg ihres Start-ups, ohne verlässliche Daten dafür zu haben“, sagt Toma. Das ändere sich erst durch Erfahrung und die Nutzung von Methoden wie Lean Start-up, sagt er. Auch für Kamil Barbarski aus Köln ist so ein Vorgehen von Gründern typisch. Er ist Mitgründer der „MAK3it GmbH“ und Experte für die Methode Lean Start-up. Er hält regelmäßig Vorträge und organisiert Workshops im Gründerzentrum „Startplatz“ in Köln, die ähnlich wie die Stuttgarter funktionieren. Barbarski hat vor allem aus seinem ersten eigenen Start-up gelernt. Direkt nach dem BWL-Studium wollte er mit zwei Freunden eine mobile App für Taxen entwickeln. 

Dafür schrieben sie rund ein Jahr an einem Businessplan und entwickelten das kleine Programm. Viel zu spät merkten sie, dass die Idee nicht den Bedürfnissen der Kunden und dem Bedarf am Markt entsprach. „Mit der Methode Lean Start-up hätten wir uns viel Zeit sparen können“, sagt Barbarski heute und rät Gründern deshalb: „Nicht zu lange planen und Konzepte entwickeln, sondern direkt einen Prototypen erstellen und mit fünf Leuten das Produkt testen.“ Denn nur so werde klar: „Was sind die Bedürfnisse und Probleme der Kunden – und wird die Lösung angenommen?“

Für ihn ist Lean Start-up ein systematischer Prozess, bei dem die Geschäftsidee am Markt und nicht „im stillen Kämmerlein“ entwickelt wird. „Vor allem wenn Unsicherheit herrscht. Zum Beispiel wenn man eine Idee hat, die es so noch nicht gibt, ist das besonders relevant“, sagt Barbarski. Denn hier liege der Unterschied zwischen einem Unternehmen und einem Start-up. „Ein etabliertes Unternehmen kennt seine Kunden und ihre Bedürfnisse“, sagt er. Sie würden ihr Angebot nur immer weiter verbessern und spezialisieren. Start-ups müssten den Bedarf und die Bedürfnisse ihrer Kunden aber erst entdecken und könnten sich deshalb auch nur begrenzt auf die Methoden von Unternehmen stützen. „90 Prozent der Start-ups scheitern, weil sie schlicht am Kunden vorbei entwickeln“, sagt Barbarski. Neue Geschäftsmodelle müssten vorsichtig erprobt werden. „Denn nur durch Experimente und Erfahrungen am Markt wird klar, ob das Produkt und das dazugehörige Geschäftsmodell funktioniert.“

Das nehmen Nau und seine Mitgründer beim Treffen in Stuttgart auch mit. An ihrer Uni haben sie bisher nur wenig Unterstützung bei der praktischen Umsetzung ihrer Gründung erhalten. Nun wollen sie mit Lean Start-up testen, ob ihre App am Markt gebraucht wird. Derzeit nehmen sie dafür auch an dem Elevator Pitch Baden-Württemberg teil. Hier erfahren sie zum ersten Mal, ob ihre Idee den Markt wirklich interessiert.