Deutsche Start-ups setzen auf Künstliche Intelligenz, doch die geplante E-Privacy-Verordnung der EU könnte sie ausbremsen, warnt Jenny Boldt.

Montag ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer. Heute schreibt Jenny Boldt. Die studierte Wirtschaftsingenieurin ist Leiterin Startups beim Branchenverband Bitkom und dort für die Initiative “Get Started” verantwortlich. Erfahrung in der Szene sammelte sie auch mit der Gründung eigener Unternehmen.

Dass Bill Gates einen ausgeprägten Riecher für technologische Entwicklungen hat, wird wohl niemand bestreiten. Vergangene Woche berichtete der Microsoft-Gründer in einem Interview, dass er sich –  hätte er noch einmal die Möglichkeit ein Unternehmen zu gründen – mit Künstlicher Intelligenz beschäftigen würde.

Sein Ziel wäre, dem Computer echtes Lesen beizubringen, so dass er das gesamte Wissen der Welt aufnehmen kann. Vermutlich wird Gates selbst diesen Schritt nicht mehr gehen – womöglich könnte die Technologie dazu ja auch in Deutschland entwickelt werden?

Deutsche Start-ups nutzen KI – in fast jedem Anwendungsbereich

Künstliche Intelligenz ist für Start-ups aus Deutschland auf jeden Fall die Top-Technologie überhaupt. Vier von zehn setzen bereits heute KI-Technologie ein. Und genauso viele geben an, aktuell über deren Einsatz nachzudenken oder ihn konkret zu planen. Andersherum kann nur jedes fünfte Start-up mit KI so gar nichts anfangen und will sich damit nicht beschäftigen. Das sind Zahlen aus einer aktuellen Bitkom-Umfrage, die durchaus zuversichtlich stimmen können. Denn KI ist nicht eine Technologie wie viele andere. KI ist eine Schlüsseltechnologie, die sich künftig in praktisch jedem Produkt wiederfinden wird. Auf dem Smartphone oder im Sprachassistenten zu Hause, genauso wie beim Chatbot des Online-Händlers oder im digitalen Anlageberater der Bank, aber auch als Hilfe für eine ärztliche Diagnose-Stellung in der Praxis oder im Krankenhaus, im Auto, in der Steuerung unserer Energienetze und natürlich in den Maschinen unserer vernetzten Fabriken.

Ausländische Konkurrenz ist groß

Richtig ist, dass aktuell die USA und China die Nase vorn haben, wenn es um marktfähige KI-Anwendungen geht. Aber auch hierzulande gibt es eine ganze Reihe Start-ups, die erfolgreich auf KI setzen – und zwar in völlig verschiedenen Bereichen. Im Health-Bereich wertet mediaire mit Hilfe einer KI MRT-Aufnahmen der Gehirnregion aus und erstellt automatisiert Reports für den behandelnden Arzt. Auf diese Weise sollen Erkrankungen wie Alzheimer und Multiple Sklerose künftig früher erkannt werden. Das Startup RatePAY hat eine KI-basierte Lösung entwickelt, um Betrüger im E-Commerce in Echtzeit zu identifizieren und so für den Händler Ratenzahlung oder Rechnungszahlung sicherer zu machen. Für alle, die öfter mal vergeblich auf Parkplatzsuche sind, bietet AIPARK eine Lösung, die sich KI-Hilfe bedient. IoT-Sensoren liefern Informationen über die Belegung der Parkplätze, die KI sagt die Belegung voraus, so dass man nicht umsonst den Parkplatz oder das Parkhaus ansteuert. Aaron.AI könnte Kunden in ganz unterschiedlichen Bereichen gefallen, die heute noch in lästigen Telefonwarteschleifen hängen, wenn sie einen Servicemitarbeiter erreichen wollen. Die KI soll künftig die Anrufe entgegennehmen und frei gesprochene Anfragen verstehen und an die richtige Stelle weiterleiten.

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Gerade für die Industrie bietet KI große Chancen, hier setzt Gestalt Robotics an. Das Ziel ist, Robotern das Sehen und Denken beizubringen – und zwar in ganz verschiedenen Branchen. Schon heute können wir unsere Texte auch dank KI-Lösungen sekundenschnell in fremde Sprachen übersetzen. Das Startup lengoo geht aber noch einen Schritt weiter und ermöglicht es, dass die Ergebnisse auch noch den stilistischen Vorgaben der Kunden entsprechen, so wie es ein menschlicher Fachübersetzer auch machen würde.

Künstliche Intelligenz: Etablierte Unternehmen zögern

Diese Vielzahl an oben aufgeführten Unternehmen ist sicherlich ein Grund zur Freude, gleichzeitig könnte man könnte aber auch sagen: Die Start-ups müssen es richten, denn die etablierten Unternehmen haben KI als Zukunftstechnologie bislang noch nicht so richtig erkannt – oder wissen nicht wirklich, wie sie damit umgehen sollen. Unter den deutschen Unternehmen mit 20 oder mehr Beschäftigen quer durch alle Branchen sagen gerade einmal zwei Prozent, dass sie KI-Technologie einsetzen. Nur neun Prozent geben an den Einsatz zu planen oder wenigstens zu diskutieren.

Die Politik versucht diese Zahlen zu erhöhen. In Deutschland gibt es seit vergangenem Jahr eine nationale KI-Strategie, dank der unter anderem bis zum Jahr 2025 drei Milliarden Euro in Künstliche Intelligenz investiert und 100 neue KI-Professuren an den Hochschulen geschaffen werden sollen. Und die EU hat unter anderem eine “High-Level-Group” eingesetzt, die Empfehlungen machen soll, wie Europa im weltweiten Wettrennen um die KI-Führungsposition mithalten kann. Dabei ist es eine Chance, ethische Fragen bei Entwicklung und Einsatz Künstlicher Intelligenz von Beginn an mitzudenken. Europa wählt damit einen eigenen, eben europäischen Weg. Aber damit andere diesem Weg folgen, müssen wir auch beweisen, dass er funktioniert. Das heißt Deutschland und Europa müssen aufpassen, dass wir über KI nicht nur diskutieren, sondern dass wir KI auch machen. Und uns nicht im Gegenteil immer neue Steine in den Weg legen.

Politk legt Steine in den Weg

Künstliche Intelligenz braucht eine ganze Menge: Kluge Köpfe zum Beispiel und natürlich auch Investitions-Millionen – besser Milliarden. Vor allem braucht KI aber eines: Daten. Hier sind etablierte Unternehmen und Start-ups aus Deutschland und Europa bereits heute im Nachteil verglichen mit ihren Wettbewerbern aus den USA und vor allem auch aus China. Doch anstatt die Chancen einer Datennutzung etwa in der Krankheitsdiagnose oder dem individuellen Lernen zu sehen, besteht die Gefahr, dass wir uns das Leben schon bald noch schwerer machen. Die geplante E-Privacy-Verordnung auf EU-Ebene würde die Datenverarbeitung noch weiter einschränken und vor allem so kurz nach der Einführung der Datenschutzgrundverordnung für neue Unsicherheit sorgen. Darunter leiden vor allem auch Start-ups, die im Zweifelsfall keine große Rechtsabteilung haben. Noch ist Zeit, gegenzusteuern. Es wäre doch eine schöne Vorstellung, dass Bill Gates vielleicht in fünf Jahren sagt, er würde gerne nochmal ein KI-Startup gründen – und zwar in Deutschland oder Europa, weil dort bei der KI-Entwicklung der Mensch im Mittelpunkt steht, gleichzeitig aber das Umfeld besonders innovativ ist und Gründern Platz für neue Geschäftsmodelle bietet.