Firmen aus dem Dax suchen den intensiven Austausch mit Gründern. Doch bei den Strukturen gehen die Strategien häufig auseinander, zeigt eine aktuelle Studie.

Mehrere „LifeHubs“ rund um die Welt, der „CoLaborator“, die „G4A Partnerships“ – und dann noch „Leaps by Bayer“: Einen ganzen Reigen an Programmen für die Zusammenarbeit mit Start-ups fährt der Pharma- und Agrarchemiekonzern auf. Mal sollen Start-up-Teams mit Kontakten aus den eigenen Sparten zusammengebracht werden, mal beteiligt sich der Leverkusener Konzern mit Risikokapital. Allein ist Bayer mit dem vielfältigen Engagement nicht. Viele der 30 im deutschen Leitindex Dax notierten Konzerne unterhalten mehrere Initiativen, die sich gezielt an Gründer und Start-ups richten. Das zeigt eine aktuelle Erhebung der Stuttgarter Beratung MM1, die in regelmäßigen Abständen durchgeführt wird.

Mit gleich vier verschiedenen Programmen führt Bayer die Erhebung an. Mehr als zehn weitere Konzerne, darunter etwa Daimler, VW, Adidas oder Merck, kommen auf drei unterschiedliche Einrichtungen. Insgesamt zählen die Berater mehr als 60 verschiedene Start-up-Initiativen unter den 30 Unternehmen, dazu kommen einige firmenübergreifende Kooperationen. „Die Dax-Konzerne sind gut ausgestattet“, sagt MM1-Projektleiter Jens Lehnen, „wobei natürlich gilt: ein oder zwei gut gemachte Programme sind besser als fünf ohne Strategie.“

Start-ups sollen Ideen, Technologie und Talente bringen

Gemeinsam ist den vielen Programmen: Sie alle sollen neue Ideen, neue Technologien und auch neue Talente in die Konzernwelt spülen. „Die Digitalisierung drängt die Konzerne dazu, schneller und flexibler zu werden“, sagt Lehnen. Häufig steuern die etablierten Unternehmen dabei immer wieder um. Einige Programme werden beendet, andere kommen neu dazu. Zu den ersten Aktivitäten gehören häufig sogenannte Inkubatoren oder Acceleratoren.

Dabei werden Ideen, Gründer oder Start-ups für einige Wochen oder Monate in einem strukturierten Programm betreut . Oft stellen die Konzerne zusätzlich noch ein wenig Geld zur Verfügung, manchmal im Tausch gegen Anteile. „Um Wachstum schnell voranzutreiben, können sie hilfreich sein“, kommentiert Berater Lehnen. „Doch die Herausforderung ist dann: Wie begleitet man ein gefördertes Start-up weiter, so dass es nicht zur Eintagsfliege wird.“ Kritiker bemängeln, dass solche Programme vielleicht für frischen Wind sorgen – aber nicht systematisch Innovation in einen Konzern spülen.

Konzerne geben mehr Geld für Beteiligungen aus

Deutlich teurer und aufwendiger sind eigene Risikokapitalgesellschaften. Die suchen nach passenden Beteiligungsmöglichkeiten an Start-ups. Häufig steckt dahinter ein strategisches Interesse: Die Konzerne investieren in junge Unternehmen, die das traditionelle Kerngeschäft ergänzen oder ersetzen könnten. Hat ein solches Start-up Erfolg, sorgt das zudem für eine positiven Einfluss auf die Bilanzen der etablierten Unternehmen. Tech-Konzern SAP ist beispielsweise schon seit fast 25 Jahren mit Sapphire Ventures unterwegs – und investiert viel in US-Start-ups. Die noch recht junge Bayer-Abspaltung Covestro legte dagegen erst in diesem Jahr so richtig los.

Vor Ausbruch der Coronakrise zeigten Studien, dass immer mehr Kapital in Finanzierungsrunden von Konzernen kommt. Inwieweit Unternehmen nun solche Ausgaben zurückfahren, lässt sich noch nicht vollständig absehen.

Konkurrenz um gute Gründer

Die einzelnen Engagements der Konzerne konkurrieren dabei durchaus miteinander: „Je mehr Programme es gibt, desto größer ist die Auswahl – gerade die guten Start-ups können oft frei wählen“, mahnt MM1-Berater Lehnen. Jedes neue Programm muss daher von den etablierten Unternehmen mühsam aufgebaut und beworben werden. Lohnen kann sich die Zusammenarbeit nämlich durchaus: Vor allem die Hilfe bei Marketing und Vertrieb sei für viele Start-ups ein wichtiges Thema, sagt Lehnen.

So kann etwa das eng geknüpfte und globale Netzwerk von Konzernen gerade Geschäftskunden-Start-ups am Anfang wichtige Türen öffnen. Um Enttäuschungen zu vermeiden, sollten die Ziele einer Kooperation früh und klar besprochen werden, raten Experten. Für eine gelungene Zusammenarbeit müsse auch der Kulturwandel in den etablierten Unternehmen früh ansetzen, so Lehnen: „Man braucht in den Konzernen Einheiten, die auf Augenhöhe mit den Start-ups sprechen können. Die Start-ups wollen nicht zwei Wochen auf eine Antwort warten.“