Als Gründerin eines Reise-Start-ups steht Meike Haagmans in der Klimakritik. Statt Scham zu empfinden, sieht sie diesen Umstand als Chance.

Montag ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer: In ihrer Kolumne berichtet Meike Haagmans von dem alltäglichen Wahnsinn im Leben einer Gründerin. Wenn sie nicht gerade bei uns schreibt, reist sie als Flugbegleiterin um die Welt, bloggt über ihre Erfahrungen mit ihrem Reiseveranstalter Joventourund gibt auf ihrer Webseite Tipps für Nebenbei-Gründer.

Heute sind die anderen dran. Am vergangenen Mittwoch hat der Klimarat seinen Sonderbericht zum Klimawandel veröffentlicht und seitdem ist klar, dass die Landwirtschaft einer der Hauptübeltäter ist. Letzte Woche sah es noch anders aus: Mitten in der Ferienzeit diskutierte ganz Deutschland über die CO2 Bilanz von Flugzeugen. Aber seit einigen Tagen dominiert nun das Billigfleisch die Titelblätter der Tageszeitungen und für uns – die Tourismusindustrie – gibt es eine kurze Verschnaufpause.

Aber wie fühlt es sich für Unternehmer an, deren Geschäftsmodelle und Produkte, jahrelang ohne jegliches Hinterfragen konsumiert wurden und die nun eine Klima-Bashing Welle erleben?

Soll ich meine Firma schließen?

Vor knapp acht Jahren habe ich den Reiseveranstalter Joventour gegründet und seitdem planen und verkaufen wir Fernreisen, deren Anreise laut der deutschen Non-Profit-Organisation Atmosfair schon doppelt so viel CO2-Ausstoß verursacht, wie das klimaverträgliche Jahresbudget eines Menschen zulässt? Das sind keine schöne Zahlen. Ohne Zweifel. Aber was tun? Die Firma schliessen und mir so die ´Klimalast´ von der Schulter nehmen? Ausser dass ich damit meine eigene Existenz und die meiner Mitarbeiter auf´s Spiel setze, wäre nichts erreicht. 

Ein großer Vorteil vom Gründertum ist, dass man gestalten kann. Und genau diese Freiheit heißt es nun zu nutzen. Ich bin davon überzeugt, dass Unternehmer aus Branchen, dessen Produkte immer in der Klimakritik stehen werden, die aktuelle Situation als Chance sehen sollten.

In unserem Fall bedeutet es nicht, die Fernreisen aus dem Programm zu nehmen. Genau so utopisch wäre es, wenn in Zukunft alle Transatlantik-Reisenden, wie Greta Thunberg zum Klimagipfel nach New York, ans Ziel segeln müssten. Aber wir haben eine unternehmerische Verpflichtung und das bedeutet, dass wir dem Markt bewusstere und nachhaltige Alternativen anbieten müssen. 

Wirkliches Umdenken oder nur gutes Marketing?

Eine Branche die das bereits umsetzt, ist die Fleischindustrie. Dort sind es die traditionellen Fleischproduzenten, wie Rügenwalder oder Ponnath, die den Konsumenten vegane und vegetarische Optionen bieten. 

Und auch der Tourismus beginnt nun auf die Veränderungen zu reagieren. Seit einigen Wochen vergleicht die Deutsche Bahn in Anzeigen deutsche mit nordamerikanischen Destinationen und plakatiert dabei den CO2 Verbrauch der Anreisen. Auch erste Player der geächteten Luftfahrt, rufen zu einem bewussteren Reisen auf. Die niederländische Fluglinien KLM fragt ihre Kunden in dem Video „KLM Fly Responsibly“ ganz bewusst, ob jeder Flug notwendig ist. Ob hinter diesen Kampagnen wirkliches Umdenken oder nur gutes Marketing steckt, ist eine Frage, die erst noch beantwortet werden muss. 

Fakt ist aber, dass der Klimawandel und die aufkommenden Sensibilisierung der Verbraucher den Markt verändern werden und ich denke, dass sowohl Produzenten, wie auch Verbraucher, sich aktiv bei der Neuorientierung beteiligen müssen. Das aktuelle Konsumenten-Bashing hemmt dabei genauso wie Schamdebatten. Beide Parteien haben Tatsachen und Warnungen Jahrzehnte ignoriert und sind nun gemeinsam gefragt.

Start-ups können mit gutem Beispiel vorangehen

Mit welcher Dynamik der Wandel am Markt sich vollziehen wird, werden wir sehen. Sollte es sich ähnlich schnell ändern wie das Wahlverhalten der Deutschen, ist es die Stunde der Start-ups. Denn vermutlich werden nur die wenigsten Konzerne so schnell und agil reagieren können. 

Gerade erweckte das Münchener Flugportal Flyla Aufmerksamkeit, als es vergangenen Donnerstag bekannt gab, zukünftig nur noch  klimakompensierte Flüge anzubieten – eine Buchung ohne CO2-Ausgleich ist über das Online-Portal nicht möglich. Zusätzlich pflanzt das Start-up in Kooperation mit der amerikanischen Non-Profit-Organisation Eden Reforestation Projects in Nepal, Madagaskar, Haiti, Indonesien, Mosambik und Kenia für jeden Flug  mindestens einen Baum.

Die Möglichkeiten sind grenzenlos – nutzen wir sie!