Drohnen, Sensoren, Roboter – die Landwirtschaft wird digital. Doch altmodische Gesetze und Regeln erschweren ein Vorankommen, kritisiert Niklas Veltkamp. 

Mittwoch ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer: Heute schreibt Niklas Veltkamp, Mitglied der Geschäftsführung beim Branchenverband Bitkom und dort für Start-ups zuständig.

Säen, ernten, füttern, melken – Landwirtschaft läuft nur auf den ersten Blick heute noch so ab wie vor 100 Jahren. In Wahrheit sind viele Bauernhöfe hierzulande bereits digitaler als ein Großteil der Fabriken: Sensoren überwachen den Gesundheitszustand der Kuh und warnen bei Erkrankungen oder rechtzeitig bevor sie kalbt. Drohnen überwachen Felder auf Schädlingsbefall und Roboter bringen an den richtigen Stellen eine genau dosierte Menge an Pestiziden aus und schonen so die Umwelt.

Mit der Landwirtschaft befindet sich aktuell einer der größten Wirtschaftszweige mitten in der digitalen Transformation. Von diesem digitalen Umbruch profitieren alle. Die Landwirte können Erträge steigern und Kosten senken, die Kunden erhalten bessere Qualität und gleichzeitig werden Natur und Umwelt geschont.

Konzerne wie Amazon und Google zeigen Interesse

Einen wichtigen Beitrag zu dieser Entwicklung leisten Start-ups. Die sogenannten AgTechs bringen technische Innovationen besonders schnell auf die Felder und in die Ställe. Weltweit wird in diesem Jahr voraussichtlich so viel Geld in AgTechs investiert werden wie nie zuvor – Branchenexperten schätzen, dass in knapp 250 Finanzierungsrunden rund zwei Milliarden US-Dollar eingesammelt werden. Die weltweit größten Tech-Konzerne wie Amazon, Google und Facebook investieren ebenfalls immer stärker in AgTechs. So war etwa Amazon 2017 maßgeblich an dem bis dahin größten AgTech-Investment aller Zeiten in Höhe von 200 Millionen US-Dollar in das US-amerikanische Unternehmen Plenty Inc. beteiligt.

Vollautomatische Überwachung für Gewächshäuser

Aber auch in Deutschland gibt es eine Reihe von erfolgreichen AgTech-Beispielen. Die Green Spin GmbH aus Würzburg ist vor gerade einmal fünf Jahren gegründet worden und bereitet Geodaten so auf, dass sie in der Landwirtschaft eingesetzt werden können. Mit Hilfe der Daten können Landwirte den Einsatz von Dünger genau planen, und zwar für jeden Acker separat. Gleichzeitig können sie eine aktuelle Ernteprognose digital abrufen.

Das Start-up Peat aus Berlin will den Landwirten helfen, wenn es auf ihren Feldern zum Schädlingsbefall gekommen ist. Zum einen kann die Software mit Hilfe maschinellen Lernens nur mit Hilfe eines Fotos des Schädlingsbefalls Hinweise auf die optimalen Gegenmaßnahmen geben, zum anderen bietet Peat aber auch eine vollautomatische Überwachung für Gewächshäuser, die im Falle von erkrankten Pflanzen Alarm schlagen.

Rasantes Wachstum der AgTech-Branche

Fodjan aus Dresden will den Landwirten ebenfalls bei der Planung mit Hilfe digitaler Technologien helfen – und zwar bei der Fütterung von Kühen, Rindern und Schweinen. Dabei geht es nicht nur darum, einen besseren Überblick zu behalten oder den Futtereinsatz effizienter zu gestalten, es geht auch um eine Steigerung der Tiergesundheit und um die Senkung des Carbon Foodprints.

Das sind weit mehr als Einzelbeispiele. Die AgTech-Branche wächst viermal so schnell wie der konventionelle Agrarsektor. Dabei stehen drei Bereiche im Fokus, wie ein Blick auf die offenen Stellen zeigt. Der mit 19 Prozent aller Jobgesuche am schnellsten wachsende AgTech-Bereich nennt sich „Biomaterials and Food Processing“. Es geht um die biochemische Weiterentwicklung von Lebensmitteln sowie deren Qualität und Sicherheit.

An zweiter Stelle steht das „Smart Farming“. Diese Start-ups konstruieren sowohl Hardware in Form von Drohnen (16 Prozent der Vakanzen) oder Robotern (7 Prozent), als auch Software für Sensor- und Messtechnik, Bilderkennung oder Machine-to-Machine- Kommunikation (16 Prozent). Drittens wächst der Bereich „Crop Science and Soil Tech“ stark. Dabei geht es um das Düngermanagement, das sich mit biologischen Inputfaktoren und der Behandlung von Saatgut und Böden beschäftigt (15 Prozent der offenen Stellen).

Altmodische Regeln machen Start-ups das Leben schwer

Allerdings werden AgTechs immer noch häufig Steine in den Weg gelegt, weil bestehende Gesetze und Regeln beispielsweise hinsichtlich Förderprogrammen sich eher an der Landwirtschaft des letzten Jahrhunderts orientieren als am Digitalzeitalter. So sind etwa strenge Kriterien der Bonitätsprüfung wie etwa ein hoher Eigenkapitalanteil der Projektausgaben bis zum letzten Tag der Projektlaufzeit oft nur mit Schwierigkeiten – oder im schlimmsten Fall gar nicht – für Start-ups erfüllbar. Dazu kommt, dass heute Landwirte die Daten aus ihrer Betriebssoftware nicht nutzen können, um etwa Meldungen oder Agraranträge an die zuständigen Behörden zu senden. Stattdessen müssen die Angaben in der Regel händisch abgetippt werden. Es fehlt am Willen der zuständigen Ämter ihre Antragssoftware mit sicheren und offen dokumentierten Schnittstellen auszustatten, damit Softwarehersteller den entsprechenden Zugang integrieren können. Um solche Projekte voranzutreiben, wäre ein Ansprechpartner für Start-ups im zuständigen Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft eine große Hilfe.

Mehr Sichtbarkeit für Gründungen aus der Landwirtschaft

Ein solcher Start-up-Beauftragter könnte die Interessen von Start-ups bei Gesetzgebungsverfahren, bei Ausschreibungen, und bei der Einbindung in Projekte des Ministeriums gewährleistet. Und er könnte sich auch für einen Gründungswettbewerb im Agrarbereich stark machen, wie es ihn in vielen anderen Branchen längst gibt. Wir brauchen mehr Sichtbarkeit für technologiebasierte Gründungen aus der Landwirtschaft, zum anderen könnte eine solche Auszeichnung für Landwirte und Industriepartner als Qualitätssiegel angesehen werden und damit zu mehr Vernetzung in der Branche führen, die wir dringend brauchen.

Während heute Drohnen über dem Feld noch für Stirnrunzeln sorgen und Projekte wie Video-Identifikation von Kühen exotisch wirken, werden schon in wenigen Jahren digitale Technologien die Landwirtschaft prägen – und dafür sorgen, dass es auch weiterhin eine regionale und umweltschonende Landwirtschaft in Deutschland gibt. Mit AgTechs kann es uns gelingen, dass diese Lösungen hierzulande entwickelt werden. Diese Chance sollten wir nicht verstreichen lassen.

Um AgTechs auf der politischen Bühne Gehör zu verschaffen, veranstaltet Bitkom am 15. Januar ein Gründerfrühstück mit Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner in Berlin. Das Thema unter anderem: Experimentierfelder für neue digitale und digitalgestützte Anwendungen in der Landwirtschaft.