Die Coronakrise ist für Meike Haagmans existenzbedrohend – das Geschäftsmodell ihres Reise-Start-ups ist zu einer Luftnummer geworden. Wie geht es weiter?

Montag ist Kolumnentag bei WiWo Gründer: In ihrer Kolumne beschäftigt sich Meike Haagmans, Flugbegleiterin und Gründerin, mit dem Thema, wie sich ihre beiden Leidenschaften vereinen lassen. Wenn sie nicht gerade bei uns schreibt, bloggt Meike Haagmans über ihre Erfahrungen mit ihrem Reiseveranstalter Joventour und gibt auf ihrer Webseite viele Tipps für Nebenbei-Gründer.

Ich habe die Arschkarte gezogen und ich gehe auch nicht über „Los“. Zu schön wäre es gewesen, wenn es all das, was in den letzten Wochen passiert ist, nur ein Brettspiel gewesen wäre. Eines, auf das ich hätte draufstampfen können, um es anschließend wütend an die Wand zu werfen. Aber es ist kein Brettspiel. Es ist die Realität – und sie bedroht meine Existenz. 

Erst so langsam fange ich an zu realisieren, was in den letzten zwei Monaten passiert ist. Die erste Zeit habe ich wie eine Verrückte um meinen Fernreiseveranstalter Joventour gekämpft und mich an jeden Strohalm geklammert. Kaum fähig zu verstehen, was eigentlich passiert. Ich habe mich mit meiner Hausbank gestritten, Briefe an die Politik geschrieben, Anträge ausgefüllt und dabei Unmengen an Tränen vergossen. Die weltweite Reisewarnung hat mit voller Wucht zugeschlagen. Innerhalb von nur zwei Tagen ist unser Umsatz um Einhundertprozent eingebrochen. Einhundertrprozent! Niemand kann, will und darf mehr verreisen. Unser Geschäftsmodell ist zu einer Luftnummer geworden. Substanzlos. 

Wie lange müssen wir den Pauseknopf drücken?

Wie am Fließband haben wir Woche für Woche alle Reisen abgesagt und Zahlungen erstattet. Immer leerer wird bis heute unser Buchungssystem. Ich hatte keine Kraft mehr, enttäuscht, wütend oder traurig zu sein. Ich habe einfach nur noch storniert, bis wir nach einem Monat endlich staatliche Unterstützung erhielten. Es war der Moment, in den ich das erste Mal aufatmete. Mit den Zahlungen haben wir es zwar geschafft, den „Pauseknopf“ drücken zu können – dennoch wirkt allesperspektivlos, denn niemand kann sagen, wie lange der Knopf gedrückt bleiben muss.

Viele unserer Mitbewerber versuchen nun das Reiseerlebnis zu digitalisieren: von Zoom Themenabenden bis zu virtuellen Gruppenreisen. Ein verzweifelter Rettungsversuch, denn man kann nichts retten, wo nichts zu retten ist. Zu deutlich waren die Worte von Aussenminister Maas vor zwei Wochen, dass es keine zweite Rückholaktion der Bundesregierung geben wird. Und zu eindeutig sind die Bestimmungen in unseren Zielländern.

Die Lösung: Eine radikale Änderung des Geschäftsmodells

Wir standen also genau vor zwei Optionen: auf unbestimmte Zeit Geld verbrennen oder das Geschäftsmodell radikal ändern. Ich habe mich vor drei Wochen für den zweiten Weg entschieden.

Seit der Geburt meines Sohnes hängt an der Tür im Kinderzimmer eine einfache schwarz-weiss Kopie meiner Hebamme: „Erste-Hilfe für Babys und Kleinkinder“. Leider absolut nicht ansprechend gestaltet und mit der Zeit verdeckten immer mehr Jacken und Taschen den Zettel. Er hatte keine Bedeutung mehr, obwohl das Thema so wichtig ist. 

„Wie schafft man es, Erste-Hilfe im Kinderzimmer prominenter zu platzieren?“ Aus irgendeinem Grund liess mich dieses Thema nicht mehr los. In meinem Kopf fing es wieder an zu arbeiten und ich stellte die Frage meiner besten Freundin, die Grafikerin ist. Ihre Antwort erfolgte innerhalb von einer Stunde mit einem Posterentwurf, bei dem der Kopfbereich durch den Vornamen und verschiedene Motive individualisierbar ist. Das war die Geburtsstunde von Littleplan.

Diesen einen Versuch ist es wert

Innerhalb von zwei Wochen setzten wir einen Online-Shop auf, designten verschiedene Modelle und Größen, investierten in einen Posterdrucker, schlossen erste Kooperationen und wandelten das halbe Büro um. Dort, wo vor zwei Monaten noch Landkarten von unserer Reiserouten hingen, hängen nun Postermodelle. Mit dem ganzen Verpackungsmaterial sieht es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Aber es fühlt sich gut an. 

Unser größter Vorteil ist die bestehende Gesellschaft und die Infrastruktur, die wir nutzen können. Es müssen keine Rahmenbedingungen geschaffen werden – wir können uns auf das Produkt und das Marketing konzentrieren. 

Vielleicht mag es verrückt klingen, dass ein Reiseveranstalter jetzt Erste-Hilfe Poster fürs Kinderzimmer anbietet. Vielleicht ist es auch ein weiterer Strohhalm, an den ich mich klammere. Und vermutlich gibt es tausend Gründe dagegen, aber solange es nur einen Grund dafür gibt und dieser uns überzeugt, ist es einen Versuch wert. Wohin es auch immer gehen mag. Denn eines habe ich als Gründerin gelernt: „Mache es, bevor es jemand anders macht“.