Höher, schneller, weiter? Es geht um mehr, sagt Meike Haagmans: Unternehmer müssen endlich anfangen sich mit dem Klimawandel auseinanderzusetzen.

Montag ist Kolumnentag bei WiWo Gründer: In ihrer Kolumne berichtet Meike Haagmans von dem alltäglichen Wahnsinn im Leben einer Gründerin. Wenn sie nicht gerade bei uns schreibt, reist sie als Flugbegleiterin um die Welt, bloggt über ihre Erfahrungen mit ihrem Reiseveranstalter Joventour und gibt auf ihrer Webseite viele Tipps für Nebenbei-Gründer.

Vielleicht sollte ich mir angewöhnen Einladungen komplett zu lesen. Inklusive den Fusszeilen und den Abschnitten, in denen  es um Dresscodes geht. Es hätte mir Anfang des Monats bei der Verleihung des Axia Awards einige Blicke erspart. Da half auch der Blazer nur wenig, den ich mir noch schnell beim Verlassen der Wohnung gegriffen hatte, um Jeans und Turnschuhen etwas Glanz zu verleihen. Ich war mehr als underdressed. Und neben mir gab es genau noch eine andere Person, die das gleich Outfit gewählt hatte: Frank Thelen. Mit dem feinem Unterschied, dass Sneakers sein Erkennungsmerkmal sind, und er die Keynote hielt.

Eine Dankesrede ähnelt der anderen

Mir blieb also nichts anderes übrig, als mich möglichst unauffällig unter die langen Ballkleider, Smokings und Sakkos zu mischen und Frank Thelen zu lauschen. Obwohl bei dem Axia Award der deutsche Mittelstand ausgezeichnet wird, versucht Thelen Start-up-Spirit zu verbreiten. Er spricht das Publikum konsequent in der Du-Form an, erklärt, wie wichtig Innovation für ihn ist und erzählt, warum er nur noch in Firmen investiert, bei denen von einem exponentiellen Wachstum auszugehen ist. Höher, schneller, weiter – die Message an den deutschen Mittelstand ist deutlich.

Es folgen Laudatio, Händeschütteln und ein Bild für Kamera. Es fällt schwer den einzelnen Preisträger zu folgen. Irgendwie sehen sie alle gleich aus: Männer zwischen 40 und 60 Jahren in netten Anzügen und gut frisiert. Sie danken ihren Familien und der Belegschaft. Und mehr oder weniger ähnlich sich auch alle Dankesreden. Bis Dirk Rossmann seine Auszeichnung erhält.

“Wir Unternehmer tragen eine Verantwortung”

Der 72jährige nimmt das Mikrofon und tritt einen Schritt vor . Er beginnt das Publikum direkt anzusprechen. Höher, schneller, weiter – Frank Thelens Ambitionen in allen Ehren, aber es gäbe ein viel größeres Problem, um welches wir uns kümmern müssen. Rossmann erzählt von einem Tag im November des vergangenen Jahres, an dem er beruflich nach Leipzig verreist war und wie er sich einen Cappuccino auf der Hotelterrasse bestellt hatte. Dann stockt er, schaut Frank Thelen direkt an und verstärkt seine Stimme: „Cappuccino im November bei 18 Grad draußen, Herr Thelen! So was macht mir Angst“.

Ich möchte aufspringen und Bravo rufen. Aber um mich herum ist es still. Der deutsche Mittelstand räuspert sich leicht verlegen. Rossmann nutzt die Stille und spricht weiter: wir Unternehmer müssen endlich beginnen, uns um den Klimawandel zu kümmern. Wir haben eine Verantwortung. Er argumentiert sachlich, verliert die Wirtschaftlichkeit nicht aus den Augen und appelliert, anstatt zu kritisieren.

Dirk Rossmann ist für mich ein Vorbild

Mich beeindruckt, dass ein Unternehmer, der offensichtlich schon alles in seinem Leben erreicht hat, so offen seine Bedenken und Ängste äussert. Und ich merke, wie Rossmann mir damit aus dem Herzen spricht. Erst vor zwei Monaten habe ich in meiner Kolumne über Greta Thunberg geschrieben und in wie weit sie mein ökonomisches Denken und Handeln beeinflusst. Jetzt tut es einfach gut zu erfahren, dass man mit seinen Sorgen nicht alleine ist.

Dirk Rossmann war für mich immer der Gründer einer Drogeriemarktkette. Nun ist er mein Vorbild. Exponentielles Wachstum bremst den Klimawandel genauso wenig wie die Digitalisierung. Es muss  interdisziplinär etwas geschehen und wir müssen endlich beginnen uns mit Lösungen zu beschäftigen statt Tatsachen zu ignorieren. Und manchmal braucht es einen 72jährigen, der uns die Augen öffnet, ohne Jeans und ohne Sneakers, aber dafür mit einer Mission.