Talent lässt sich schwer skalieren: Start-ups suchen oft verzweifelt nach Fachkräften. Kolumnist Niklas Veltkamp vom Bitkom berichtet vom Leid junger Firmen – und hat einen Vorschlag.

Mittwoch ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer: Heute schreibt Niklas Veltkamp, Mitglied der Geschäftsführung beim Branchenverband Bitkom und dort für Start-ups zuständig.

Das böse Erwachen für viele Start-up-Gründer kommt dann, wenn sie am wenigsten damit rechnen. Die Finanzierung ist aufgebracht, das Kernteam gebildet, das Produkt ist auf dem Markt, die ersten Reaktionen sind positiv und nun geht es ans Wachstum – und plötzlich fehlen die Leute.

Man will Programmierer einstellen oder Experten, die sich mit Datenanalyse, Künstlicher Intelligenz oder Blockchain auskennen, aber weder mit Stellenanzeigen noch mit Hilfe aus dem eigenen Netzwerk findet man geeignete Bewerber. Vom Fachkräftemangel sind auch Start-ups betroffen, jeder zweite Gründer gibt an, dass aus diesem Grund schon einmal eine Stelle nicht besetzt werden konnte.

Vor allem Entwickler sind in Startups gesucht, bundesweit gibt es aber aktuell 55.000 unbesetzte Stellen für IT-Experten. Jahr für Jahr steigt diese Zahl, zuletzt wieder um 8 Prozent. Für Start-ups bedeutet das eine doppelte Herausforderung: Zum einen gibt es ohnehin zu wenige Experten auf dem Arbeitsmarkt.

Zum anderen konkurrieren Start-ups auch mit großen Unternehmen aus allen Branchen um die wenigen Kandidaten – große Unternehmen, die ganz andere Gehälter bieten können als ein junges Start-up. Kein Wunder also, dass das Thema Fachkräftemangel aktuell ganz oben auf der Liste der Herausforderungen steht, wenn man sich mit Gründern unterhält.

Ein möglicher Ausweg ist gerade für Start-ups mit ihrer häufig ohnehin international geprägten Kultur, Mitarbeiter aus Ländern außerhalb der EU zu rekrutieren. Doch dieser Weg ist mühsam. Das fängt damit an, dass schon vor einem Antrag auf Aufenthaltserlaubnis und Visum eine Menge Formulare auszufüllen sind. Natürlich braucht man ein konkretes Arbeitsplatzangebot.

Dabei ist nachzuweisen, dass sich durch die Beschäftigung eines ausländischen Arbeitnehmers keine nachteiligen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt ergeben und es dürfen auch keine sogenannten „bevorzugten Arbeitnehmer“ zur Verfügung stehen. Darunter versteht der Gesetzgeber Deutsche, EU-Bürger und Staatsangehörige von EWR-Staaten. Und wichtig ist zudem der Nachweis, dass die ausländischen Arbeitnehmer nicht zu ungünstigeren Arbeitsbedingungen als vergleichbare deutsche Arbeitnehmer beschäftigt werden.

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Nur wer einen Akademiker aus einem Nicht-EU-Land einstellen möchte, kann auf die EU Blue Card zurückgreifen – die das Verfahren unkomplizierter und unbürokratischer machen soll. Rund 17.000 Blue Cards wurden in Deutschland in den ersten neun Monaten 2017 erteilt, allerdings nicht nur für IT-Experten, sondern auch für Ingenieure oder Ärzte.

Allerdings muss der potenzielle Arbeitgeber Mindestgehaltsgrenzen erfüllen und nachweisen. Zudem erweist sich auch die Anerkennung des notwendigen Hochschulabschlusses teilweise als schwierig. Zudem: Gerade bei Entwicklern sind die tatsächlichen Qualifikationen für ein Start-up viel wichtiger als Abschlüsse.

Ob mit oder ohne Blue Card: Für Start-ups, die oft über keine oder nur eine sehr kleine Personalabteilung verfügen und bei denen vielfach Recruiting noch Chefsache ist, ist es sehr aufwendig, Mitarbeiter aus dem Nicht-EU-Ausland einzustellen. Und was häufig noch schwerer wiegt: Es dauert. Während in etablierten Unternehmen ein paar Monate für eine Neueinstellung völlig normal sind, tickt die Uhr in einem schnell wachsenden Start-up anders.

Und dann sind da noch die Hürden, die sich nicht in Gesetzesblättern wiederfinden, von denen Gründer aber zuhauf berichten können. So hat das Fintech-Start-up figo, Deutschlands erster Banking Service Provider, bereits einige Fachkräfte aus dem Ausland eingestellt und weiß, wie aufwendig und langwierig dieser Prozess sein kann.

Aber selbst wenn der Experte dann endlich angekommen ist, geht es mit den Hürden weiter – etwa wenn im sogenannten Willkommenscenter, das den Prozess eigentlich vereinfachen soll, kaum Englisch gesprochen wird. Die Folge: Auch hier muss das Unternehmen sehr viel Unterstützung leisten.

Ein Willkommenscenter ohne Fremdsprachenkenntnisse ist ein typischer Fall von „nicht mitgedacht” – und leider kein Einzelfall. So berichtet das Start-up fashion.cloud, eine europaweite B2B-Plattform der Modebranche, von der eher wenig durchdachten Kartenzahlung im Willkommenscenter. Fällige Gebühren können dort nur mit der EC-Karte beglichen werden.

Die ist zwar hierzulande Standard, Einwanderern aus Drittstaaten ist sie aber in aller Regel unbekannt, sie verfügen nur über eine Kreditkarte. Um eine EC-Karte zu bekommen braucht man ein Konto in Deutschland – das man nur mit einer Meldeadresse bekommt, die aber voraussetzt, dass man auf dem Amt war und dort die Gebühren bereits beglichen hat. Mit Karte.

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Die Bundesregierung hat angekündigt, beim Thema E-Government und digitale Verwaltung das Tempo zu erhöhen. Für Gründer wäre ein einfacher, transparenter und digitaler Prozess, um Mitarbeiter aus dem Nicht-EU-Ausland gewinnen zu können, eine große Hilfe. Schon heute beschäftigten Start-ups im Schnitt 18 Mitarbeiter.

Nur wenn Start-ups hierzulande schnell wachsen können, können wir das riesige volkswirtschaftliche Potenzial der Digitalwirtschaft wirklich nutzen. Andernfalls besteht die reale Gefahr, dass Wachstum anderswo stattfindet. Denn bei einigen unserer Nachbarn steht das Thema Fachkräftesicherung für die Digitalwirtschaft ganz weit oben auf der Agenda.

So ist in Frankreich die neue Regierung um Präsident Macron schon einen ersten Schritt weiter im Wettbewerb um die besten internationalen Tech-Talente. Mit dem „French Tech-Visa” können Start-up-Gründer, -mitarbeiter, und -investoren aus dem außereuropäischen Ausland unkompliziert eine Aufenthaltsgenehmigung und Arbeitserlaubnis für vier Jahre beantragen.

Ein solches „Tech-Visa” könnte auch Vorbild für eine deutsche Regelung sein – ein Visum, das sich gezielt an die Start-up-Branche richtet und nicht nur Fachkräften, sondern auch Gründern und Investoren eine einfache und schnelle Möglichkeit für eine Arbeitserlaubnis bietet. So entstehen Innovation, Wachstum und zusätzliche Jobs.