Drittens: Es kämen neue regulatorische Hürden auf Start-ups zu, die sich den britischen Markt erschließen wollen. Nur zwei Beispiele: Mit der Europäischen Datenschutzgrundverordnung wurde erst im April dieses Jahres eine einheitliche Regelung für den Umgang mit personenbezogenen Daten beschlossen. Schert Großbritannien aus der EU aus, müssen auch neue Vereinbarungen für den Datenverkehr geschaffen werden. Wenn man bedenkt, wie lange es gedauert hat, eine einheitliche Regelung für Europa zu finden, kann man sich in etwa vorstellen, wie lange es dauert, bis eine Regelung für die Briten gefunden wird. Auch im Bereich des Urheberrechts käme zusätzlicher Aufwand auf die Start-ups zu. Ein Beispiel von vielen: Derzeit kann die eigene Marke mit einer Eintragung beim europäischen Markenamt in allen 28 Mitgliedsstaaten geschützt werden. Für Großbritannien würde in Zukunft wieder eine eigene Eintragung fällig, mit entsprechenden Prüfungen und Formalitäten.

Start-up-Szene gegen den Brexit: Wir brauchen Großbritannien!

Übrigens lohnt sich auch ein Blick über den Kanal. Britische Gründer, die wohl am meisten unter dem Brexit leiden würden, warnen davor. Das Austreten aus der EU bedroht ihre internationale Expansion und ihren wirtschaftlichen Erfolg: In einem offenen Brief, der auch in der britischen Ausgabe der „Financial Times“ veröffentlich wurde, sprechen sich über 200 Gründer gegen einen Brexit und stattdessen für weitere Reformen aus, um einen fruchtbaren Binnenmarkt für Start-ups in der EU zu schaffen. Zu den Unterzeichnern zählen Unternehmer aus verschiedensten Branchen und wichtige Köpfe der britischen Gründerszene wie z. B. Niklas Zennström, Gründer von Skype und heute CEO von Investor Atomico, Riccardo Zacconi, CEO von Spielehersteller King.com, William Shu, Gründer und CEO von Deliveroo, sowie Ning Li, Co-Founder und CEO von Made.com. In einem offenen Brief an den Evening Standard äußerten sich auch über 60 Investoren gegen einen möglichen Brexit. Sie haben erkannt, dass die Abschottung nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich deutlich mehr Nach- als Vorteile mit sich bringt. Wer ein erfolgreiches Unternehmen aufbauen will, gründet dort, wo er auch die Chance auf internationalen Erfolg sieht.

Nationalismus verhindern: Jetzt für Europa stark machen!

Und es könnte noch viel schlimmer kommen. Sollte eine Mehrheit der Briten tatsächlich am Donnerstag dem europäischen Projekt die Tür vor der Nase zuschlagen, würden sich dadurch mit Sicherheit die Euro-Kritiker in den anderen EU-Mitgliedsstaaten ermutigt fühlen. Es wäre eine Bestätigung für alle nationalistischen, anti-europäischen Bewegungen, die seit Jahren regen Zulauf verzeichnen. Die Digitalbranche steht dagegen für eine Zusammenarbeit und einen Austausch über Staatsgrenzen hinweg, sie steht für internationale Projekte und für Innovationen, die allen zur Verfügung stehen sollen. Wir sollten gemeinsam in einer neuen Runde in ein geeintes Europa investieren, statt den schnellen Exit zu suchen. Klar, das ist mühsam, kostet Zeit und Nerven, aber wer etwas Großes erreichen will, den stört die zu erwartende Arbeit nicht – das zumindest weiß jeder Gründer nur zu gut.