Unser Alltag wird immer digitaler, nur die deutsche Verwaltung verharrt im Zustand des Analogen, sagt Niklas Veltamp und fordert eine Öffnung für Innovationen.

Mittwoch ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer: Heute schreibt Niklas Veltkamp, Mitglied der Geschäftsführung beim Branchenverband Bitkom und dort für Start-ups zuständig.

Die deutsche Verwaltung hatte einmal einen guten Ruf – weil sie als effizient und effektiv galt. Doch das ist Vergangenheit. Heute sind Ämter und Behörden vielerorts von langen Wartezeiten, kundenunfreundlichen Öffnungszeiten und Personalmangel geprägt. Während der Alltag immer digitaler und bequemer wird – vom Online-Shopping bis zum Musik-Streaming – verharrt die Verwaltung im Zustand des Analogen.

Würden Städte und Kommunen sich mehr für Innovationen öffnen, könnten wir uns bereits heute die meisten Behördengänge sparen. Das beweisen die Erfahrungen in anderen Ländern wie zum Beispiel Dänemark. Dort findet 90 Prozent aller Kommunikation zwischen Bürgern und Verwaltung längst digital statt. An Ideen für einen modernen, digitalen Staat fehlt es auch in Deutschland nicht. Woran es bisher jedoch mangelt, ist ein klarer politischer Wille.

Hürden bei der Zusammenarbeit mit Verwaltungen

Vor allem Start-ups versuchen längst frischen Wind und bürgerfreundliches E-Government in die Amtsstuben zu bringen. Jedoch stoßen die Gründer auf viele Hindernisse. Zum einen haben sie Schwierigkeiten dabei, sich auf öffentliche Ausschreibungen von Software-Projekten von Städten und Kommunen zu bewerben, weil sie oftmals die Bonitäts- aber auch die Sicherheitskriterien nicht erfüllen. Zum anderen fehlt ihnen auch oft anders als etablierten Anbietern der Zugang zu Vertretern der Verwaltung. Das größte Hindernis ist jedoch, dass die Verantwortlichen in der Verwaltung Angst haben mit einem Projekt zu scheitern – und so lieber nichts Neues wagen und so weitermachen wie bisher.

Schluss mit German Angst

Wenn wir eine moderne, digitale Verwaltung wollen, dann muss für diese Start-ups der Staat zum Kunden Nummer eins werden. Die Voraussetzungen für öffentliche Aufträge dürfen nicht mehr auf vollständige Risikoeliminierung ausgerichtet sein und so die traditionellen Anbieter bevorzugen, sondern wir müssen zu einem angemessenen Risikomanagement und einer Wertschätzung technologischer Innovationen kommen. So scheitern Start-ups etwa an der häufig geforderten Mindestanzahl an Referenzen. Eine „Innovationsprämie“ oder die geringere Gewichtung von Referenzen könnten hier gangbare Lösungen sein.

Und auch die Verwaltung muss schneller werden. Vergabeverfahren von Behörden sind sehr zeit- und kostenintensiv. Start-ups klagen über aufwendige Prozesse, Verzögerungen durch eine schlechte Verfügbarkeit der Ansprechpersonen sowie mehrfache langwierige Freigaben. Wie soll die deutsche Verwaltung zeitgemäß sein, wenn der Sales-Zyklus bei der Zusammenarbeit zwischen einem Start-up und einer Behörde über ein Jahr dauern kann?

Per Selfievideo Ausweisdokumente beantragen

Um das zu erreichen braucht es Kontakte und Austausch zwischen Vertretern von Verwaltungen und Start-ups. Städte oder Kommunen, die bereits erfolgreich mit Start-ups zusammenarbeiten, sollten ihre Erfahrungen mit anderen Städten und Kommunen teilen und so den Zugang von Start-ups zur Verwaltung erleichtern. Die Digital Hub Initiative der Bundesregierung könnte dazu eine Plattform sein. Ein Start-up, das von einer Veränderung der aktuellen Situation profitieren könnte, ist Nect. Das Unternehmen ermöglicht durch Aufnahme eines kurzen Selfievideos und eines einfachen Fotos der Vorder- und Rückseite eines Ausweisdokuments eine digitale Fernidentifizierung. Mit der Anwendung können sich Kunden schon heute bei der Eröffnung eines Bankkontos bequem von zu Hause aus identifizieren – künftig könnten so auch zeitaufwändige Behördengänge entfallen.

Die Software für digitales Integrationsmanagement von JobKraftwerk indes soll dabei helfen, Flüchtlinge in Deutschland besser und nachhaltiger zu integrieren. Mit ihrem digitalen Integrations- und Case-Management erleichtern sie beispielsweise die digitale Datenerfassung einer Person und machen diese über ihre Plattform verschiedenen staatlichen und privaten Akteuren zugänglich.

Kreditangebote für Kommunen

Ein Problem, vor dem praktisch alle Kommunalverwaltungen stehen, ist die Kreditaufnahme. Das Münchner Start-up CommneX hat einen Online-Marktplatz eingerichtet, auf dem Kommunen und kommunale Unternehmen ihren Kreditbedarf ausschreiben können. Sie erhalten dann von den angeschlossenen Banken und Geldgebern passende Angebote übermittelt. So bringt CommneX Kreditgeber und Kreditnehmer zusammen und bietet Kommunen eine Plattform, auf der sie unkompliziert und regional unabhängig Kreditangebote erhalten können.

Die Beispiele zeigen: Von innovativen, digitalen Lösungen können alle Seiten profitieren: Die Ämter und Behörden, die Bürger als Kunden der Verwaltung und die Start-ups, die die Angebote entwickeln. Der Staat darf ebensowenig wie Unternehmen aus Angst vorm Scheitern auf innovative Lösungen verzichten. Und er darf sie nicht durch langwierige und ineffiziente Prozesse ausbremsen. Deutschland muss sich beim E-Government mehr trauen und auch mehr wagen, ansonsten werden wir im internationalen Vergleich weiter zurückfallen.

 

Um Start-ups mit Vertretern von Verwaltungen und Politikern zusammenzubringen veranstalten Bitkom und die Messe Berlin vom 20. bis 22. November die Smart Country Convention. An drei Tagen werden in der Hauptstadt digitale Lösungen für den Public Sector sowie spannende Start-ups mit innovativen Ideen für die Verwaltung der Zukunft präsentiert. Beim Smart Country Startup Award am zweiten Messetag stehen junge Technologieunternehmen im Mittelpunkt, die herausragende Lösungen im Bereich E-Government haben.