Von selbstdenkenden Straßenlaternen bis hin zu Online-Videosprechstunden – gebt Start-ups die Chance im Alltag wichtige Unterstützung zu leisten, fordert Niklas Veltkamp. 

Mittwoch ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer: Heute schreibt Niklas Veltkamp, Mitglied der Geschäftsführung beim Branchenverband Bitkom und dort für Start-ups zuständig.

171 Tage hat es gedauert – aber nun hat Deutschland seit heute wieder eine amtierende, nicht nur eine geschäftsführende Bundesregierung. Es ist erneut eine GroKo geworden, aber dafür gibt es erstmals eine Digitalstaatsministerin im Kanzleramt – und einen Kanzleramtschef, der sich selbst um die ganz schwierigen Digitalthemen kümmern will und als Digitalexperte und Blockchain-Versteher gilt. Könnte nach Aufbruch in ein neues Zeitalter klingen, wenn man uns nicht auch noch ein Heimat-Ministerium als Teil des Innenministeriums untergejubelt hätte. Wobei da dann zumindest noch abzuwarten bleibt, ob das vor allem für Lederhose steht oder ob doch vielleicht auch ein kleines bisschen Laptop drin ist.

Blick nach Dänemark und Österreich

Schaden würde das nicht, denn das Innenministerium ist federführend beim Thema E-Government, und an dieser Stelle liegt in Deutschland noch einiges im Argen. Das fängt bei der Wartenummer beim Behördenbesuch an, den man auch bei simplen Dingen praktisch nie online erledigen kann, geht über papierbasierte – und damit oft langwierige – Verwaltungsvorgänge bis hin zu oft noch recht analogen Amtsstuben, an denen auch die Verantwortlichen selbst oft genug verzweifeln. Um zu wissen, wie man es besser macht, muss man nicht immer gleich auf das Vorzeigeland Estland schauen. Auch unsere Nachbarn in Dänemark (hier findet 90 Prozent aller Kommunikation zwischen Bürgern und Verwaltung längst digital statt) oder in Österreich (hier sollen die zahlreichen von Bürgern und Unternehmen aktiv genutzten Services nun vom E-Government zum “Mobile-Government” weiterentwickelt werden) zeigen, wie es gehen kann. Und auch hierzulande gibt es eine ganze Reihe Start-ups, die versuchen mit digitalen Lösungen den Weg vom analogen Alltag zum Smart Country zu ebnen.

Kitaplatz-Suche leicht(er) gemacht

Ein Problem, das vielen Eltern bekannt sein dürfte, ist die oft recht schwierige Suche nach Kita-Plätzen. Sie ist nicht nur zeitaufwendig, manchmal scheint sie gar trotz Rechtsanspruch auf einen Platz fast unmöglich. Dabei ist das Verfahren häufig extrem ineffizient: Jede Kita führt eigene Wartelisten, Eltern werden bei einer Vielzahl von Trägern vorstellig und lassen sich auf verschiedenste Listen setzen. Die Folge: Niemand hat einen Überblick über das wirkliche Angebot und die tatsächliche Nachfrage. Genau das möchte das Start-up Little Bird ändern. Indem es Eltern, Kita-Träger  und Verwaltungen miteinander vernetzt, will es die Kitaplatzvergabe erleichtern. Mehr als 80 Kommunen in acht Bundesländern nutzen bereits die webbasierte Verwaltungssoftware mit angeschlossenem Elternportal, mit dem mehr Transparenz und Planungssicherheit in die Kitasuche gebracht wird.

Kreditangebote für Kommunen

Ein Problem, vor dem hingegen praktisch alle Kommunalverwaltungen stehen, ist die Kreditaufnahme. Vielleicht lassen sich kommunalen Projekte schon bald deutlich einfacher und schneller finanzieren als bisher. Das Münchner Start-up CommneX hat dafür einen Online-Marktplatz eingerichtet, auf dem Kommunen und kommunale Unternehmen ihren Kreditbedarf ausschreiben können. Sie erhalten dann von den angeschlossenen Banken und Geldgebern passende Angebote übermittelt. So bringt CommneX Kreditgeber und Kreditnehmer zusammen und bietet Kommunen eine Plattform, auf der sie unkompliziert und regional unabhängig Kreditangebote erhalten können.

Von selbstdenkenden Straßenlaternen…

Smart Country bedeutet viel mehr als digitale und vernetzte Verwaltung, es geht auch um Energie, Gesundheit oder Mobilität – und kann manchmal verblüffend einfach sein. Etwa wenn man bei der Beleuchtung von Straßen oder öffentlichen Plätzen anfängt, wie es sich Eluminocity vorgenommen hat. Das Münchener Start-up bietet Städten und Kommunen einen flächendeckenden Umbau der Straßenbeleuchtung auf LED-Basis an, gleichzeitig werden aber Ladesäulen für Elektroautos in die Laternenmasten integriert und so die Grundlage für eine urbane Infrastruktur der Zukunft gelegt. Außerdem werden die Beleuchtungen mit Sensoren ausgestattet, die die Anwesenheit von Personen erkennen und damit die nötige Lichtintensität anpassen und Strom sparen können.

Noch einen Schritt weiter geht das mehrfach preisgekrönte Start-up Green City Solutions. Die Gründer haben sich vorgenommen die Lebensqualität für Menschen überall auf der Welt zu verbessern und jedem den Zugang zu sauberem Wasser und frischer Luft zu ermöglichen. Dafür hat das Start-up einen mobilen und smarten biologischen Luftfilter entwickelt, der nicht nur Sauerstoff produziert und die Luft kühlt, sondern zudem mit einer IoT Technologie ausgestattet ist, die in Echtzeit Umweltdaten sammelt und auswertet.

.. bis zur Online-Videosprechstunde

So gut wie jeder kennt das Problem: vier Wochen auf einen Arzttermin warten, in einem Wartezimmer sitzen, aus dem man kränker herauskommt, als man vorher reingegangen ist und dann erzählt der Arzt einem das, was man eigentlich eh schon weiß. Dank des in Berlin ansässigen Start-ups Patientus könnte das bald passé sein. Mit einer Online-Video-Sprechstunde ermöglichen sie es Patienten, über das Web ihren Arzt zu konsultieren. Über die Online-Plattform von Patientus kann man einfach und schnell seinen Arzt suchen und Termine online buchen. Die Videosprechstunde soll den Arztbesuch jedoch nur ergänzen, aber nicht ersetzen, weshalb er vor allem für Leute Sinn macht, die oft wegen derselben Beschwerden zum Arzt müssen.

Ein ähnliches Konzept verfolgt das Start-up Selfapy, das Soforthilfe bei psychischen Belastungen anbietet. Durch personalisierte Online-Kurse wird Menschen mit Depressionen, Angst und Burnout geholfen. Die Inhalte, die von Selfapy vermittelt werden, wurden mit Hilfe von Psychologen und Psychotherapeuten entwickelt und die Online-Psychotherapie-Kurse werden zusätzlich durch wöchentliche Gespräche mit Psychologen per Telefon und via Chat begleitet.

Digitalisierung muss Realität werden

An Ideen für einen modernen, digitalen Staat fehlt es also nicht – woran es bislang neben dem klaren politischen Willen häufig noch fehlt ist der nächste Schritt: Die innovativen Technologieunternehmen mit Vertretern der Verwaltung sowie Politikern und Wissenschaftlern  zusammenzubringen. Genau hier setzt vom 20. bis 22. November erstmals die Smart Country Convention in Berlin an, die neben kommunalen Spitzenverbänden auch vom Bitkom unterstützt wird. Es geht um Bürgerdienste, Datenmanagement, IT-Sicherheit und -Infrastruktur, aber auch um die Digitalisierung öffentlicher Dienstleistungen in den Bereichen Energie, Mobilität, Sicherheit, Abfall, Wasser, Bildung, Gesundheit und Wohnen.

Der Bundestag hat heute den Weg für eine neue Bundesregierung geebnet. Der Start war holprig, aber die Kanzlerin und ihre Minister können etwas Historisches schaffen: die Digitalisierung in Deutschland nicht nur im Koalitionsvertrag zu beschwören, sondern in der Realität voranzubringen. Bei der Verwaltung haben sie sogar sehr viel selbst in der Hand. Und immerhin noch dreieinhalb Jahre Zeit ab heute.