Greta Thunberg bringt die Welt zum Nachdenken. Auch Meike Haagmans fühlt sich angesprochen – und hinterfragt sogar das Geschäftsmodell ihres Start-ups.

Montag ist Kolumnentag bei WiWo Gründer: In ihrer Kolumne berichtet Meike Haagmans von dem alltäglichen Wahnsinn im Leben einer Gründerin. Wenn sie nicht gerade bei uns schreibt, reist sie als Flugbegleiterin um die Welt, bloggt über ihre Erfahrungen mit ihrem Reiseveranstalter Joventour und gibt auf ihrer Webseite viele Tipps für Nebenbei-Gründer.

„I want you to panic“. Ich hätte nie gedacht, dass mich fünf Wörter einer 16jährigen so sehr beschäftigen würden. Auch hat noch nie jemand zu mir gesagt, dass er will, dass ich in Panik gerate. Aber Greta Thunberg tut es – und ich fühle mich angesprochen.

Ich bin Ende Dreißig, vor kurzem Mutter geworden, habe vor sieben Jahre eine Firma gegründet und vielleicht werde ich bald ein Haus bauen. Aber laut diesem jungen Mädchen mit den zwei geflochtenen Zöpfe brennt es bereits, mein Haus. Ich gehöre zu der Generation, die Wirtschaft und Politik aktuell prägt, und an die Greta Thunberg genau appelliert.

Muss ich wirklich zum Shoppen nach New York fliegen?

Und das macht die Schwedin wirklich gut. Denn sie schafft es nicht nur Massen von Schülern zu mobilisieren, sondern auch, Menschen wie mich, die die Freiheiten unsere Wohlstandsgesellschaft in vollen Zügen genießen, zum Nachdenken anzuregen. Im Supermarkt beginne ich mir Gedanken über Verpackungen zu machen und bei meiner Reiseplanung frage ich mich inzwischen, ob man wirklich zum Shoppen nach New York fliegen muss. Und ich fange auch an meine Lebensgrundlage, meine Firma, zu hinterfragen.

Es ist kein Geheimnis, dass die Tourismusbranche seinen Teil zur Klimaerwärmung beiträgt und auch bei meinem Reiseveranstalter JOVENTOUR planen und führen wir täglich Urlaubsreisen mit Langstreckenflügen durch. Ich möchte gar nicht dran denken, wie die CO2 Bilanz meiner Gründung aussieht. In einer gewissen Art und Weise fühle ich mich mitverantwortlich. Und dass, obwohl ich, wie vermutlich alle Gründer, doch eigentlich geplant hatte eine Situation zu verbessern – und nicht gleichzeitig eine andere zu verschlechtern.

Je länger ich mir Gedanken über die Nachhaltigkeit meiner Gründung mache, um so mehr muss ich mir eingestehen, dass ich diese lange Zeit anscheinend nicht ganzheitlich betrachten wollte oder konnte. Im ganzen Gründungsprozess wurden immer nur ökonomische Aspekte fokussiert, nie die  ökologischen. Skalierung und Wachstum vor Sinnhaftigkeit.

Unser Handeln ist abusrd

Auch Jahre später hat sich das nicht in der Start-up-Branche geändert. Ein aktuelles Beispiel für mich ist AspUraClip, ein Mini-Inhalator, den man sich in die Nase klemmt. Zeitgleich zu dessen Markteintritt vor drei Monaten hat das EU-Parlament ein Plastikverbot ab 2021 beschlossen und während wir die Verbannung von Strohhalmen und Ohrenstäbchen feiern, bricht AspUra mit seinem Einweg-Silikonprodukt einen Umsatzrekord in den Shopping TV Kanälen. Ich frage mich, was uns bewegt so einseitig zu denken und zu urteilen? Und sind wir wirklich nicht mehr in der Lage mit einem einfachen Kochtopf und Handtuch zu inhalieren?

Es gibt zig weitere Bespiele, die an Absurdität kaum zu toppen sind: während wir einerseits den E-Commerce und dessen vermeintlich kostenlose Rücksendeoptionen lieben, beginnen ganze Studiengänge E-Mobility Lösungen zu entwickeln, die die Feinstaubbelastung reduzieren sollen. Und statt über den Konsum von Kaffee zu diskutieren, der vom anderen Ende der Welt eingeflogen wird, beschäftigen wir uns mit dem Verbrauch der To-Go Becher.

Soll ich meinen Reiseveranstalter schließen?

Aber was ist die Lösung? Soll ich meinen Reiseveranstalter schließen? Wird das den Bedarf nach Fernreisen reduzieren? Wohl kaum. Kann ich, als Unternehmerin, etwas tun? Vielleicht schon eher. Wie das aber aussehen soll, ist schwierig. Natürlich gibt es Programme in der Branche, bei denen Verbraucher ihre CO2 Emissionen während Fernreisen monetär kompensieren können. Aber führt das wirklich zur Änderung des Bewusstseins? Unser erst kürzlich eingeführter Wiederholer-Rabatt tut es sicherlich nicht.

Ich werde mir also wohl eingestehen müssen, dass ich, als Gründerin eines Reiseveranstalters, immer mehr zur Erderwärmung beitragen werde, als ich, die Privatperson. Ich kann zwar an kleinen Reglern drehen, aber ich werde immer meinen Teil dazu leisten, dass Menschen in Flugzeuge steigen und um die halbe Welt reisen. Damit muss ich leben können. Aber ich hoffe, dass wir bald anfangen werden, uns an unsere eigene Nase zu packen. Und das nicht, um uns vor dem Qualm der brennenden Häuser zu schützen.