Die Bundesregierung verspricht Hilfe für Corona-gebeutelte Unternehmen. Dabei schaut sie zu stark auf monetäre Kennzahlen, kritisiert Meike Haagmans.

Montag ist Kolumnentag bei WiWo Gründer: Unsere Autorin Meike Haagmans, ist Flugbegleiterin und Gründerin des Reiseveranstalters Joventour. Gerade kämpft sie sich durch die Coronakrise – und berichtet bei uns, wie es für ihr Start-up weitergeht und welche Schwierigkeiten sich auftun.

Fast könnte man meinen, die Coronakrise sei vorbei. Meinen Alltag tangiert die Pandemie nur noch peripher. Außer dem Mundschutz in der Bahn, dem freien Nachbarstuhl beim Friseur und dem Ausfüllen eines kleinen Zettels mit Kontaktdaten im Restaurant, fühlt sich alles irgendwie wieder normal an. 

Wirtschaftlich scheint es auch aufwärts zu gehen. Zwar sind die Wirtschaftsweisen aktuell eher noch pessimistisch gestimmt, aber spätestens die Prognosen für die kommenden Jahren signalisieren uns, dass die Chancen gut stehen mit zwei blauen Augen aus der Situation herauszukommen.

Gesunde Unternehmen sollen gerettet werden

Aber gilt das für alle? Immer wieder hat die Bundesregierung in den letzten Monaten kommuniziert, dass schnelle und unkomplizierte Hilfe für Unternehmen bereitgestellt würden. “Kein gesundes Unternehmen sollte wegen Corona in die Insolvenz gehen“, betonte Wirtschaftsminister Altmaier. Auch im Zuge des Konjunktur-und Krisenbewältigungspakets von Anfang Juni wurde immer davon gesprochen, dass der Fokus darauf liege gesunde Unternehmen zu retten.

Mir stellt sich allerdings eine Frage: Was ist überhaupt ein gesundes Unternehmen? Ich selbst hatte ja mit Joventour die Erfahrung gemacht, dass ein KFW Kreditantrag von meiner Hausbank abgelehnt wurde. Die Begründung: negatives Eigenkapital aus der Vorjahresbilanz. 

Anscheinend gilt also die Bilanz bzw. der Jahresabschluss als einziges Kriterium, um eine Firma als gesund einzuschätzen. Aber welche Rolle spielt der zeitliche Faktor? In unserem Fall sind wir – bedingt durch meinen Mutterschutz und den daraus angestiegenen Personalkosten – in die jetzige Situation geraten. Ich hatte den Posten für den Moment nicht im Blick. Ist passiert – und kann auch immer wieder passieren. Aber gilt ein Unternehmen deshalb direkt als „krank“? Zumindest galt es nicht als gesund. 

Unternehmensbewertung als Momentaufnahme?

Aber ist es wirklich richtig eine Unternehmensbewertung als Momentaufnahme zu sehen? Gibt nicht eine langfristige Betrachtung einen viel besseren Einblick in den Zustand eines Unternehmens? Schließlich wurden Steuervorauszahlungen vor der Pandemie ebenfalls langfristig veranlagt. 

Aber auch eine langfristige Analyse kann alleine nicht ausreichen. Was ist zum Beispiel mit den jungen Firmen, die keinen Gewinn generieren, daher also weder Körperschafts- noch Gewerbesteuer zahlen, aber neue Arbeitsplätze geschaffen haben? Dabei vielleicht noch ausbilden und/oder einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen? Gelten diese pauschal als krank?

Und was ist mit den qualitativen – selten messbaren – Eigenschaften wie Unternehmenswerte-, -kultur oder -philosophie? Diese Kriterien fließen so gut wie nie in Beurteilungen ein, weil sie schwer erfassbar sind. Ich behaupte, dass momentan viele unter uns die Arbeitsbedingungen beim Fleischfabrikanten Tönnies als krank bezeichnen, obwohl der Betrieb lange in den Augen des Gesetzgebers als gesund galt.

Diese Sichtweise können wir uns nicht leisten

Ich möchte hier keineswegs die Corona-Maßnahmen und die Handlungsfähigkeit der Bundesregierung in Frage stellen. Ganz im Gegenteil: vergleiche ich diese mit den Berichten von unseren südamerikanischen Geschäftspartnern, waren sie einzigartig. Aber – und das betrifft uns gesellschaftlich viel mehr als wirtschaftlich – wir müssen lernen, dass reine monetären Kennzahlen nicht das Allheilmittel sind. Denn ansonsten besteht die Gefahr, dass Menschen, Berufe oder auch Unternehmen, basierend  auf einer rein ökonomischen Auswertung, als minder- oder mehrwertig eingestuft werden. Und in meinen Augen können wir uns diese Sichtweise nicht leisten.