In Corona-Zeiten halten digitale Technologien unser Leben am Laufen – doch längst nicht alle Menschen können daran teilhaben, warnt Jenny Boldt.

Montag ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer. Heute schreibt Jenny Boldt. Die studierte Wirtschaftsingenieurin ist Leiterin Startups beim Branchenverband Bitkom und dort für die Initiative „Get Started” verantwortlich. Erfahrung in der Szene sammelte sie auch mit der Gründung eigener Unternehmen.

Videokonferenz statt Stand-up-Meeting, Arbeitsblätter für die Kinder per E-Mail statt Schulunterricht, Doppelkopfrunde via App mit Freunden vor dem Laptop statt in der Kneipe: In der Corona-Pandemie sind es vor allem digitale Technologien, die unser Berufs- und Privatleben irgendwie am Laufen halten. Man mag sich gar nicht vorstellen, was mit unserem Alltag passiert wäre, hätte uns das Virus vor 20 Jahren heimgesucht, ohne schnelles Internet und Smartphones. Aber vielleicht sollten wir uns bewusst machen, dass es auch heute noch viele Menschen gibt, die sich schwer tun mit all den digitalen Helfern, die die meisten von uns ganz selbstverständlich einsetzen. Menschen, die kein schnelles Internet zu Hause haben und kein Smartphone in der Tasche oder die nicht wissen, was eine App ist und wie sie die auf ihr Telefon bekommen. Menschen, die häufig unbegründete Ängste haben, die Technologie zu nutzen oder einfach keine Vorstellung davon, wie sie in ihrem Alltag von ihnen profitieren könnten.

Mangel an digitaler Teilhabe ist eine Herausforderung

Dieser Mangel an digitaler Teilhabe ist eine Herausforderung, wenn wir es ernst meinen mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft. Und deshalb hat sich ein breites Bündnis gesellschaftlicher Organisationen von Sozialverbänden über kommunale Spitzenverbände und Gewerkschaften bis hin zum Bitkom zusammengefunden, um erstmals einen bundesweiten Digitaltag am 19. Juni zu veranstalten. Unter dem Motto #digitalmiteinander finden mehr als 1.000 Veranstaltungen statt – aufgrund der Corona-Beschränkungen überwiegend online. Es gibt Online-Lesungen von Bibliotheken, praktische Tipps zum Smartphone oder auch eine virtuelle Führung durch ein Rechenzentrum.

Auch eine ganze Reihe von Start-ups beteiligen sich am Digitaltag. So bietet Kids Circle eine kostenlose Online-Kinderbetreuung für Kinder ab 4 Jahren an. In kleinen Gruppen wird per Videokonferenz gemeinsam gebastelt oder getanzt. An Kinder von 4 bis 8 Jahren richtet sich das Digitaltags-Angebot von Wortlaut. Gemeinsam wird eine Geschichte vorgelesen und gezeigt, wie man auch von Wohnzimmer zu Wohnzimmer gemeinsam über Literatur und Medien sprechen kann. Im Anschluss gibt es gemeinsame Spiele, die zum Sprechen anregen.

Einblick in Technologien – von Blockchain bis KI

Wer beim Digitaltag ein bisschen tiefer in digitale Themen eintauchen will, der sollte die digitale Ausstellung “I AM A.I.” von Imaginary besuchen und erfahren, was sich hinter dem Buzzword Künstliche Intelligenz verbirgt. Anyblock Analytics bietet für alle Interessierten einen Einstieg in die Blockchain-Technologie an. Es geht bei dem Webinar um Basics, aber auch um ganz konkrete Anwendungsmöglichkeiten der Technologie. Und XignSys zeigt in verschiedenen Webinaren unter anderem, wie man sich ohne umständliches Passwort nur mit dem Smartphone sicher ausweisen oder das Smartphone als Ausweis im Bürgeramt eingesetzt werden kann.

Während Online-Banking für die große Mehrheit der Bundesbürger bereits zum Alltag gehört, sind viele bei anderen Geldgeschäften noch zurückhaltend. Zum Digitaltag will das Start-up Finasoft zeigen, wie digitale Wertpapierberatung heute schon funktionieren kann.

Die eigene Digitalkompetenz messen – und verbessern

Wer lieber erst einmal herausfinden will, wie es um die eigene digitale Kompetenz bestellt ist, der ist bei Gepedu richtig. Anlässlich des Digitaltags gibt es eine kostenlose Auswertung des Selbsttests. Und wer im Hinblick auf das Ergebnis  seine Digitalkompetenz ausbauen und sich mit anderen Leuten vernetzen möchte, schaut sich die Lumoo App an, die anlässlich des Digitaltags zu einem breiten Test einlädt. Und Startupteens gibt in einer Live-Session “Future Job Skills” einen Überblick, wie und wo man programmieren lernen kann und welche Jobs einem dadurch offenstehen.

Wer einen Eindruck davon bekommen will, wie wir vielleicht in Zukunft zusammen arbeiten werden, der sollte beim digitalen Dialog des Bitkom vorbeischauen – der gleich selbst in der virtuellen Realität stattfindet. Speziell an Handwerksbetriebe richtet sich der Online-Austausch des Start-ups Material24 im Rahmen des Digitaltags. Es geht darum, ein Gefühl zu vermitteln, dass Handwerker nicht nur mit und über digitale Angebote miteinander konkurrieren, sondern dass digitale Technologien vielmehr auch den Austausch und die Zusammenarbeit fördern können.

Eine Digitalisierung, von der alle profitieren

Bitkom und das Start-up Planetly laden am Vorabend – sozusagen zum Einstieg in den Digitaltag – zu “Digital Drinks” ein. Thema der virtuellen Runde sind Klimaschutz und die Frage, wie Unternehmen ihr Geschäft und ihre Prozesse nachhaltig gestalten können – und wie Technologie dabei helfen kann. Und am Digitaltag selbst haben sich die Wirtschaftsförderer aus Hamburg, Berlin, Köln und München zusammengetan und laden zum “Startup-Champs@Digitaltag”-Pitch. Gesucht wird hier nichts weniger als der deutsche Start-up-Champion.

Wer jetzt als Gründerin oder Gründer Lust bekommen hat, mit dem eigenen Start-up noch einen Beitrag zum Digitaltag 2020 zu leisten, der kann hier seine Aktion eintragen. Es steht jetzt schon fest, dass es auch 2021 einen bundesweiten Digitaltag geben wird – bei dem dann hoffentlich digitale Angebote auch zu den Menschen vor Ort kommen können. Denn sicher ist: Je mehr Menschen digitale Technologien nutzen, desto schneller voran geht es mit einer Digitalisierung, von der alle profitieren.