Das Internet der Dinge verändert Wirtschaft und Gesellschaft – das Potenzial ist riesig. Deutsche Start-ups zeigen sich besonders innovativ, lobt Niklas Veltkamp.  

Mittwoch ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer: Heute schreibt Niklas Veltkamp, Mitglied der Geschäftsführung beim Branchenverband Bitkom und dort für Start-ups zuständig.

Es ist kein Zufall, dass die wichtigste Industriemesse der Welt in Deutschland stattfindet. Während Anfang des Jahres der Blick bei allgemeinen Tech-Trends eher nach Las Vegas geht und Neues rund um Smartphones in Barcelona präsentiert wird, finden sich die Innovationen der Industrie in Hannover. Dabei zeigt die Hannover Messe, die in diesem Jahr vom 1. bis 5. April stattfindet, schon lange nicht mehr nur Maschinen oder Fertigungsroboter.  Unter dem Motto „Integrated Industry – Industrial Intelligence“ geht es um das Zusammenspiel von künstlicher Intelligenz, Automatisierungs- und Energietechnik, Intralogistik und IT-Plattformen. Die Messe ist eine Leistungsschau der digitalen Transformation und belegt anschaulich, was das Schlagwort “vernetzte Industrie” in der Praxis bedeutet.

Beispielhaftes Skandinavien

Dafür steht auch das diesjährige Partnerland der Hannover Messe: Schweden. Das Land ist bekannt für seine starke Industrie und seine Innovationskraft. Damit ist es gelungen, trotz einer eher kleinen Einwohnerzahl von gerade einmal zehn Millionen Menschen dennoch weltbekannte Marken hervorzubringen. Und seine Innovationskraft zeigt sich auch in der Startup-Szene: bekannte Tech-Größen wie Spotify, Klarna, King oder iZettle etwa kommen aus der schwedischen Hauptstadt.

Hier kann Deutschland noch eine ganze Menge von den skandinavischen Nachbarn lernen – doch auch auch in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Rund um die traditionell starke deutsche Industrie mit ihren Leitbranchen vom Automobilbau über die chemische Industrie bis zum Maschinenbau sind eine Vielzahl von Start-ups entstanden, die mit ihren frischen Ideen und technologischen Lösungen bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle für die Industrie 4.0 helfen. Sie zeigen bereits heute, welche Rolle die Vernetzung von Maschinen und Menschen in Zukunft für die Wirtschaft und Gesellschaft spielen wird. Denn in den kommenden Jahren werden nicht nur Millionen von Smartphones und Computer uns Menschen miteinander vernetzen. Künftig werden auch Haushaltsgeräte ebenso wie zum Beispiel Autos oder auch Bauteile in unseren Fabriken online miteinander verbunden sein. So gehen Schätzungen davon aus, dass bis 2020 weltweit 50 bis 500 Milliarden Dinge vernetzt sein werden.

Voller Durchblick bei Logistikprozessen

Das Start-up Blik aus München arbeitet bereits heute an einer Vernetzung der Industrie bei Logistikprozessen. Durch eine kombinierte Software- und Hardwarelösung ermöglicht das junge Unternehmen die Überwachung von Waren und Prozessen in Echtzeit. Mit Hilfe von Sensoren können beispielsweise die einzelnen Stationen eines Produkts im Warenlager verfolgt werden. Anstatt manuell und fehleranfällig Barcodes einzuscannen wird eine automatisierte Buchung („Auto-ID“) vorgenommen und und dadurch Zeit gespart, Prozessfehler minimiert und Transparenz hergestellt. Im Logistikbereich wird es immer wichtiger, dass Daten ohne Verzögerung zur Verfügungen stehen. Zugleich zeigen Kunden und Produzenten zunehmend Interesse an einer lückenlosen Transportüberwachung und einer gemeinsamen Wareneingangskontrolle in Echtzeit.

IoT in der Produktion

Aber auch bereits in der Produktion kann IoT dabei helfen, die Prozesse zu beschleunigen. Das Start-up Aucobo hat eine vernetzte digitale Kommunikationslösung entwickelt, die den Austausch zwischen Menschen und Maschinen in alltäglichen Produktionsabläufen optimiert. Dabei setzt Aucobo auf Smartwatches und einem Verteilsystem mit entsprechender Software. So können Nachrichten und ToDos empfangen und verteilt, Aufgaben zugewiesen und Workflows konfiguriert werden.

Cybus hingegen hat das Ziel, eine Brücke zwischen analogen Maschinen und digitaler Fabrik zu bauen und zugleich die gesamte Kommunikation vor Cyberangriffen zu schützen. Klassische Maschinen- und Steuerungsprotokolle werden übersetzt und die Live-Daten für moderne Internet-Applikationen verfügbar und nutzbar gemacht. Ein besonderer Fokus gilt dabei der Cybersicherheit durch Ende-zu-Ende Verschlüsselung und kontrollierbares Zugriffsmanagement. Und auch das Start-up Industrial Analytics arbeitet im Bereich Industrie 4.0. Industrial Analytics nutzt die Vibrationsrohdaten von Turbomaschinen, um die Leistungsfähigkeit der Maschinen zu überwachen und Schäden oder Störungen frühzeitig zu entdecken oder sogar vorherzusagen.

Die Vernetzung von Dienstleistungsunternehmen

Dass IoT aber auch weit über die produzierende Industrie hinausreicht, zeigt das Start-up Relayr. Das Unternehmen ist noch jung, wird schon zum wiederholten Male auf der Hannover Messe dabei sein. Mit der IoT-Plattform von Relayr können Unternehmen alte und neue Versionen von Hardware und Software verbinden sowie Daten aus Maschinen und Geräten auslesen und analysieren. Auf diese Weise wird frühzeitig erkannt, wann eine Maschine gewartet werden muss, um einen Ausfall zu verhindern. Erst im September letzten Jahres wurde das Start-up von dem Münchner Versicherungskonzern Munich Re für einen dreistelligen Millionenbetrag übernommen.

Relayr zeigt, dass nicht nur die klassische Produktion vom Internet der Dinge profitiert, sondern auch Dienstleistungsunternehmen. Für die Deutsche Bahn haben die Gründer beispielsweise bereits Uhren an Bahnhöfen mit Sensoren ausgerüstet. Per Funk melden diese sich selbsttätig, wenn Störungen auftreten. So sollen falsch gehende Uhren innerhalb von 48 Stunden repariert werden, anstatt wie bislang üblich erst nach mehreren Tagen.

Vernetzte Gesellschaft und Wirtschaft

So zeigen viele Start-ups bereits heute, was in einer mehr und mehr vernetzen Wirtschaft und Gesellschaft möglich sein wird und machen deutlich welch riesiges Potenzial für Wachstum und Wertschöpfung sich aus dem Internet der Dinge ergibt.

Der Bitkom wird auch in diesem Jahr wieder mit dem Gemeinschaftsstand Bitkom Innovation Area “Industrie 4.0 & Forum” in Halle 6 Stand B30 auf der Hannover Messer mit dabei sein und vielen spannenden Start-ups die Möglichkeit geben, ihre innovativen Lösungen für eine vernetzte Industrie 4.0 vorzustellen.