Ende Januar wurde der Smart-Meter-Rollout gestartet. Endlich, sagt Jenny Boldt. Ein grundlegender Schritt für die Erschaffung einer digitalen Infrastruktur.

Montags ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer. Heute schreibt Jenny Boldt. Die studierte Wirtschaftsingenieurin ist Leiterin Startups beim Branchenverband Bitkom und dort für die Initiative „Get Started” verantwortlich. Erfahrung in der Szene sammelte sie auch mit der Gründung eigener Unternehmen.

Ohne Digitalisierung wird es schwer mit dem Klimaschutz – das gilt zumindest für das deutsche Stromnetz. Aktuell gilt der alte Spruch “Strom kommt aus der Steckdose”. Aber leider ist es das allzu oft auch schon. Es kommen keine weiteren Informationen, die sich zum Beispiel an angeschlossene Geräte richten. Und vor allem fließen auch keine Informationen zurück zu den Netzbetreibern. Das könnte sich jetzt bald ändern. Zum 31. Januar ist der lang erwartete Smart-Meter-Rollout gestartet. Damit ist der Einbau von Intelligenten Messsystemen verpflichtend, allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen wie einem Jahresstromverbrauch von mehr als 6.000 kWh. Zum Vergleich: Bei einem durchschnittlichen 4-Personen-Haushalt rechnet man mit einem Stromverbrauch von 4.000 kWh. Doch damit wurde endlich der wichtige grundlegende Schritt für eine digitale Infrastruktur gegangen – das zugrundeliegende Gesetz wurde übrigens schon 2016 verabschiedet.

Anwendungsmöglichkeiten für weitere Branchen

Warum ist das aber wichtig? Es verringert den kostspieligen Ausbau des Verteilnetzes enorm: Wenn der Netzbetreiber Ladevorgänge steuern kann, sind in Wohngebieten im bestehenden Netz rund dreimal so viele Ladestationen für Elektroautos möglich wie bisher. Und noch weiter gedacht: Wenn künftig sehr viele Menschen E-Autos nutzen, dann könnten die Batterien der Fahrzeuge auch dazu dienen, Strom zu speichern, etwa wenn viel Wind- oder Sonnenstrom produziert wird. Und umgekehrt könnten die Batterien auch dazu dienen Strom ins Netz einzuspeisen, wenn ein kurzfristiger Bedarf entsteht. Und wenn zusätzlich Informationen darüber fließen, welches Gerät im Haushalt wie viel Strom verbraucht, können auch ganz neue Anwendungen entstehen, bei denen der Kunde zum Beispiel erfährt, wie er sein ganz persönliches Verhalten ändern kann, um Strom zu sparen. Mit analogen Stromzählern ist das alles nicht möglich.

Aber es gibt noch viel mehr Anwendungsmöglichkeiten. Die Kommunikationsinfrastruktur über die sogenannten Smart-Meter-Gateways ist besonders abgesichert, da es sich beim Energienetz um eine kritische Infrastruktur handelt. Diese besonders sicheren Kommunikationskanäle bieten künftig auch anderen Branchen ganz neue Anwendungsmöglichkeiten, etwa im Gesundheitswesen. Man könnte es auch so formulieren: Der Smart-Meter-Rollout ist der Smartphone-Moment für die Energiebranche. Die Vielfalt der künftigen Dienste, die auf den Smart Metern aufsetzen, lässt sich derzeit nur erahnen. Ein wenig Licht ins Dunkel bringt dabei das Get Started Energy Network auf der Branchenleitmesse E-World, die morgen in Essen beginnt. Denn wie in vielen anderen Branchen gilt: Auch wenn die Möglichkeiten der Digitalisierung da sind, sie müssen auch genutzt werden. Und häufig sind es Start-ups, die als erste diese neuen Wege beschreiten.

Start-ups, die neue Wege beschreiten

Das Berliner Start-up Fresh Energy bietet für Energieversorger eine White-Label-App an, über die Endkunden ihren Stromverbrauch einsehen können, und zwar aufgeschlüsselt auf einzelne Haushaltsgeräte. Basis dafür ist ein Smart Meter, der die nötigen Daten liefert. Laut Fresh Energy führt diese Transparenz zu geändertem Verhalten, sodass der Stromverbrauch um bis zu zehn Prozent sinkt. Das Unternehmen bietet zudem auf Basis der Zählerdaten weitere Mehrwertdienste an, wie die automatische Lieferung von Spülmaschinen-Tabs. Weitere Anwendungen sind in Planung, etwa für das sogenannte “Ambient Assisted Living”, also elektronische Hilfsdienste im Alter.

GreenCom Networks, ein Energy-IoT-Start-up mit Standorten in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Spanien, integriert auf seiner Energy Information Brokerage Platform dezentrale Energiegeräte wie Photovoltaikanlagen, Batteriespeicher, Elektroautos oder Wärmepumpen. Basierend auf dieser Plattform bietet GreenCom White-Label-Services für Energieversorger oder Hersteller von energierelevanten Geräten an. Deren Endkunden profitieren von Services wie Energie-Communities, Flatrates oder auch der Optimierung und Visualisierung von Energieflüssen in Haushalten.

Ein Spin-Off der RWTH Aachen ist envelio und bietet Energienetzbetreibern mit der Intelligent Grid Platform eine Softwareplattform für die “nächste Phase der Energiewende”. Durch die Lösung von envelio sollen zukunftsfähige Energienetze digital und automatisiert geplant und betrieben werden können. Erneuerbare Energien und Ladepunkte für die Elektromobilität lassen sich dadurch schneller und kosteneffizienter in das Energiesystem integrieren.

Digitalisierung im Verteilnetz ist ein Prozess

Das Freiburger Start-up Enit Systems hat eine Lösung entwickelt, mit der dezentrale Energiesysteme in mittelständischen Unternehmen gesteuert werden können. Ein kleiner Kasten, der sogenannte Enit Agent, berechnet und analysiert den Energieverbrauch, damit die Kunden mehr Kontrolle über den Verbrauch von Strom, Wärme und Gas gewinnen. Anlagen, wie zum Beispiel Blockheizkraftwerke und Photovoltaik-Anlagen, sollen so effizienter und intelligenter betrieben werden.

Auch wenn der Smart-Meter-Rollout jetzt begonnen hat, die Digitalisierung im Verteilnetz kommt nicht auf einen Schlag, sie ist ein Prozess. Und die ersten neuen Angebote richten sich noch vor allem an Unternehmen oder die Energieversorger selbst. Neue Dienste und Vertriebsangebote auch für die Privatkunden können erst wirklich entstehen, wenn eine ausreichend große Kundenzahl über die Smart-Meter-Gateways erreicht werden kann. Und so lange es noch nicht wirklich viele nutzbringende Dienste gibt, werden die Kritiker der Smart Meter weiter fragen, warum die Geräte überhaupt eingebaut werden sollen. Eines steht aber fest: Es gibt in der Bevölkerung eine große Bereitschaft, Smart Meter zu nutzen. In einer repräsentativen Bitkom-Umfrage haben zwei Drittel der Bundesbürger (66 Prozent) erklärt, dass sie Geräte wie elektrische Heizungen oder Kühlgeräte automatisch so steuern lassen würden, dass das Stromnetz stabilisiert wird und Ressourcen geschont werden. Jetzt gilt es, diese Möglichkeiten in der Praxis zu schaffen.