Auch in der Pandemie müssen Start-ups sich Aufmerksamkeit verschaffen und dafür sorgen, dass die Politik ihre Versprechen umsetzt, mahnt Jenny Boldt.

Montag ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer. Heute schreibt Jenny Boldt. Die studierte Wirtschaftsingenieurin ist Leiterin Startups beim Branchenverband Bitkom und dort für die Initiative „Get Started” verantwortlich. Erfahrung in der Szene sammelte sie auch mit der Gründung eigener Unternehmen.

Das neue Jahr hätte für Start-ups mit einer guten Nachricht anfangen können. Nach jahrelanger Debatte hat die Bundesregierung endlich ein Einsehen und will die Bedingungen für Mitarbeiterbeteiligungen an Start-ups verbessern. Dabei drückt sie mächtig aufs Tempo und will einen entsprechenden Gesetzentwurf gleich in der zweiten Kabinettssitzung 2021 am kommenden Mittwoch auf den Weg bringen. Nur leider, so scheint es, bleibt es bei der guten Idee, denn in der Praxis droht die Neuregelung im Fondsstandortgesetz ihr Ziel zu verfehlen. 

Unterstützung von Start-ups im globalen Wettberwerb

So wird der bisherige Freibetrag von 360 Euro nur auf 720 Euro angehoben und ist damit weit von den mindestens 5.000 Euro entfernt, die notwendig wären. Und dann soll er ohnehin nur gelten, wenn alle Mitarbeiter an einem Beteiligungsprogramm teilnehmen können, was von der Realität in den meisten Start-ups weit entfernt ist. Zudem müssen die Mitarbeiter nach zehn Jahren oder beim Ausscheiden aus dem Unternehmen die Erträge aus der Beteiligung versteuern, selbst wenn sie diese überhaupt nicht veräußern können. Da zusätzlich die Anteilsbewertung intransparent bleibt, droht den beteiligten Mitarbeitern ein erhebliches steuerliches Risiko. Dazu kommt, dass die Verbesserungen durch die Neuregelung nur für an Mitarbeiter ausgegebene Anteile gelten sollen – in der Praxis werden aber viel öfter Optionen auf Anteile genutzt oder virtuelle Beteiligungsprogramme aufgesetzt. Und für die bleibt alles wie es ist. Attraktiv ist das alles nicht, im globalen Wettbewerb um die besten Köpfe werden deutsche Start-ups dadurch mit Sicherheit nicht deutlich vorankommen.

Versprechen aus Wahlprogrammen umsetzen

Gründerinnen und Gründer sollten in diesem Jahr genau hinschauen, an welchen Stellen die Politik ihre Versprechen an die Start-ups aus dem letzten Wahlprogramm noch umsetzt. Und auch, was die einzelnen Parteien für den Start-up-Standort Deutschland tun wollen, wenn sie nach der Bundestagswahl im September in Regierungsverantwortung kommen sollten. Immer noch viel zu oft bleibt es bei Versprechen und Lippenbekenntnissen, aber wenn es schließlich  um die praktische Umsetzung geht, bleiben Start-ups doch häufig auf der Strecke. So war das im vergangenen Jahr auch zu Beginn der Corona-Pandemie. Da wurden Hilfsprogramme aus dem Boden gestampft, die sich überwiegend an den Bedürfnissen von Konzernen und Mittelständlern orientierten, aber nicht an denen junger Tech-Unternehmen (denen häufig die gewünschten fünf Jahresabschlüsse zum Umsatznachweis fehlen und die ein Geschäftsmodell und eine Personalstruktur haben, bei denen Kurzarbeitergeld kaum hilft). Die Politik hat zügig auf die deutliche Kritik reagiert und mit dem Start-up-Schutzschild nachgebessert. Bei der Umsetzung in Bund und Ländern ging dann aber kostbare Zeit verloren. Wichtig ist, dass Start-ups und ihre teilweise sehr spezifischen Bedürfnisse auch in den kommenden Corona-Monaten die notwendige Aufmerksamkeit erhalten.

Start-ups als Innovationsmotor

Denn Corona wird auch 2021 im Mittelpunkt stehen – so viel dürfte feststehen. Und damit bleibt auch in diesem Jahr die Frage, wie wir die Digitalisierung in Deutschland voranbringen können, ein Top-Thema. Denn die Pandemie hat uns unsere analoge Rückständigkeit in vielen Bereichen gnadenlos vor Augen geführt, etwa die Zettelwirtschaft in den Gesundheitsämtern oder auch die tiefe Verwurzelung unserer Schulen im rein Analogen. Wir dürfen aber nicht den Fehler machen, jetzt einfach nur das nachzuholen, was anderswo funktioniert, sondern wir sollten die Gelegenheit nutzen, überall wo es möglich ist, auf Zukunftstechnologien zu setzen – vom 3D-Druck über Blockchain bis hin zu Künstlicher Intelligenz. Damit das gelingt, müssen wir den Innovationsmotor nutzen, den wir haben: die deutschen Start-ups. Denn hierzulande gibt es eine Vielzahl von Gründungen, die in diesen Bereichen ganz vorne mit dabei sind.

So hat Cellbricks, ursprünglich ein Spinnoff der TU Berlin, ein Verfahren entwickelt, um 3D-Druck mit lebendem Material zu ermöglichen. Mit dieser Zukunftstechnologie könnte es eines Tages möglich sein, funktionsfähige menschliche Organe zu drucken und zu transplantieren.  

VON KI bis Blockchain

Auf die Anwendung von Künstlicher Intelligenz setzt CogniBIT, um das autonome Fahren voranzubringen und sicherer zu machen. Das Start-up entwickelt “neurokognitive Verkehrsteilnehmer-Modelle“, die das Verhalten menschlicher Teilnehmer am Straßenverkehr realitätsgetreu simulieren und so dabei helfen, autonome Fahrsysteme zu trainieren.

Aber nicht nur den Verkehr kann KI sicherer machen, sie kann uns auch helfen, dem Bienensterben auf den Grund zu gehen und so einen Beitrag zum Erhalt der biologischen Vielfalt leisten. Davon ist zumindest das Karlsruher Startup Apic.ai überzeugt. Dazu erfasst ein Kamerasystem am Eingang von Bienenstöcken die Bienen beim Ein- und Ausfliegen. Künstliche Intelligenz wertet die Bilddaten aus und die Analyse lässt Rückschlüsse auf Umweltbelastungen mit Pestiziden sowie das Ausmaß der regionalen Pflanzenvielfalt im Umfeld der Bienenstöcke zu. 

Aus dem Stadion in die Fabrik – so könnte das Motto von Kinexon lauten. Entwickelt werden Echtzeit-IoT-Lösungen mit Hilfe des 5G-Mobilfunknetzes, das extrem niedrige Latenzzeiten aufweist. Neben ihren Smart Factory-Lösungen hat das Münchner Start-up KINEXON Sports auf den Markt gebracht, das Sport-Performance-Monitoring und -Analyse in Echtzeit abbildet und so zum Beispiel in Zukunft den Stadionbesuchern Daten zum Spiel und zu jedem einzelnen Spieler sofort aufs Handy liefert. 

Eine Analyse ganz anderer Art betreibt Twaice. Statt auf Sportler schaut die Analyse-Software sich Batterien ganz genau an und soll so zum Beispiel Betriebsausfälle rechtzeitig erkennen und verhindern. Ein möglicher Einsatzort für die Lösung von Twaice sind dabei E-Autos. 

Teil einer Digitalisierungs-Strategie ist in aller Regel auch die Verbesserung der Unternehmensprozesse. Das Start-up Lana Labs setzt dabei auf neueste Erkenntnisse aus der Process-Mining-Forschung und nutzt Big-Data-Technologien, um große Datenmengen zu bewältigen. 

Die Blockchain-Technologie nutzt Madana dafür, eine Monetarisierung der Datensouveränität anzubieten. Wer als Nutzer seine Daten zur Verfügung stellt, wird dafür von Madana mit plattformeigenen Token für jede erfolgte Auswertung entlohnt. Umgekehrt müssen diejenigen, die auf die Daten zugreifen wollen, die Plattform-Token kaufen und erhalten so ein Anrecht auf Datenauswertungen.

Es ist Zeit Neues zu wagen

Das Start-up Bitbond nutzt dagegen die Blockchain für Finanzdienstleistungen. Dabei geht es um Angebote rund um Tokenisierung, Verwahrung von tokenisierten Wertpapieren und Kryptowährungen sowie Zahlungsabwicklung. Angesichts der Tatsache, dass die EZB in diesem Jahr über einen E-Euro entscheiden wird und Kryptowährungen wie Diem, ehemals das Projekt Libra, in den Startlöchern stehen, wird das Thema in diesem Jahr deutlich an Fahrt gewinnen. Und wer weiß, vielleicht ist 2021 auch das Jahr, in dem deutsche Raketenbauer SpaceX Konkurrenz machen: Isar Aerospace will Satelliten zu international wettbewerbsfähigen Preisen in die Erdumlaufbahn schießen. Der Jungfernflug der dafür notwendigen Trägerrakete ist für das letzte Quartal 2021 geplant. 

Diese kleine Auswahl an Start-ups zeigt: Wichtig ist, dass wir uns trotz aller Krise nicht einfach treiben lassen und versuchen, alleine das Schlimmste zu verhindern. Sondern dass wir Innovation ganz gezielt vorantreiben. Wann, wenn nicht jetzt, ist die richtige Zeit, verkrustete Strukturen zu hinterfragen und Neues zu wagen?