Nur über den Klimaschutz zu reden, reicht nicht, sagt unsere Kolumnistin Jenny Boldt und stellt Gründer vor, die bereits aktiv geworden sind.

Montags ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer. Heute schreibt Jenny Boldt. Die studierte Wirtschaftsingenieurin ist Leiterin Startups beim Branchenverband Bitkom und dort für die Initiative „Get Started” verantwortlich. Erfahrung in der Szene sammelte sie auch mit der Gründung eigener Unternehmen.

Das Polareis schmilzt, der Regenwald brennt und Sommerhitzerekordjahre am laufenden Band machen den Klimawandel für jeden von uns hautnah erlebbar. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich vor 13 Jahren im Biologie-Unterricht ein Referat zum Klimawandel vorbereitet habe. Die wissenschaftliche Diskussion war sehr ähnlich wie heute und auch die Erkenntnis, dass wir etwas tun, etwas verändern müssen, gab es längst.

Seitdem ist viel passiert, aber ganz offensichtlich nicht genug. Es gibt nicht den einen Schalter, den wir umlegen können, damit alles sofort besser wird. Aber in der Start-up-Szene wissen wir: aus einer kleinen Idee, deren Potenzial niemand vorher gesehen hat – häufig nicht einmal die Gründerinnen und Gründer selbst – kann sich etwas ganz Großes entwickeln.

Von besserer Luft bis hin zu niedrigerem Energieverbrauch

Ich bin überzeugt davon, dass digitale Technologien beim Umwelt- und Klimaschutz einen großen Beitrag leisten können. Eine Reihe von Start-ups entwickeln schon spannende Lösungen, die an ganz unterschiedlichen Stellen ansetzen. So hat sich GreenCitySolutions das Ziel gesetzt, die Luftqualität in Städten zu verbessern. Der von den Berlinern entwickelte City Tree kombiniert die Produktion von Sauerstoff durch Mooskulturen mit Internet-of-Things-Technologie und sorgt so für eine optimale Wasser- und Nährstoffversorgung.

Den Energieverbrauch von Städten mit einfachen Mitteln zu senken, etwa durch den Austausch von stromfressender Beleuchtung durch neue, energieeffiziente Lampen, hat sich ICE Gateway als Ziel gesetzt. Die vom Start-up entwickelten LED-Leuchten, die nicht nur energiesparend für Licht sorgen, sondern auch mit zusätzlichen Funktionen und Sensoren erweitert werden können, sollen den Aufbau einer Smart City unterstützen. In Sachen CO2-Emissionen spielt auch der Verkehr eine enorme Rolle, eine besondere Bedeutung kommt dabei Lkw-Transporten zu. Das Start-up Tracks setzt an dieser Stelle an und möchte eine Platooning-Lösung entwickeln, um den Transport sauberer und auch sicherer zu gestalten. Beim Platooning werden mehrere Fahrzeuge virtuell dicht hintereinander gekoppelt, so dass durch den Windschatten unter anderem der Kraftstoffverbrauch deutlich sinkt.

Auch privat können wir mit Hilfe von Start-ups viel tun: Um den eigenen Energieverbrauch ökologischer zu gestalten, erhalten wir beispielsweise Unterstützung vom in der Hauptstadt ansässigen Start-up EigenSonne. Das Unternehmen will den Weg zur privaten Solarstromanlage für jedermann so bequem und einfach zu machen, wie man das heute von Diensten im Internet gewohnt ist. Dabei soll alles aus einer Hand kommen, vom Erstkontakt über Planung und Finanzierung bis zur Installation. Und wer als Vermieter seinen Mietern Solarstrom anbieten möchte, für den hat Prosumergy ein passendes Angebot. Dazu gehört nicht nur die Anlagenplanung und Installation, sondern vor allem auch die softwaregestützte Kundenabrechnung.

Ausreden à la “Was kann ich als Einzelperson schon tun” haben so keine Chance mehr: Die Möglichkeiten sich zu engagieren sind grenzenlos. Schon wer Abfall vermeidet, schützt die Umwelt. Ganz besonders viel Abfall fällt in unseren Supermärkten an, wenn Lebensmittel vermeintlich zu alt sind oder nicht mehr schön genug, und dann aussortiert werden. Sirplus rettet und verkauft solche Lebensmittel in seinem Online-Shop sowie mittlerweile auch in drei eigenen “Rettermärkten” in Berlin.

Das Potenzial digitaler Technologien ist riesig

Digitalisierung kann einen riesigen Beitrag zum Klimaschutz leisten – digitale Technologien benötigen aber selbst erst einmal Energie. Windcloud betreibt als Cloudanbieter ein eigenes Rechenzentrum in Nordfriesland, das ausschließlich mit regenerativen Energien betrieben wird. Vor allem wird Windenergie genutzt – dank eines Hybridspeichers funktioniert das auch bei Windstille. Und im Notfall wird auf Solar- und Biogasstrom zurückgegriffen.

Das disruptive Potenzial digitaler Technologien ist riesig. Wenn es uns gelingt, wirklich autonome Autos mit Elektroantrieb auf die Straße zu bringen, wie wird das unsere Mobilität verändern? Und wenn diese Autos untereinander und mit der Verkehrsinfrastruktur wie Ampeln kommunizieren, muss dann noch jemand im Stau stehen? Wenn wir von jedem Ort der Welt aus arbeiten können und dank Virtual Reality trotzdem gemeinsam in einem Raum stehen, wie viele Leute werden dann nicht mehr täglich ins Büro pendeln müssen? Und wenn wir ernst machen mit der Sharing-Economy dank digitaler Plattformen, dann brauchen wir schlicht weniger Ressourcen für den gleichen Komfort.

Innovative Start-ups brauchen Unterstützung seitens der Politik

Die Zeit, den Klimawandel aufzuhalten, wird knapp. Noch einmal in 13 Jahren zurückschauen und feststellen, dass wir zu wenig getan haben, wäre fatal. Auch wenn Deutschland nicht alleine den Klimawandel aufhalten kann, muss die Politik endlich handeln und eine Vorreiterrolle einnehmen. Und dazu zählt auch, innovative Start-ups zu unterstützen und zu fördern, die versuchen ihren kleineren oder größeren Beitrag für eine intakte Welt zu leisten. Vielleicht verbirgt sich hier “the next big thing” – es wäre uns und der Umwelt zu wünschen.