In der Corona-Krise ist das Türöffnungssystem besonders gefragt. Großkunde Deutsche Wohnen ist zugleich Investor – und stockt nun seinen Anteil auf.

Die Corona-Krise wirkt wie ein Digitalisierungs-Turbo: Diese Beobachtung machen gerade Unternehmen aller Branchen. Die oft noch etwas behäbige Immobilienwirtschaft ist da keine Ausnahme, stellt Karsten Nölling fest. „Plötzlich bieten uns unsere Kunden ganz selbstverständlich Video-Konferenzen an“, sagt der Geschäftsführer von Kiwi.ki. Für das 50-köpfige Proptech eine positive Entwicklung: Zeitaufwendige Dienstreisen fallen weg, Verhandlungen mit Kunden kommen schneller voran.

Zu tun gibt es für Kiwi.ki – anders als für viele andere B2B-Start-ups – derzeit genug. Das Berliner Unternehmen ist auf schlüssellose Schließsysteme spezialisiert. Damit lassen sich Türen per Smartphone-App öffnen. „Ein wichtiger Anwendungsfall gerade sind Wohnungsbesichtigungen“, sagt Nölling. „Mit der Technologie können Vermieter oder Makler Interessenten kontaktlos in die Räume lassen.“ Mit Sonderkonditionen wirbt das Start-up nun für seine Nachrüstlösung, das nach Angaben des Unternehmens jeder Hausmeister blitzschnell installieren kann.

Gefragt waren die Zugangssysteme indes schon vor der Krise: Wohnungsunternehmen rüsten damit ihre Gebäude aus, um den Komfort für ihre Mieter zu steigern und den administrativen Aufwand zu senken. Per Mausklick können sie aus der Ferne beispielsweise Handwerkern einen zeitlich begrenzten Zugang zu ihren Objekten gewähren, ohne dass eine Schlüsselübergabe nötig wäre. Vom digitalen Schloss können zudem Pflegedienste, die Müllabfuhr oder Postboten profitieren: Die Kiwi-App oder alternativ ein sogenannter Transponder – ein Plastikchip mit Funkverbindung – kann als Türöffner für mehrere Objekte dienen.

Zehn Millionen Euro Wachstumskapital

Am häufigsten kommt die Technik an den Eingangstüren von Mehrfamilienunternehmen zum Einsatz. Dort werden bisherigen Schlösser durch solche mit Funkchip ersetzt, für die Stromversorgung werden die Anschlüsse der Klingelanlage mitgenutzt. Die Signale aus der App empfängt ein mit Mobilfunkchip ausgerüstetes „Gateway“, das irgendwo im Haus installiert ist, und gibt diese an den Sensor in der Tür weiter. Für Wohnungstüren gedacht sind die mit Batterien betriebenen Nachrüst-Kits. Verfügbar sind auch solche, mit denen sich die Tür parallel weiterhin mit einem Schlüssel öffnen lässt. Für die Nutzung der Software erhebt Kiwi.ki eine monatliche Gebühr.

Rund 600 Immobilienunternehmen in Deutschland hat das Start-up seit der Gründung 2012 als Kunden gewonnen. Der bislang wichtigste ist die Deutsche Wohnen. Der mit 160.000 Wohnungen nach Vonovia zweitgrößte Wohnungsbesitzer in Deutschland will seinen gesamten Gebäudebestand mit der Technik aufrüsten. Aktuell sind es nach Angaben Nöllings bereits 5.000 Häuser. Eine Besonderheit: Der Wohnungskonzern ist seit 2017 auch Minderheitsgesellschafter bei Kiwi.ki. Intern sei es damals lange diskutiert worden, ob es andere Kunden abschrecken könnte, einen Branchenriesen zum Miteigentümer zu machen, sagt Nölling. „Das Investment ist in der Branche aber überwiegend als Vertrauensbeweis wahrgenommen worden.“

Gerade hat die Deutsche Wohnen ihren Anteil an dem Start-up im Zuge einer zehn Millionen Euro schweren Finanzierungsrunde von bisher zehn auf 20 Prozent erhöht. In einem ähnlichen Umfang hat der zweite strategische Investor, der seit zwei Jahren an Bord ist, seine Position ausgebaut. Dabei handelt es sich um den Schweizer Gebäudetechnik-Konzern Arbonia, der eine „Smart Door“ vertreibt, bei dem die Technik des Start-ups bereits verbaut ist. Weitere Bestandsinvestoren des Start-ups sind der Berliner Wagniskapitalfonds Paua Ventures, das Family Office J.F. Müller & Sohn sowie mehrere Business Angels. Auch die drei Gründer, die sich selbst inzwischen aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen haben, sind noch an dem Unternehmen beteiligt.

Positionierung als Plattform

Das frische Kapital will das Proptech nun unter anderem dafür nutzen, um sich mit seiner Software noch stärker als Plattform zu positionieren, an die andere über Schnittstellen andocken können. Der Vorteil wird am Beispiel eines Reparaturauftrags deutlich: Der Auftrag erreicht den Dienstleister klassischerweise über ERP-System wie SAP. Künftig könnte mit den Auftragsdaten direkt ein Link mitverschickt werden, über den der Handwerker vor Ort die Tür öffnen kann. Die Kiwi.ki-App muss dann nicht mitinstalliert werden. Ideen gibt es auch für Paketdienste, wo Zugangsrechte mit den Sendungsverfolgungssystemen verknüpft werden könnten.

Schwarze Zahlen schreibt das Start-up nach eigenen Angaben noch nicht – die Profitabilität rücke aber in Reichweite. „Wir waren vergleichsweise früh auf einem Markt, der noch immer am Anfang steht“, sagt Nölling. „Es braucht Zeit, bis sich Prozesse in der Immobilienbranche verändern – aber der Schalter ist definitiv umgelegt.“ Vom Umdenken zeugt auch die wachsende Konkurrenz: Zum einen haben angestammte Hersteller von Schließsystemen den Markt für sich entdeckt. Auf der anderen Seite treiben auch andere Start-ups das Thema voran. Mit Bluetooth-Schlössern für private Hausbesitzer wächst etwa das Grazer Unternehmen Nuki. Ebenfalls auf Immobilienkonzerne zielt Comydo aus Hamburg. In den USA hat Konkurrent Level Home im vergangenen Herbst 71 Millionen Dollar eingesammelt. Zu den Geldgebern dort gehört auch der Handelsriese Walmart, wie Techcrunch berichtete.

Kiwi ist aktuell außer in Deutschland auch in der Schweiz erhältlich. Weitergehende Internationalisierungspläne verfolgt das Start-up aktuell nicht aktiv, auch wenn es einzelne Aufträge etwa aus Frankreich gibt. „Das Potenzial in Deutschland ist noch riesig“, sagt Nölling. Als Wachstumstreiber hat das Start-up Kooperationen ausgemacht. So arbeitet Kiwi.ki mit dem Unternehmen Roomhero zusammen, das sich als digitaler Inneneinrichter versteht. Vertriebs-Kooperationen gibt es zudem mit Händlern wie der Schweizer Koch Gruppe und der Ammon Beschläge Handels GmbH.