Statt sicherer Konzernkarriere versprechen Start-ups eine schnelle und chancenreiche Entwicklung. Eine Auswertung von Jobportalen zeigt: Im Schnitt überzeugen sie die Mitarbeiter. Doch die Spanne ist groß.

Das Ziel ist ehrgeizig: Im kommenden Jahr will das Software-Start-up Contentful seine Belegschaft verdoppeln – dabei arbeiten bereits heute 280 Mitarbeiter in Berlin und San Francisco für das Unternehmen. „Unser Meinung nach ist ein robustes Personalentwicklungsprogramm entscheidend für den Erfolg und das Wachstum eines Start-ups“, sagt Vanessa MacIlwaine, verantwortlich für den Bereich Personal bei Contentful, gegenüber WirtschaftsWoche Gründer.

Ein wichtiges Argument kann Contentful bei der Rekrutierung-Offensive anführen: Das Start-up wird mit 4,5 von 5 Punkten bei den Jobportalen Kununu und Glassdoor in den Kategorien Karriere- und Weiterbildungsmöglichkeiten besser bewertet als andere größere deutsche Wachstumsunternehmen – und sogar besser als alle Dax-Konzerne.

Sechs Start-ups bieten mehr als SAP

Das zeigt eine Auswertung, die der Bildungsanbieter WBS Akademie kürzlich veröffentlicht hat. Für die Untersuchung wurden die Durchschnittsangaben je Unternehmen aus insgesamt 47.000 Bewertungen zusammengefasst. Gleich sechs Start-ups schaffen es dabei, besser als der Konzern-Sieger SAP abzuschneiden. Hinter Contentful folgt dabei Lufttaxi-Entwickler Lilium. Danach kommen das Berliner Versicherungs-Start-up Wefox, das gerade eine erneute Finanzierungsrunde verkündet hat, sowie der E-Roller-Bauer Unu auf einem geteilten dritten Platz. Dahinter schneiden auch Lampenwelt und Personio noch besser ab als der Tech-Konzern aus Walldorf (die gesamte Liste findet sich hier).

Eine gute Bewertung kann hilfreich sein, um im Meer von suchenden Unternehmen aufzufallen. Gerade schnell wachsende Start-ups stehen jedoch oft vor der Herausforderung, dass eigentlich die Ressourcen für aufwändige Programme fehlen. Konzerne mit etablierten Personalabteilungen tun sich da häufig leichter. Contentful setzt auf eine Kombination von internen Trainingsprogrammen sowie der Möglichkeit für jeden Mitarbeiter, sich auch mit einem individuellen Budget extern weiterzubilden.

Im Schnitt schneiden Start-ups besser ab als die Dax-Konzerne

So könnten die Angestellten „Wissenslücken schließen und ‚best practices‘ in das Unternehmen tragen“, so MacIlwaine. Dabei steht für das Start-up die Eigenmotivation der Mitarbeiter im Vordergrund: „Letztlich sind unsere Mitarbeiter die Chefpiloten ihrer Weiterentwicklung“, sagt Personalerin MacIlwaine, „und unsere Rolle verstehen als Co-Pilot.“

Im Schnitt schneiden die 30 untersuchten Start-ups bei den Karriere- und Weiterbildungsmöglichkeiten mit 3,62 etwas besser ab als die Dax-Konzerne mit 3,47 von fünf Punkten. In der Bewerbungspraxis punkten etablierte Firmen häufig noch mit der größeren Job-Sicherheit und höheren Gehältern – Start-ups werben dagegen mit schnelleren Entwicklungsmöglichkeiten und dem möglichen Potenzial eines Job-Einstiegs.

Viel Schatten auch bei bekannten Digitalunternehmen

Die Ergebnisse der Untersuchung zeigten jedoch auch, „dass fast alle Unternehmen daran arbeiten müssen, ihre Mitarbeitenden in diesen Bereichen besser zu fördern“, sagt Christoph Schüler, Leiter der WBS Akademie. „Schließlich erzielt fast kein Unternehmen diesbezüglich mehr Punkte als in der eigenen Gesamtbewertung“. In die fließen etwa bei Glassdoor noch Gehalt oder Firmenkultur ein – auch hier hatte es kürzlich eine Auswertung der erfolgreichsten Arbeitgebermarken unter Start-ups gegeben. Eine aktuelle Bewertung eines Contentful-Mitarbeiters auf dem Portal sieht da etwa noch Luft nach oben: „Habt keine Angst, mehr Risiko einzugehen“, schreibt er dort an das Management, „erlaubt den Produkt-Teams mehr Experimente.“

Deutlich dramatischer sehen die Werte jedoch am Ende der Tabelle aus, wo die Werte um oder deutlich unter der 3,0-Marke stehen. Unter den Dax-Konzernen schneidet Logistiker Deutsche Post DHL am schlechtesten ab. Bei den Start-ups steht Essenslieferdienst Foodora ganz am Ende. Die Marke ist zwar seit diesem Frühjahr nach der Übernahme durch Takeaway verschwunden, die Bedingungen für viele Lieferfahrer bleiben jedoch schwierig. Nicht viel besser stehen jedoch Kreuzfahrt-Vermittler Dreamlines und Möbel-Verkäufer Home24 da.