Gute Ideen gibt es auch abseits der ausgetretenen Wege: Start-ups aus der vermeintlichen Provinz finden bei Investoren reichlich Anklang. Ein Überblick.

Von Benedikt Wurdack

Berlin ist nicht nur Bundeshauptstadt, sondern auch „die neue Hauptstadt für Existenzgründer“. Und es stimmt: Zahlreiche Inkubatoren sind dort angesiedelt, um frische Konzepte zu finden und zu fördern. Aber hat Berlin deshalb einen Alleinanspruch auf Unternehmergeist?

Weit gefehlt, auch außerhalb der deutschen Hotspots wie München, Hamburg und eben Berlin gibt es Startups, die dieses Jahr Finanzspritzen einsammeln konnten – und das nicht zu knapp. Mit ihrem Erfolg oder ihren Konzepten haben sie von der Öffentlichkeit oft unbeachtet für Furore gesorgt. Was sie geschafft haben? Sie haben die Aufmerksamkeit von Geldgebern geweckt.

WirtschaftsWoche Gründer stellt fünf Unternehmen vor, die sich jenseits der klassischen Zentren angesiedelt und dieses Jahr erfolgreiche Finanzierungsrunden abgeschlossen haben. Was sie machen, woher sie kommen und wo sie hinwollen – die Erklärungen auf den folgenden Seiten.

edicted (Bremen)

„Made with love in Bremen“ prangt auf der Webpräsenz von „edicted“. Das Onlineportal verspricht die Lösung für Anwälte in Zeitnot: Dort können Anwälte Aufgaben an geprüfte Jurastudenten, Referendare oder Volljuristen auslagern – flexibel zubuchbare Manpower nach Bedarf ist der Gedanke. So können die Bearbeiter Erfahrung sammeln und die Anwälte mehr Mandanten betreuen.

Mit einer zweiten Finanzierungsrunde auf Seedmatch konnten die beiden Gründer in nur 25 Tagen 200.000 Euro sammeln. Die  Resonanz macht Hoffnung für ein so konservatives Geschäftsfeld wie die Rechtsberatung. Das Geld soll für den Ausbau vom Vertriebswegen genutzt werden. Ziel ist es die Nutzerzahl zu erhöhen, die momentan bei 2500 liegt. „Mit dem gesammelten Geld kommt eine Menge Arbeit auf uns zu“, so einer der Gründer.

Chrono24 (Karlsruhe)

Mit Uhren lässt sich Geld verdienen: Davon ist auch Insight Venture Partners überzeugt und investierte 21 Millionen Euro in den Onlinemarktplatz „Chrono24“. Mit dem frischen Geld soll unter anderem die Belegschaft verdoppelt sowie neue Vertriebs- und Kundenservice-Standorte eröffnet werden. Das 2003 gegründete und bereits einmal verkaufte Unternehmen hat sich zu dem Handelsplatz für neue und gebrauchte Luxusuhren neben Ebay gemausert. Auch Rocket Internet und private Investoren hatten dem Start-up schon früher mit Investitionen ihr Vertrauen entgegengebracht. Zu Recht: 2014 gab das Unternehmen ein Handelsvolumen von 550 Millionen Euro an, dieses Jahr sollen es bereits 750 Millionen sein. Der Uhrenriese aus Baden wächst also fleißig.

ConversionBoosting (Mannheim)

Aus einer Xing-Gruppe von 2008 zum Thema Conversion Optimierung, die Umwandlung von Interessenten zu Kunden, entsteht ein Buch, das es zum Bestseller schafft. Zu diesem Buch wird von Jörg Dennis Krüger (später CEO) ein Blog geführt. Und aus diesem Blog wird dann die „ConversionBoosting GmbH“, selbsternannte „größte Business-Community zur Conversion-Optimierung“ mit über 12.000 Nutzern. Investieren dann noch Business-Angels und Investmentfonds eine sechsstellige Summe in das Mannheimer Unternehmen, ist die wahnwitzige Geschichte wohl perfekt. Lohnend scheinen die Investitionen allemal, das Projekt wurde 2014 als „Start-up mit Zukunft“ von der Internet World Messe und weiteren Preisen ausgezeichnet.

PEY (Hannover)

Knapp 1500 Bitcoins bei aktuellem Kurs oder 300.000 Euro hat das Start-up „PEY“ aus der niedersächsischen Landeshauptstadt in einer ersten Seedrunde gesammelt. Unter den Investoren waren mehrere Business-Angel, etwa der ehemalige Geschäftsführer von RocketInternet, Frank Biedka. Die Idee: Mittlerweile gehört es zur Unternehmenskultur, seinen Mitarbeitern neben dem Gehalt auch kleine Vorteile wie Gutscheine oder Mitgliedschaften zu schenken – und „PEY“ will die Bitcoin dafür etablieren. Das Unternehmen stellt über eine App für den Kunden und ein terminal für den Verkäufer die Technologie zum Bezahlen mit der Kryptowährung. Damit soll der bisher komplizierte Handel mit Bitcoins für den Verbraucher vereinfacht werden. In Hannover haben sich bereits 40 Unternehmen angemeldet, der deutschlandweite Rollout soll im Herbst starten.

Von Floerke (Bonn)

Mit den Löwen gerungen – und überlebt: Das Start-up „von Floerke“ aus der alten Bundeshauptstadt konnte die Juroren der Show „Die Höhle der Löwen“ für sich überzeugen und insgesamt 180.000 Euro an Unterstützung einheimsen, 30.000 Euro davon in Medienleistungen. Die Onlineplattform vertreibt gehobene Modeaccessoires für beide Geschlechter und hat es sich auf die Fahnen geschrieben, die „Welt ein wenig schöner“ zu machen. Nachdem das 2013 gegründete Unternehmen „a Gentleman one’s“ als Vorgänger im Sortiment des Onlineshops aufging, will man in fünf Jahren Marktführer beim Vertrieb von „hochwertiger Modeaccessoires“ werden, so Unternehmensgründer David Schirrmacher.