Viele Lebensmittel werden für den Abfall produziert – ein soziales und ökologisches Problem. Junge Gründer wollen helfen.

Von Susanne Schwarz

Die Gründer von Querfeld sind gegen den Schönheitswahn. Sie suchen nicht nach Geradlinigkeit und Symmetrie, nach der perfekten schlanken Linie oder nach exquisiten Kurven. Sie schätzen das gewisse Etwas. Das Berliner Startup verkauft Obst und Gemüse, das für Supermärkte zu schräg ist, zu knubbelig, zu blass.

Rund ein Drittel der weltweit produzierten Nahrung wird nach Angaben des Bundesumweltamtes zufolge weggeworfen. Das ist tragisch, weil vor allem im südlichen Teil der Erde Millionen Menschen mit Hunger und Mangelernährung kämpfen.

Aber es hat auch konkrete Auswirkungen auf die Umwelt. Produktion und Transport von Lebensmitteln erfordern Ackerflächen, Wasser und Energie. Dabei werden zwangsläufig Ökosysteme vernichtet und Treibhausgase ausgestoßen. Allein durch jene Lebensmittel, die gewissermaßen nur für die Mülltonne produziert werden, entweichen jedes Jahr drei Gigatonnen Kohlendioxid. Wären das die Emissionen eines Landes, stünde es weltweit auf Rang drei hinter den USA und China.

Laut einer Studie des Umweltverbands WWF landen knapp 40 Prozent der nie gegessenen Lebensmittel im Müll von Privathaushalten. Der große Teil der Verluste findet jedoch vorher statt, teils noch in der Produktion.

Hier will Querfeld ansetzen. Von Öko-Bauern der Region kaufen die Händler günstig jenes Gemüse, das wegen vermeintlicher Schönheitsfehler aussortiert wurde. Das betrifft immerhin etwa 30 Prozent der deutschen Ernte. Dann verkaufen sie es an Gewerbekunden, etwa an Schulen, Kindergärten oder Catering-Firmen in Berlin und München. Eine Win-Win-Situation: Die Bauern müssen ihre mühevoll gezogene Ernte nicht komplett ohne Einnahmen wegschmeißen, die Abnehmer bekommen preiswertes Bio-Gemüse. An Privathaushalte richtet sich Querfeld kaum. „Den Versand kleiner Portionen an viele Einzelne können wir nicht wirtschaftlich organisieren“, sagt Geschäftsführer Frederic Goldkorn. Sammelbestellungen seien aber möglich.

Es ist ein Geschäftsmodell, das sich selbst abschaffen will. Wenn die Ziele von Querfeld erreicht sind, hat das Start-up keine Grundlage mehr. „Damit können wir leben, dann machen wir etwas anderes“, sagt Goldkorn. „Ich fürchte aber, wir nähern uns diesem Zustand nur sehr langsam.“

Nachhaltig und gesund

Etwas anders sieht das beim Start-up Dörrwerk aus. Auch hier geht es darum, Obst zu retten, das lediglich den Schönheitstest nicht bestanden hat. Allerdings koppeln die drei Gründer das an ein eigenes Produkt: Dörrwerk stellt selbst Esspapier her, Fruchtpapier nennen sie ihr Produkt. Im Dörrofen wird das Mus verschiedener Früchte getrocknet und von Hand verarbeitet. Mit zähen Trockenfrüchten haben die hauchdünnen und knusprigen Plättchen nicht mehr viel gemein.

Die Idee zum Fruchtpapier entstand im Sommer 2014 aus zwei Gedanken heraus. „Schon lange haben wir darüber geredet, dass die meisten Snacks aus Kiosk und Supermarkt meist viel Fett und zugesetzten Zucker enthalten“, erzählt Ko-Gründer Jonas Bieber. „Unser Fruchtpapier besteht zu 100 Prozent aus Obst.“ Der eigentliche Impuls zur Gründung sei aber beim Besuch im Großhandel entstanden, wo Obst palettenweise nur wegen ein paar Dellen und Schrammen aussortiert wurde.

Genau solche Exemplare kauft das mittlerweile fast zehnköpfige Team nun auf. Grundlage für das Fruchtpapier ist immer Apfelmus, den Geschmack geben Mango, Ananas oder Erdbeere. In der Anfangszeit hat das Café Levante in Berlin-Schöneberg den Gründern seine Küche zum Experimentieren und Herstellen überlassen, seit dem vergangenen Herbst hat das Dörrwerk dafür eigene Räume in Berlin. Kaufen kann man das Ergebnis in 30-Gramm-Packungen vor Ort, aber auch im Online-Shop und bei einigen Spezialitätenhändlern.

Restlos satt

Auch in deutschen Restaurants, Cafés und Imbissen landen jährlich etwa eine Million Tonnen genießbare Lebensmittel im Abfall. Teils wegen Fehlplanung, vor allem aber wegen Hygienevorschriften. Das dänische Start-up Too Good To Go hat daher eine Smartphone-App entwickelt, die das verhindern soll.

Die Anwendung ist eine Art Vermittlungsbörse zwischen Restaurants und Hungrigen. Die Lokale stellen kurz vor Ladenschluss ein, welche Gerichte noch übrig sind und dem Wegschmiss geweiht sind. App-Nutzer können die Portionen reservieren, den günstigeren Preis bezahlen – allerdings nur per Kreditkarte oder Paypal – und dann in der Gaststätte abholen. Der Download der App ist kostenlos. Das Start-up finanziert sich dadurch, dass es pro vermitteltem Essen einen Euro vom Anbieter bekommt. Etwa 100 Restaurants machen in Deutschland schon mit, vor allem in den Metropolen Berlin und Hamburg.

Damit auch die Ausgabe des Essens irgendwann nachhaltig wird, will Too Good To Go künftig wiederverwendbare Edelstahl-Behälter verkaufen, die anstelle der Plastik-Boxen genutzt werden können. Seine eigenen Dosen darf man allerdings nicht mitbringen. Da ist die Angst dann doch zu groß, dass dann die ausgegebenen Mengen pro Kunde nicht mehr vergleichbar sind.