Jodeln ist Trend – seit Monaten schon. Vor allem Studierende nutzen die Jodel-App. Münster gilt dabei als Hochburg: Der Geschäftsführer hat die Stadt besucht.

Von Hanna Decker

Schon morgens im Bett scrollt Daniel durch die App. “Nach dem Aufwachen kurz ein bisschen Spaß haben, gut in den Tag kommen, dafür ist es cool.” André amüsiert das digitale Getuschel in der Mathe-Vorlesung. “Es ist einfach saulustig. Lustiger als alle anderen Plattformen wie Facebook oder Snapchat”, bringt es Felix auf den Punkt.

Schon seit Monaten sorgt die App Jodel an deutschen Universitäten für Furore. Münster gilt als Jodel-Hauptstadt in Deutschland. Kein Wunder, dass der Geschäftsführer, Tim Schmitz, sich die Stadt für einen Vortrag ausgesucht hat. Über den Messaging-Dienst lassen sich Kurznachrichten und Bilder an Nutzer in der Umgebung verschicken. Diese werden dann aggregiert in einem Newsfeed angezeigt, ähnlich wie bei Twitter. Alleinstellungsmerkmal von Jodel: Die Nutzer bleiben vollständig anonym. Die Macher haben die App in Anfangszeiten mal als „digitale Uni-Klowand“ beschrieben. Das bereuen sie inzwischen, sagt der 24 Jahre alte Geschäftsführer in seinem Vortrag an der Universität Münster am Montag.

Im Hörsaal sitzen etwa 150 Studierende, alles begeisterte Jodler, nur eine Handvoll traut sich zuzugeben, dass sie die App entweder gar nicht kennt oder wieder deinstalliert hat. Schmitz kommt in schwarzer Jeans und schwarzem T-Shirt und gibt sich betont lässig. Mit zehn Kisten Freibier hat er das Publikum sofort auf seiner Seite. Er sagt Dinge wie „Probleme facen“ und spricht über die lässige „company culture“, die im Büro von Jodel in Berlin-Mitte herrsche.

Das Konzept kommt aber an: Im Oktober vergangenen Jahres knackte Jodel nach eigenen Angaben die 1-Millionen-Nutzer-Marke, expandierte nach Österreich, Schweden, Norwegen, Dänemark und in die Schweiz. Heute werden jeden Tag 600.000 „Jodel“ geschrieben, das sind knapp sieben Kurznachrichten pro Sekunde.

Gejodelt wird über den Busfahrer, der mit quietschenden Reifen losfährt, die Lehramtsstudierenden, die angeblich den ganzen Tag nur Mandalas ausmalen, oder die nächste Party: Belanglose Themen über die auch in der Mensa gesprochen wird. Auch Jura-Student Nauar gibt zu, dass er Jodel „aus Langeweile“ nutzt: „Produktiv ist das eher nicht.“ Am Anfang des Semesters jodelt er mehr, in der Klausurenphase versucht er, die Nutzung zu reduzieren.

Der Gründer gibt zu, dass die größte Herausforderung darin bestünde, relevanten Content zu liefern. In kleineren, studentisch geprägten Städten wie Münster, Aachen oder Passau funktioniert das deutlich besser als in Großstädten wie Berlin. Denn Jodel ist auf eine relativ homogene Nutzergruppe angewiesen. Der Witz über den Kellner in der Kneipe ist nur dann interessant, wenn alle Nutzer die Kneipe kennen. In Berlin-Kreuzberg interessiert sich aber niemand dafür, was Menschen im Prenzlauer Berg über den neuen Bio-Supermarkt jodeln. Und: Studierende lachen über studentische Witze, aber „die interessiert das Gejammer über die nächste Mathe-Klassenarbeit nicht“, sagt Schmitz.

Leider führt die Anonymität manchmal auch zu kritischen Posts wie sexistischen Kommentaren oder Beleidigungen. Kurz nach dem Launch der App wurde in Aachen der Hashtag #PoJoSo (Pornojodelsonntag) populär, unter dem Nutzer jeden Sonntag Nacktbilder posteten. Für ein paar Tage flog die App damals aus dem iOS-Store. Doch das Start-up hat dazu gelernt und beschäftigt inzwischen ein Team, das rund um die Uhr unerwünschte Posts löscht. Das klappt erstaunlich gut.

Natürlich will Jodel weiter wachsen und Nutzer hinzugewinnen. Aber mindestens genauso wichtig ist es für Schmitz, „retention“ und „engagement“ zu erhöhen, also die Nutzer dazu zu bringen, länger und regelmäßiger Zeit mit dem Jodeln zu verbringen.

Auf die obligatorische Frage, wie das Start-up irgendwann einmal Geld verdienen will, hat Schmitz nur ein müdes Lächeln übrig: „In Deutschland ist das immer extrem wichtig, in anderen Ländern spielt die Frage aber kaum eine Rolle.“ Er verweist auf Facebooks Foto-Plattform Instagram, die auch erst nach Jahren anfing, Geld zu verdienen. Das Team habe verschiedene Ideen, auch Werbung werde sicherlich getestet, sagt Schmitz. Konkretes will er aber noch nicht preisgeben.