Früher war Jan Bredack Manager bei Daimler, dann stieg er aus und gründete Veganz. Sein Erfolgsrezept: Einfach machen und wenig schlafen.

WirtschaftsWoche Gründer: Herr Bredack, Sie sind gelernter Kfz-Mechaniker, heute führen Sie eine vegane Supermarktkette. Klingt ziemlich ungewöhnlich.
Das kann man so sagen. Zwischen Kfz-Mechaniker und Supermarktleiter lag noch ein kleines Leben von gefühlt 50 Jahren.

Und wie war es tatsächlich?
Nach dem Abitur in der DDR machte ich eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker, weil der Beruf dort mit einer gewissen Strahlkraft verbunden war. Nach der Wende ging ich als Kfz-Mechaniker zu Mercedes. Aber eigentlich wusste ich schon damals, dass das nicht meine letzte Station sein würde.

Trotzdem haben Sie sich im Unternehmen schnell nach oben gearbeitet.
Ja, ich habe erst meinen Meister gemacht, dann studiert und mich bis zum Leiter des Vertriebs für Nutzfahrzeuge in Deutschland hochgearbeitet.

2008 erlitten Sie einen Burn-out, trotzdem arbeiteten Sie zunächst weiter. Warum?
Ich hatte eine Stelle im Vertrieb von Daimler in Russland angenommen und sollte dort nicht nur ein neues Werk, sondern den ganzen Vertrieb aufbauen. Das wollte ich erst mal durchziehen. Aber nach und nach verlor ich die Verbindung zu der Tretmühle.

Der Burn-out stellte alles infrage?
Ja. In einer Therapie arbeitete ich meine ganze Vergangenheit auf und stellte fest, dass die Firma mein Lebensinhalt war. Aber ein Burn-out entsteht nicht einfach dadurch, dass man viel arbeitet.

Sondern?
Ich habe bereits in sehr jungen Jahren Karriere gemacht und war zunächst immer erfolgreich. Aber irgendwann kamen auch Misserfolge und Rückschläge dazu. Daraufhin wurde mein Machtbereich verkleinert, ich erhielt unter anderem weniger Budget. Das war für mich schwer zu verkraften, also wollte ich es durch noch mehr Leistung und Arbeit kompensieren. So bin ich im Burn-out gelandet.

Besteht die Gefahr als selbstständiger Unternehmer nicht genauso?
Nein, denn meine Anreize hier sind keine geliehenen Machtsymbole. Was ich tue, ist tief in mir verwurzelt und ich erhalte Rückmeldungen von Menschen, die dadurch glücklich werden.

Warum haben Sie ausgerechnet einen veganen Supermarkt gegründet?
Ich habe nach dem Burn-out angefangen, meine eigene Lebensweise zu verändern; ich habe meine Frau und meine drei Kinder verlassen und eine neue Beziehung angefangen. Meine neue Partnerin war Vegetarierin. Und für sie bin ich über Nacht auch zum Vegetarier geworden aus Respekt und Anerkennung. Nach ein paar Wochen habe ich gemerkt, dass der Verzicht auf Fleisch sehr viele Fragen aufwirft, aber auch festgestellt, dass es eigentlich nicht konsequent ist, nur vegetarisch zu leben, weil immer noch sehr viele Tiere leiden müssen. Deshalb bin ich vier Monate später zum Veganer geworden.

Das Einkaufen im Supermarkt stellt man sich für einen Veganer mühsam vor.
Ja, der Einkaufswagen war plötzlich leer, weil es kaum vegane Produkte gab. Es hat mir zu denken gegeben, dass es nichts für Menschen gibt, die sich aus guten Gründen dafür entscheiden, komplett auf tierische Produkte zu verzichten.

Wie sind Sie die Gründung von Veganz angegangen?
Nachdem ich selber Veganer geworden war und am eigenen Leid spürte, wie müßig der Einkauf mitunter ist, war meine Marktstudie in vollem Gange. Ich schrieb einen Businessplan runter, um die Wirtschaftlichkeit zu prüfen. Danach ging es los.

Wie sahen die ersten Schritte aus?
Mit dem Businessplan bin ich zu allen Banken gerannt. Aber zunächst wollte mich keine finanzieren. Schließlich konnte ich mit Unterstützung der GLS Bank und der Bürgschaftsbank sowie einem sehr großen Anteil Eigenkapital den ersten Laden aufmachen.

Und das klappte sofort?
Jein, natürlich war das schwierig. Neben Liquiditätsproblemen, um die Waren vorzufinanzieren, war vor allem die Planung eine große Herausforderung. Um mich von Mitbewerbern am Markt zu differenzieren, habe ich viele Produkte aus den USA importiert – da ging viel schief. Weil wir gerade am Anfang die Mengen nicht gut einschätzen konnten, ist leider viel im Müll gelandet. Zudem bin ich am Anfang mit Mitarbeitern gestartet, die idealistisch waren, aber leider keine Ahnung von geschäftlichen Themen hatten. Dadurch gab es obendrauf viele Probleme.

Heute kooperieren Sie mit Kaiser’s und dm – ist das der Schritt in die Rentabilität?
Absolut, denn dadurch passieren zwei Dinge: Auf der einen Seite werden unsere Produkte mit einem riesigen Skalierungseffekt bekannt. Wir erreichen höhere Mengen und können an die Kunden bessere Preise weitergeben, die wiederum den Anreiz für vegane Produkte steigern. Auf der anderen Seite hat das Einfluss auf unsere Zahlen. 2015 haben wir 21 Millionen Euro umgesetzt, 2016 rechnen wir mit 70 bis 80 Millionen Euro. Das sind riesige Schritte und hilft dabei, rentabel zu werden – was wir momentan noch nicht sind.

Wie finanzieren Sie die Verluste?
Durch private Investoren. Wir sind auch gerade wieder in einer Finanzierungsrunde für unsere Expansion. Wir verhandeln mittlerweile mit Finanzinvestoren und Fonds. Früher musste ich den Leuten hinterherrennen, heute melden sie sich von alleine.

Und Sie könnten sich einen Börsengang vorstellen?
Absolut. Aber diese Entscheidung hängt davon ab, ob die Planung, die wir mit den Kunden gemacht haben, tatsächlich so funktioniert. Ich würde den Börsengang für 2018 bis 2020 prognostizieren.

Wie kommt es denn bei den Kunden an, wenn man sich als vegane Marke in andere Supermärkte stellt?
Eigentlich super. Schlimm war nur der Buttersäure-Anschlag neulich. Das war schon ein Hardcore-Angriff, vor allem, weil man auf den Videos sehen konnte, dass da Menschen rumgelaufen sind und jeder weiß, dass Buttersäure kein Kavaliersdelikt ist. Aber so etwas kommt vor.

Am Anfang wurden Sie ausgelacht, haben aber trotzdem weitergemacht. Warum?
Ich bin ein Verkäufer, nur meine Zielgruppe hat sich geändert. Früher habe ich mit dem Vorstand geredet, um meine Ideen zu präsentieren, heute mit Kunden und Lieferanten. Wenn man von einer Idee selbst überzeugt ist, stellt sich die Frage des Aufhörens gar nicht.

Wie haben Ihre ehemaligen Kollegen reagiert?
Als ich meinen ersten Laden eröffnet habe, sind einige Exkollegen gekommen und haben sich die Bäuche vor Lachen gehalten, dass ich an der Kasse stand und Tofu verkauft habe.

Hat Sie das getroffen?
Nein. Ich fand die Bemerkungen unpassend, war aber so zu mit Arbeit und meinen Visionen, dass mich das nicht so berührt hat. Inzwischen gibt es sehr viel Anerkennung.

Worauf führen Sie den Erfolg zurück?
Mein Lebensmotto lautet: Wege entstehen dadurch, dass man sie geht. Ich bin ein Fan davon, Dinge zu wagen da geht viel schief, man zahlt Lehrgeld. Aber wenn nur eines davon funktioniert, dann hat man etwas, das vorher kein anderer gemacht hat. Und hat so eine gute Basis für den Erfolg gelegt.

Inwieweit hilft Ihnen Ihre Erfahrung als Manager bei Daimler heute?
Die hilft total auch wenn wir mit großen Firmen anbandeln. Ich durchschaue Machtverhältnisse sehr schnell und kann das mit einer gewissen Gelassenheit und Professionalität angehen. Ich weiß genau, welche Knöpfe ich drücken muss. Wann gehe ich zum Vorstand und wann kann ich es mit der Arbeitsebene klären? Dieses Spiel beherrsche ich perfekt. Natürlich hilft ein Grundverständnis von Betriebswirtschaft. Das Wichtigste ist: Ich kann Menschen von meinen Ideen begeistern. Das hat schon bei Daimler gut funktioniert.

Wie unterscheiden sich die Führungsqualitäten als Gründer im Vergleich zum angestellten Manager?
In einem Konzern sind Sie als Führungskraft bedeutend, wenn Sie viel machen. Wenn Sie also viel Macht an sich binden – egal, ob im Hinblick auf Geld, Mitarbeiter oder Fachbereiche – und viele Leute von sich abhängig machen. Dann sind Sie eine gute Führungskraft. Als Unternehmer ist es genau andersherum: Sie sind ein guter Gründer, wenn Sie viel Macht an Ihre Mitarbeiter abgeben – mit klar abgesteckten Verantwortungsbereichen und Erfolgsmessungen. Das habe ich in meinem Unternehmen Veganz auch gemacht. Deswegen fördern wir eine gesunde Fehlerkultur: Ich möchte die Angestellten dazu erziehen, dass Fehler passieren und es das nächste Mal besser läuft. Dieses Vertrauen in die Mitarbeiter fördert eine innovative Kultur, die uns schnell voranbringt.

Heute sind Sie Herr über zehn Supermärkte. Das klingt nicht gerade nach einem entspannten Leben.
Ich bin weit weg vom Burn-out obwohl ich jeden Tag 14, 15 Stunden unterwegs bin, fast gar nicht schlafe und kaum Kontakt zu meinen Kindern habe. Das liegt auch daran, dass wir momentan sehr viel positive Resonanz ernten.

Was empfehlen Sie heute anderen Menschen, wenn Sie über Burn-out und Prävention sprechen?
Das klingt nach einer abgedroschenen Phrase, es ist aber tatsächlich schwer umzusetzen: Tue das, was du gerne machst und was dir guttut.

Früher sind Sie teure Sportwagen gefahren, haben Wochenendtrips nach New York gemacht. Vermissen Sie das manchmal?
In der Wandlungsphase wollte ich meinen gesamten Luxus loswerden und bin nur noch Rad oder U-Bahn gefahren. Ich bin ein ziemlicher Extremist: Wenn ich etwas mache, dann richtig. Wenn ich mich auf einen Triathlon vorbereite, dann kaufe ich mir die besten Räder, die besten Zeitmesser, die besten Neoprenanzüge. Mittlerweile habe ich mich aber wieder normalisiert, materielle Dinge sind mir nicht mehr so wichtig. Wobei ich immer noch Mercedes fahre. Die Autoleidenschaft ist also geblieben. n