Das Hamburger Legaltech will mit Finanzdienstleistungen wachsen. Investoren sehen Potenzial in einer bislang vor allem in den USA gefragten Anlageklasse.

An erfolgreichen Klagen im Diesel-Skandal mitverdienen: Mit diesem Versprechen lockt das Hamburger Start-up Claim Solutions mit der Marke Iubel seine Investoren. Das Insurtech, ursprünglich auf Rechtsschutz bei zivilrechtlichen Auseinandersetzungen spezialisiert, greift mit der Prozessfinanzierung in einem weiteren Geschäftsfeld an, wie aus einer aktuellen Presseinformation hervorgeht. Ziel ist es, Gerichtsverfahren als Anlageklasse in Deutschland zu etablieren.

In den USA ist das Investment-Vehikel gefragt: Anleger übernehmen das Kostenrisiko eines Prozesses, wenn die Aussicht auf Erfolg hoch ist. Wird das Verfahren gewonnen, fließt eine Erfolgsbeteiligung.

Mit der Finanzierung von Entschädigungsklagen als Anlageform richtet sich Iubel an vermögende Privatpersonen und Family Offices. „Das Niedrigzinsumfeld belastet semi-professionelle Anleger nach wie vor erheblich und in unseren Gesprächen mit potenziellen Investoren haben wir ein großes Interesse an Anlagealternativen wahrgenommen“, lässt sich Rechtsanwalt und Iubel-Mitgründer Jan Stemplewski laut Pressemitteilung zitieren. „Wir wiederum benötigen neben dem Kapital für die Unternehmensentwicklung auch Geld, um unsere Fälle abzusichern. Um diesen Bedarf zusammenzuführen, gehen wir einen für Start-ups eher ungewöhnlichen Weg und bieten verzinste, zeitlich befristete Investitionsmöglichkeiten an“, so Stemplewski.

Mehrere Verfahrensklassen im Blick

In Diesel-Klagen sollen Anleger im Laufe des Jahres investieren können, in Zukunft will das 2018 gegründete Start-up auch den Zugang zu weiteren Verfahrensklassen wie etwa Kündigungsschutzklagen ermöglichen. Iubel verfolgt das Ziel, bis 2021 mehr als 10.000 Fälle zu finanzieren. Um das Wachstum anzutreiben, stellen Risikokapitalgeber mehr als zwei Millionen Euro zur Verfügung. Das Geld stammt unter anderem vom Berliner Frühphasen-Finanzierer Motu Ventures, Business Angel Stefan Wiskemann sowie Michael Weinreich, Transcom-Geschäftsführer und ehemaliger Venture-Partner beim Fintech-Inkubator Finleap.

Um gegen die Konkurrenz großer Prozessfinanzierer zu bestehen, konzentriert sich Iubel auf den Markt für Prozesse mit vergleichsweise geringem Streitwert ab 1.000 Euro. „Klassische Prozessfinanzierer bieten ihre Dienstleistungen oft erst ab wesentlich höheren Streitwerten an. Dabei ist das Marktpotenzial für Fälle im niedrigeren Streitwertbereich enorm“, so Gründer Stemplewski. „Wir sehen Prozessfinanzierung als wichtiges Produkt, das vielen Menschen den Zugang zum Recht überhaupt erst ermöglicht.“

300 Klagen gegen VW

Über das Online-Portal erhalten Beteiligte eines Rechtsstreits eine Einschätzung über die Erfolgsaussicht und das Kostenrisiko einer möglichen Klage. Auf Basis dieser Bewertung bietet Iubel eine Übernahme der Kosten an und vermittelt einen Anwalt aus dem Partnernetzwerk. Im Gegenzug verlangt Iubel knapp 18 bis 39 Prozent des erstrittenen Betrags. Die Erfolgsquote der bislang abgeschlossenen Verfahren beziffert das Start-up auf über 90 Prozent. An mehr als 300 Klagen gegen den Volkswagen-Konzern sind die Hamburger laut Presseinformation derzeit beteiligt.

Mit der Prüfung von Rechtsansprüchen beschäftigen sich einige sogenannte Legaltechs: Helpcheck aus Düsseldorf etwa nimmt juristische Fälle rund um den Widerruf von fehlerhaften Lebensversicherungen ins Visier und erhielt dafür Anfang des Jahres elf Millionen Euro an frischem Kapital. Lexfox aus Berlin arbeitet an mehreren Verbraucherplattformen für Rechtsansprüche etwa von Internetkunden oder gekündigten Abeitnehmern. Und das Münchener Start-up Rfrnz entwickelt eine Software, die auf Basis von Künstlicher Intelligenz bei der Analyse von Verträgen helfen soll.