Berlin zieht Unternehmer aus aller Welt an. Auch immer mehr Israelis kommen, um zu gründen. Aber wer sind sie und was zieht an? Eine Spurensuche.

Israelische Start-ups sind wie Baseballspieler: Die gehen aufs Spielfeld, versuchen jeden Ball zu treffen, haben keine Angst vor einem Fehlschlag und irgendwann klappt es dann. Deutsche sind eher wie Balletttänzer, sie üben sehr lange und gehen erst auf die Bühne, wenn sie es perfekt und ohne Fehler einstudiert haben.

So beschreibt Netta Emanuel, eine Gründerin und Halbisraelin aus Hamburg, die Unterschiede in der Mentalität der deutschen und israelischen Start-ups. Tel Aviv ist für das Tempo der Neugründungen bekannt und nirgendwo gibt es mehr Start-ups – gemessen an der Einwohnerzahl. Doch mittlerweile kommen auch immer mehr israelische Start-ups nach Berlin. Sie suchen nach einer besseren Gründerumgebung in der Bundeshauptstadt – und wollen von hier den europäischen Markt erobern.

Das sagt zumindest Ana Carolina Alex. Sie ist Vorstandsmitglied von Start Berlin, einer Studierendeninitiative für Gründungen und Unternehmertum an den Berliner Hochschulen. Sie hat im Mai für die Berliner Studenten-Initiative einen Austausch zwischen Berliner und israelischen Start-ups organisiert. Eine Woche war sie dafür mit Studierenden in Tel Aviv unterwegs. „Israelische Start-ups denken nicht nur national, sondern direkt internationaler und gehen gleich ins Silicon Valley oder nach Berlin, um dort durchzustarten“, sagt Alex. Sie seien „Chuzpe“, wie man im Hebräischen sagt, und was übersetzt so viel bedeutet wie „charmante Penetranz“ oder „Frechheit“. Bei ihrem Austausch hat Alex auch gleich mehrere Gründer kennengelernt, die planen, nach Berlin zu kommen. „Berlin wird in Tel Aviv im Moment ziemlich gehypt“, sagt sie.

Deutschland: weit entwickelt im Umgang und Schutz von Daten

Einer der Gründer, die in Berlin ihr Start-up gestartet haben, ist Olivier Amar. Er hat vor knapp drei Jahren die App MyPermissions  entwickelt. Sie bietet einen Überblick über die Rechte, die man seinen Apps auf dem Handy eingeräumt hat – zum Beispiel den Zugriff auf seine Kontakte, das Mikrofon und den Standort – und hilft Nutzern sie gegebenenfalls wieder zurücknehmen. „Wir würden niemanden die Tür zu Hause öffnen und ihn dort herumwandern lassen“, sagt Amar. „Bei unseren Mobiltelefonen machen wir das aber oftmals“, sagt er über seine App.

Amar hat das Start-up in Israel gegründet, ist nun aber auch in Deutschland aktiv. „Deutschland ist wahrscheinlich das am weiteste entwickelte Land im Bezug auf Zugang, Umgang, Verwaltung und Schutz von Daten“, sagt Amar. „Für uns ist Deutschland deshalb ein wichtiger Markt.“ Rund 240.000 der zwei Millionen Nutzer weltweit stammen aus Deutschland. Tel Aviv und Berlin seien zwar beides zwei gute Orte, um zu gründen. „Deutschland ist aber zudem als Unternehmensstandort wichtig, wenn man sich auf dem europäischen Markt etablieren will“, sagt Amar.

Nur Englisch sprechen: Kein Problem in Berlin

Ähnlich sieht das Eran Aloni. Der Israeli hat 2013 sein mittlerweile viertes Start-up gegründet und lebt seit einem Jahr mit seiner Familie in Berlin. Timestwentyfive hilft Unternehmen bei der Visualisierung von großen Datenmengen. „Viele Unternehmen in Europa arbeiten lieber mit einem Unternehmen, das auch in Europa sitzt und unter europäischem Recht agiert“, sagt Aloni. Israel sei ein zu kleiner Markt, um sich ausschließlich auf ihn zu konzentrieren. Zudem sei Timestwentyfive im B2B-Geschäft. „Dabei überzeugt man seine Kunden häufig nur vor Ort.“ Dass dabei keiner seiner Mitgründer – einer aus Finnland und einer aus den USA – Deutsch spricht, sei kein Problem. „Wir arbeiten fast ausschließlich mit großen Unternehmen aus Deutschland zusammen“, sagt Aloni. Dort sei es kein Problem, nur Englisch sprechen zu können.

Überraschend sei für ihn allerdings am Anfang das Tempo dieser großen Firmen gewesen. „Deutsche Unternehmen sind konservativer und langsamer in ihrer Reaktion als in Israel“, sagt Aloni. Ein Unternehmen gleicher Größe brauche in Deutschland häufig doppelt so lang für Entscheidungen. „Aber wenn man sich an ihr Tempo gewöhnt hat und man Geduld mitbringt, kann man gute Geschäfte machen.“ Seinen wichtigsten Kunden hat das Unternehmen in Berlin mittlerweile mit Cisco. Ende dieses Jahres wollen sie schwarze Zahlen schreiben.

Ein Problem für den Gründer aus Tel Aviv: Gute Arbeitskräfte. Da die Lebenshaltungskosten niedrig sind, sei die Motivation hart zu arbeiten auch nicht so hoch, sagt Aloni. In einem Gespräch habe ihm eine Bewerberin beispielsweise einmal gesagt, sie suche einen Job, wo sie nur drei Tage arbeiten müsse, an den anderen Tagen würde sie gerne Gitarre spielen. „In Berlin gibt es eine Lean-back-Haltung, die ich aus Tel Aviv und dem Silicon Valley nicht kenne“, sagt Aloni.

Zwei Pässe, kein Visum

Allein die Schätzungen, wie viele Israelis in Berlin leben – geschweige denn gründen – gehen sehr weit auseinander. Laut des Amts für Statistik Berlin-Brandenburg sind es nicht einmal 4000. Dies liegt aber auch daran, dass viele Israelis zwei Pässe haben und deshalb in Deutschland oft kein Visum brauchen, so dass die Zahl wahrscheinlich sehr viel höher liegt.

Auch Netta Emanuel besitzt zwei Pässe. Die 36-Jährige ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, ihre Mutter ist Israelin und ihr Vater Deutscher. Sie spricht Hebräisch und Deutsch als Muttersprache und hat in mehreren Städten in Europa im Bereich Online-Gaming und Entertainment gearbeitet. „Dann wollte ich etwas eigenes Gründen“, sagt Emanuel.

Wohnungen und Lebensmittel sind zu teuer in Tel Aviv

Sie hatte anfangs überlegt, nach Tel Aviv zu gehen. Dort hatte sie auch schon einige Bewerbungsgespräche. „In Tel Aviv muss man aber viel mehr verdienen, um den gleichen Lebensstandard zu erreichen, als in Berlin“, sagt Emanuel. Eine eigene Wohnung könne man sich kaum leisten, die Lebensmittelpreise seien sehr hoch. In Deutschland hatte sie zudem ein besseres Netzwerk und auch die besseren Angebote.

Mittlerweile arbeitet sie mit zwei Mitgründern in Hamburg und Berlin an ihrem Start-up Bettertain. Das Portal soll Nutzern helfen, das richtige Entertainment für sich zu finden: Dafür legt der Nutzer ein Profil an und die Plattform analysiert die Vorlieben und das Nutzerverhalten: Auf dieser Grundlage erhalten die Nutzer dann Empfehlungen für Filme oder Computerspiele. In zwei Monaten soll ihre Plattform live gehen. Emanuel ist zuversichtlich. Kein Wunder, denn sie ist schließlich beides: Ein bisschen Baseballspieler, ein bisschen Ballett.