Im Rhein-Main-Gebiet formiert sich eine lokale Initiative von Business Angels. Was die Geldgeber den Gründern versprechen – und wie sie Start-ups in die Region locken wollen.

170 Millionen Euro an Risikokapital müssten jährlich in Wiesbadener Start-ups investiert werden, wenn man die die Berliner Summen auf die hessische Landeshauptstadt herunterrechnet – das will Matthias Helfrich mit seinen Mitstreitern herausgefunden haben. Aktuell sieht der ehemalige Manager viel geringere Summen, die an Gründer in der 290.000-Einwohner-Stadt in der Rhein-Main-Region fließen. Der hauptberufliche Business Angel hat deshalb mit Mitstreitern das Investorennetzwerk Wiesbaden ins Leben gerufen, das in diesen Tagen an die Öffentlichkeit getreten ist. Gemeinsam will man die speziellen Stärken des Standorts nutzen. Im Interview spricht Helfrich über die besonderen Eigenschaften der Investoren vor Ort – und die anstehende Überzeugungsarbeit bei Gründern und Geldgebern.

Frankfurt ist eine halbe Autostunde entfernt, Hessen hat eine ganze Reihe an Start-up-Initiativen. Warum braucht Wiesbaden ein eigenes Investoren-Netzwerk?
Weil die Stadt auch eigene Start-ups braucht. Im Rhein-Main-Gebiet betreibt jede Kommune ihre eigene Ansiedelungs- und Wirtschaftspolitik. Die Stadt und wir als Bürger müssen auch schauen, dass sich hier junge Unternehmen ansiedeln – und das Kapital haben, um wachsen zu können. Wir Business Angels werden nicht mehr selbst gründen. Aber es ist wichtig, dass die Stadt eine Verjüngung der Wirtschaft erlebt. Und da stehen wir auch in Konkurrenz mit anderen Städten.

Was für private Investoren finden sich denn in Wiesbaden? Und wie unterscheiden die sich von anderen Regionen?

Als wir uns auf die Suche nach organisierten Business Angels gemacht haben, haben wir vielleicht drei bis fünf identifizieren können. Von der Größe der Stadt müssten es aber 30 bis 50 sein. Was Wiesbaden hat, ist ein vermögendes Bürgertum mit viel Know-how. Hier leben etablierte Unternehmensgründer und viele ehemalige Vorstände. Das Adressbuch eines 60-Jährigen ist ebenso wertvoll wie sein Know-how. Und das sollte nicht verkommen. Früher wurde das innerhalb von Großfamilien weitergereicht – aber auch heute sollte es weitergegeben werden – idealerweise an Start-up-Gründer.

Und wie wollen sie potenzielle Investoren für Ihr Netzwerk gewinnen?

Zum einen haben wir einen stark regionalen Investmentfokus – wir wollen also gemeinsam unsere Heimat stärken. Und zum anderen wollen wir das Thema stärker emotionalisieren. Natürlich ist das Investment in Start-ups eine eigene Assetklasse. Aber für private Investoren kann es ein Glücksmoment sein, jungen Menschen mit Ideen und Geld weiterzuhelfen.

Und was passiert, wenn das Glück für Start-ups und Investoren ausbleibt?

Wir müssen sicher auch noch Verlustängste nehmen. Natürlich kann man bei einem Angel-Investment sein Kapital verlieren. Aber es geht oft um niedrige fünfstellige Summen. Bei einem gewissen Vermögen ist das kein so entscheidender Betrag. Wer ein Luxusauto kauft, hat einen ähnlichen Wertverlust am Tag der Zulassung.

Wie soll die Arbeit im Investorennetzwerk konkret aussehen?

Aktuell haben wir zwölf Mitglieder – wollen in den nächsten Jahren aber auf bis zu 100 Mitglieder wachsen. Denen wollen wir in ausgewählten Runden Start-ups vorstellen, die in Wiesbaden gegründet haben oder sich vorstellen können, hierhin zu ziehen. Dann können sich für jedes Start-up individuell Konsortien finden, die sich beteiligen.

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Ein Vorstandsmandat und ein Millionenvermögen sind Einstiegsbedingungen?

Nein, das ist überspitzt formuliert. Auch mit kleineren fünfstelligen Beträgen können Angel-Investments eingegangen werden. Unsere Zielgruppe ist das wohlhabende Bürgertum, z.B. auch Ärzte oder Notare. Es wird in jeder Runde Investoren mit mehr und weniger Branchenerfahrung geben. Mittel- oder langfristig könnte es auch möglich werden, einen Fonds für die Region aufzulegen. Oder Bürger über eine Art Crowdfunding zu beteiligen. Natürlich muss allen bewusst sein, dass es sich dabei um riskante Investments handelt und es kein Renditeversprechen gibt.

Sie planen eine zweistellige Zahl an Investments in den kommenden Jahren. Was für Start-ups könnten denn interessant sein?

Frankfurt hat die Fintechs und Darmstadt mit der dortigen Technischen Universität viele High-Tech-Gründungen. Wir hoffen vor allem auf die Themen, die aus der Stadt bereits hervorgegangen sind. Fitvia, Schuhe24, Firma.de, Lenicura, Auctopus oder Acao sind Beispiele – also Start-ups aus den Themen Food, Medien, Gesundheit oder auch E-Commerce. Und dann gibt es einen starken Bereich rund um Social-Impact-Investments – weil es in der Stadt enge Verbindungen zu Nobelpreisträger Muhammad Yunus gibt.

Sie wollen auch Start-ups zum Umzug nach Wiesbaden bewegen. Bei einem ersten Investment klappt das bereits – der Gründer will von Frankfurt umsiedeln. Welche Argumente sehen Sie für den Standort?

Die Verkehrsanbindung der Stadt ist hervorragend, das ist sicher ein hartes Argument. Auch ist die Lebensqualität hoch. Wir werden vielleicht nicht um die 20-Jährigen konkurrieren können, die nach Berlin, München oder noch weiter raus in die Welt wollen. Aber wer bereits eine Familie hat und eine Firma gründen will, der wird sich hier wohlfühlen. Hohe Mieten waren früher vielleicht ein Nachteil – aber mit den Anstiegen in Berlin und anderswo hat sich das nivelliert. Es gibt zudem eine persönliche Gründerkultur, in der viele Akteure eng miteinander verbunden sind. Und eben viele hochrangige Manager oder Unternehmer, die wirklich Spaß an der Zusammenarbeit mit Start-ups entwickeln können.