Wohin entwicken sich Märkte, wann kann ein Start-up davon partizipieren – und wie kommt es dahin? In unserer neuen Kolumne teilen Vertreter von MVP ihre Investment-Erfahrungen.

Montags ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer. In regelmäßiger Folge fragen wir ab heute Investoren, wie sie ticken – und worauf es ihnen bei einem Investment ankommt. Heute berichten Walter Grassl (rechtes Bild) und Martin Kröner von Munich Venture Partners über ihre Strategien, einem Start-up beim Wachsen zu helfen.

Investor im Profil

Munich Venture Partners (MVP)

Portfoliofirmen: 10
Fondsvolumen: 130 Millionen Euro
Normale Ticketgröße: 1 – 15 Millionen Euro
Mitarbeiter: 10

Im Gespräch

Investoren gibt es in vielen Größen und Formen. Wie können Sie den Unterschied machen?
Walter Grassl: Nicht jeder Investor fokussiert sich auf die gleichen Firmen. Wir starten in der Regel in frühen Finanzierungsrunden und unterstützen die Firmen über mehrere Phasen hinweg. Wir sind schon seit 15 Jahren im B2B-Deep-Tech Bereich unterwegs, stets mit einer Mischung aus Hardware und Software-Themen. Das zahlt sich aus in Bezug auf das Verständnis von Technologie und Markt.

Wo packen Sie an, wenn Sie sich beteiligen?
Martin Kröner: Als Venture Capitalist denken wir Exit-orientiert und stellen uns schon vor der Investition die Frage, wann und an wen wir unsere Anteile an der jeweiligen Firma wieder verkaufen können.  Daraus leitet sich sehr viel ab. Wohin werden sich Märkte entwickeln, wie kann das Start-up an dieser Entwicklung partizipieren und was ist notwendig, um es dorthin zu bringen? Die Antworten auf diese Fragen sind für uns ein guter Kompass. Die konkrete Unterstützung richtet sich aber auch nach dem Bedürfnis der jeweiligen Firma: in frühen Phasen kann man mit Marktkenntnissen und Investorenkontakten mehr helfen, in späteren Phasen beschränkt sich unsere Beteiligung eher auf strategische Fragen im Rahmen von Aufsichtsratsfunktionen und auf Netzwerke, die unsere Portfolio-Firmen genauso einschließen, wie strategische Partner und mögliche Käufer.

Und wo muss sich ein Investor raushalten?
Kröner: Ganz klar: aus dem operativen Geschäft der Portfolio-Firma. Das verstehen die Gründerteams am besten. Wir als Finanzinvestoren können uns Micromanagement gar nicht leisten. Aber wir sind Sparringspartner für strategische Entscheidungen und wir entscheiden zusammen mit den anderen Shareholdern über die Organisation auf Vorstandsebene. Das ist insbesondere bei gründergeführten Unternehmen bisweilen eine sehr schwierige Aufgabe, die Fingerspitzengefühle aber auch Klarheit und Ehrlichkeit erfordert.

Welche Thesen oder Ideen sind denn wichtig für Sie, wenn Sie investieren?
Grassl: Das Timing ist für Investments einer der wesentlichen Faktoren, um erfolgreich zu sein. Wenn die richtige Technologie mit einem skalierbaren Geschäftsmodell auf einen verstärkenden Trend im Markt trifft, dann kann überproportionales Wachstum entstehen. Darauf haben wir beispielsweise bei CO2-Thematik gesetzt und in Firmen, wie Electrochaea, Prolupin oder Greencom Networks, investiert,  die alle einen signifikanten Beitrag zur CO2-Reduktion leisten können. Mit diesen Investitionen haben wir vor sechs bis acht Jahren angefangen – manchmal dauert es ein bisschen länger.

Kröner: Wir schauen bei Investments auch darauf, ob die Firmen oder Technologien in der Lage sind, Märkte grundlegend zu transformieren. Das sagt sich natürlich leicht. Aber letztlich geht es um die Frage, ob eine Firma neue Wertschöpfungsketten schaffen oder bestehende so transformieren kann, dass sie selbst eine zentrale Rolle darin bekommt. Das sieht man bei Uber und Airbnb, die jeden, der dies möchte, zu einem Taxifahrer oder Hotelier machen und damit eine neue Dimension in bestehende Märkte eingeführt und diese Märkte auch grundlegend verändert – transformiert – haben. Genauso macht es Relayr – die bauen zusammen mit ihrem neuen Eigentümer, Munich Re, die die Firma Ende letzten Jahres für 300 Millionen Dollar gekauft hat, Wertschöpfungsketten für das Internet der Dinge neu.

Welchen Trend unterschätzen deutsche Investoren gerade massiv?
Grassl:
Wir maßen es uns nicht an zu beurteilen, was Andere unterschätzen. Spannend ist sicher der grundlegende Wandel in vielen Märkten – weg vom Kauf von Produkten, hin zu deren Nutzung „as a Service“. Das mag für uns – eher produktverliebte – Deutsche vielleicht befremdlich sein, aber durch die allgegenwärtige Vernetzung von Geräten werden wir solche nutzerbasierten Geschäftsmodelle in Zukunft sehr oft erleben. Sichtbar wird das gerade besonders im Mobility-Bereich bei Elektrorollern. Und wenn selbstfahrende Autos kommen, dann werden die wenigsten davon von Privatleuten gekauft, sondern vielmehr über eine App nach Bedarf angefordert und als Service genutzt. Diese Art von Veränderungen muss man im Blick haben, wenn man investiert und darauf setzt, wer die Gewinner in einem solchen Szenario sind.

Wo konnten Sie wirklich helfen?
Kröner: Bei jeder Finanzierungsrunde kommt es darauf an, die passenden Finanzierungspartner zu finden. Da kommen dann Netzwerke und persönliche Kontakte zum Tragen und es zeigt sich, ob ein Venture Capitalist wirklich von Nutzen sein kann. Die richtigen Co-Investoren zu finden, ist eine wichtige Aufgabe. Nehmen wir das Beispiele Electrochaea oder Relayr: da haben wir uns in Diskussionen im Gesellschafterkreis eingebracht und Storengy bzw. die Munich Re empfohlen und uns für diese Co-Investoren stark gemacht.

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Und wo lagen Sie wirklich daneben?
Grassl:  Es kommt immer mal wieder vor, dass wir die Entwicklung in Märkten deutlich schneller erwarten, als sie dann tatsächlich kommen. Konkret haben wir beispielsweise sehr früh – bereits in 2010 –  in Firmen investiert mit interessanten Technologien für die Elektromobilität. Leider ist die E-Mobilität dann deutlich langsamer gekommen als erhofft.

Wie ruiniert ein Start-up zuverlässig Ihren ersten Eindruck?
Kröner: Eine schlechte Vorbereitung ist sicher ein ganz gutes Mittel hierfür. Ich denke da gerne an eine Anekdote zurück. Ein Start-up hatte einen guten Pitch – und unsere letzte Frage war: „Wer würde Ihr Unternehmen am Ende kaufen?“ Die Antwort der Gründer war: „Niemand. Wir wollen eine nachhaltig wachsende Firma aufbauen und diese nicht verkaufen“. In dem Fall sind wir als Exit-orientierter Risikokapitalgeber natürlich der falsche Gesprächspartner.

Und wie überzeugt man Sie?
Grassl: Ein wichtiges Kriterium ist: hat das Start-up den Markt, den es bearbeiten oder verändern will, wirklich verstanden? Da geht es nicht nur um die Technologie und ihre direkte Anwendung, wir wollen früh von Gründerteams wissen, ob sie eine weiterführende Perspektive für ihren Geschäftsansatz haben. Deshalb ist eine unserer Fragen auch immer: „Was ist das zweite und dritte Kapitel eurer Geschichte?“ Oft erntet man auf diese Frage nur Kopfschütteln. Viele Start-ups sind froh, wenn sie das erste Kapitel schreiben können, aber es ist durchaus wichtig zu wissen, wohin die Reise wirklich gehen soll. Jeff Bezos, der Gründer von Amazon, ist nicht losgezogen, um  ein Buchhändler zu bleiben. Er wollte den gesamten Einzelhandel revolutionieren und hat aus verständlichen Gründen mit dem Buchhandel angefangen. Wer diesen Blick mitbringt und ihn uns plausibel machen kann, hat gute Chancen auf ein Investment bei uns.

Welche Frage sollte ein pitchendes Start-up unbedingt an Sie richten?
Grassl:  Ich würde das nicht auf eine einzelne Frage reduzieren. Die Start-ups kommen nicht als Bittsteller zu uns – das müssen wir uns auch stets selbst klar machen. Wichtig ist, ob die Zusammenarbeit wirklich eine Partnerschaft auf gleicher Ebene sein kann. Da geht es nicht um eine Forderungshaltung, aber um ein positives und gesundes Selbstbewusstsein. Das darf sich ruhig in den konkreten Nachfragen äußern, wie wir dem Start-up wirklich helfen können. Im Endeffekt ist es uns am liebsten, wenn wir als Risikokapitalgeber im Wettbewerb stehen – und den dann auch gewinnen. Das bedeutet, dass sich ein gutes Start-up bewusst für uns entschieden hat.