Wachstumskapital und Chancen in Asien: Was der Berliner Risikokapitalgeber Redstone für Start-ups aus der Industrie 4.0 bereithält, verrät Geschäftsführer Samuli Sirén.

Montag ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer. In regelmäßiger Folge fragen wir Investoren, wie sie ticken – und worauf es ihnen bei einem Investment ankommt. Heute ist Redstone dran. Der Risikokapitalgeber mit Sitz in Berlin ist mit mehreren Sektor-Fonds aktiv und baut für Unternehmenskunden Investmentabteilungen auf, sogenannte Corporate-Venture-Capital-Einheiten. Zu den Kunden gehören die Berliner Volksbank oder der Würzburger Fachverlag Vogel. In unserer Serie berichtet Managing Partner Samuli Sirén über einen neu gestarteten Fonds und Chancen für Start-ups mit Ideen rund um die Industrie 4.0.

Investor im Profil

Portfoliofirmen: 50
Fondsvolumen: 200 Millionen Euro (Future Industry Ventures Fonds)
Normale Ticketgröße: 1 – 10 Millionen Euro pro Runde
Mitarbeiter: 29 in Deutschland, Finnland, Schweden, Frankreich und der Schweiz

Im Gespräch

Investoren gibt es in vielen Größen und Formen. Wie können Sie den Unterschied machen?
Darauf habe ich zwei Antworten: Generell müssen wir uns aus meiner Sicht gar nicht unterscheiden. Denn beim Blick auf die Größe des europäischen Start-up-Marktes wird klar: Es wird viel Kapital gebraucht, aktuell sind noch zu wenige Investoren aktiv. Auf der anderen Seite sind unsere Alleinstellungsmerkmale: Wir haben es zusammen mit der Softbank-Finanztochter SBI aus Japan geschafft, eine erfahrene Runde an Kapitalgebern für den neuen Future Industry Ventures Fonds (FIV) zusammenzustellen. Wir wollen mit unserem starken Netzwerk dazu beitragen, Kooperationen von Start-ups und etablierten Industrieunternehmen voranzubringen. Die SBI-Gruppe wird dabei helfen, auch die Internationalisierung speziell auf dem asiatischen Markt zu beschleunigen.

Welchem Unternehmen haben Sie besonders gut weitergeholfen?
Wir haben einige gute Exits gemacht. Ich nenne ein Beispiel, das schon etwas länger her ist: Vor neun Jahren wurde das Start-up Visual Meta, Betreiber des Shoppingportals Ladenzeile.de, an die Verlagsgruppe Axel Springer verkauft. Der Gründer Robert Maier ist inzwischen selbst Investor. Über den Deal waren alle Beteiligten unglaublich glücklich, weil dem eine operativ sehr anstrengende Zeit voranging. Wir hatten viele Probleme mit Google – die zu lösen war eine großartige Leistung des Managements. Ein halbes Jahr nach dem Exit hat uns der Gründer nochmal angesprochen, dass das ein guter Deal war.

Wo halten Sie sich dagegen als Investor heraus?
Aus der operativen Arbeit – wir investieren ja nur in Firmen, wenn uns das Management den Eindruck vermittelt, dass es das Unternehmen führen kann. Wir sehen uns als Unterstützung und können Türen öffnen. Was viele dabei aber falsch verstehen: Wir sind zwar gut im Netzwerken, machen aber keinen Vertrieb. Viele Gründer suchen hier eine Lösung und wollen die Abkürzung nehmen: also ein Beiratsmitglied holen, das super ist im Vertrieb. Dahinter steckt der Gedanke, sich das Thema nicht selbst aneignen zu müssen. Aber das führt zu nichts.

Nach welchen Thesen investieren Sie in Start-ups?
Wir sehen uns in Bezug auf die Industrie 4.0 eher Software als Hardware an. Materialwissenschaftliche Themen halte ich für schwierig, weil die Entwicklung dauert. Als große Treiber der Branche sehen wir etwa Nachhaltigkeit und Cybersicherheit, aber auch Konnektivität. Gerade die Konnektivität finde ich total spannend – wie kommunizieren Maschinen in Zukunft und kündigen zum Beispiel an, dass sie demnächst kaputtgehen. Die Konnektivität ermöglicht auch ganz neue Formen der dezentralen Organisation, wenn Maschinen zum Beispiel über eine „Remote-Steuerung“ bedient werden können. Ganz aktuell schauen wir uns Start-ups aus dem Bereich Virtual Reality und Robotics an. Verhandlungen laufen mit fünf Firmen, zunächst wollen wir auf 30 Investments kommen. Längerfristig peilen wir 100 Beteiligungen an – nicht in ganz frühen Phasen, sondern in Series-A- bis B-Runden.

Womit lagen Sie schon einmal total daneben?
Es gab natürlich Investments, in denen man im Rückblick wirklich dämlich reagiert hat. Zum Beispiel in Online-Marketing-Tools haben eine Zeit lang viele investiert – ich auch. Über die Jahre hat sich gezeigt, dass solche Software maximal für zwölf bis 24 Monate ein großes Ding ist, bevor sie abstürzt. Denn die Tools haben eine viel kürzere Lebenszeit als die Marketingkanäle selbst.  Mit dem Thema hat keiner groß Geld gemacht. Mir hat das gezeigt, dass man den Aussagen anderer Investoren nur bedingt vertrauen kann – viele haben selbst nicht durchgeblickt. Hätte ich meine Prüfung damals genau gemacht, hätte ich nie investiert.

Und welche wichtigen Trends übersehen deutsche Investoren gerade?
Viele B2B-Themen laufen immer noch unter dem Radar. Zum Beispiel bei Künstlicher Intelligenz (KI) sind viele der Meinung, dass China schon Lichtjahre voraus ist und das Thema damit abgefahren ist. Für den Konsumentenmarkt mag das stimmen, aber im Geschäftskundenbereich ist Europa führend. Das bekommt die Welt nur nicht mit – dabei bietet gerade der deutsche Maschinen- und Fahrzeugbau Anwendungsfelder mit riesigem Potenzial. Demgegenüber standen in den vergangenen Jahren enorme Investitionen in die Sharing Economy – zum Beispiel bei den E-Scootern und -Tretrollern ist es fraglich, wie sinnvoll diese Investments waren. Große Gewinne sehe ich da nicht.

Wie finden Sie interessante Start-ups?
Wir nutzen viel eigene Technologie und lassen sogenannte Webcrawler das Netz durchsuchen. Eine KI-unterstützte Analyseplattform hilft uns, Firmen zu identifizieren. Unsere Datenbank umfasst bereits mehr als 800.000 Start-ups.

Worauf achten Sie speziell bei den Gründern?
Wichtig sind uns aussagekräftige Empfehlungen von anderen Investoren, die schon beteiligt sind. Im persönlichen Kontakt kommt es uns besonders auf transparente Kommunikation an – was von Gründern oft vergessen wird: Als Investoren sind wir daran gewöhnt, schlechte Nachrichten zu hören. Wir können damit umgehen und haben einen lösungsorientierten Blick. Denn wir wissen, dass das Gründen ein steiniger Weg ist. Leider warnen uns Gründer aber viel zu selten vor, wenn ihnen ein Thema um die Ohren zu fliegen droht. Damit wird uns die Chance genommen, im Lösungsprozess zu unterstützen – und zu verhindern, dass das Problem groß wird. Was ich hasse, ist, wenn wir erst davon erfahren, wenn es schon passiert ist.

Wie ruiniert ein Start-up schon den ersten Eindruck?
Der größte Fehler ist, uns zu kontaktieren ohne vorher unsere Fokusthemen recherchiert zu haben. Was für uns noch zählt, ist die klare Linie in der Kommunikation: Wie genau wissen die Gründer, was sie vorhaben? Wenn jemand sagt, wir brauchen drei bis fünf Millionen Euro, dann fragen wir nach. Solche schwammigen Angaben sind ein schlechtes Zeichen – denn dahinter steht eigentlich ein Businessplan, der den genauen Kapitalbedarf ausspuckt.