US-Investor Accel ist auch in Deutschland an vielen erfolgreichen Start-ups beteiligt. Partner Andrei Brasoveanu spricht über Auswahlprozesse, Ortsbesuche – und Geduld.

In regelmäßiger Folge fragen wir Geldgeber, wie sie ticken – und worauf es ihnen bei einem Investment ankommt. Heute ist Accel dran. Der Risikokapitalgeber wurde bereits 1983 im Silicon Valley gegründet und beteiligte sich unter anderem früh an Facebook, Dropbox, Slack, Altlassian oder Spotify. Andrei Brasoveanu ist seit 2014 bei Accel und kümmert sich von London aus unter anderem um Start-ups aus dem Bereich Enterprise-Software, Cloud, Security und Finanzdienstleistungen. Er war auch an Investitionen in deutsche Start-ups wie Celonis, Personio oder Instana beteiligt. Im Interview spricht er darüber, nach welchen Gründern er und sein Team Ausschau halten – und wie sie die in Deutschland finden wollen.

Investor im Profil

Portfoliofirmen: Mehr als 80 in Europa, 12 davon in Deutschland (13 bis zum Verkauf von Instana an IBM)
Fondsvolumen: 485 Millionen Euro (Fonds von 2019)
Ticketgröße: Normal sind Series-A-Investments zwischen 4,2 und 12,6 Millionen Euro, aber auch Seed-Investments sind möglich
Mitarbeiter: 14 im Investment-Team in Europa

Im Gespräch

Investoren gibt es in vielen Größen und Formen. Wie können gerade Sie einen Unterschied machen?
Der Wettbewerb der Risikokapitalgeber nimmt zu – auch wenn gute Gründer schon immer eine große Auswahl hatten. Wir glauben aber: Wirklich ehrgeizige Teams mit weltweiten Ambitionen wollen mit uns sprechen. In vielen Bereichen bringen wir eine Menge Erfahrung mit, wir haben gute Ideen für passende Partner für Start-ups. Es liegt viel unentdecktes Land vor Gründern. Und wir haben den Film von einer guten Idee bis zu einem Börsengang schon einige hundert Mal gesehen – und wir haben auch schon hunderte Mal gesehen, wie sich eine Idee in eine falsche Richtung entwickelt.

Accel beteiligt sich in vielen Ländern an Start-ups. Welche Bedeutung hat Deutschland für Sie?
Wir sind fest davon überzeugt, dass sich erfolgreiches Unternehmertun überall findet. 2000 waren wir unter den ersten Risikokapitalgebern, die in Europa investiert haben. So gehören wir zu den ersten Geldgebern von Check24. Dann haben wir uns eine kleine Pause genommen, während das deutsche Ökosystem durch eine Phase des Wandels gegangen ist – von der durch Rocket Internet dominierten Zeit hin zu einer mehr produktorientierten Generation an Start-ups.

Und warum schauen Sie sich jetzt wieder intensiver um?
Deutschland hat ein unglaublich starkes Ökosystem. Zum einen gibt es neben Berlin jede Menge andere Hubs, in denen viel passiert. Dafür ist vor allem das Netz an starken Universitäten verantwortlich, die jede Menge technisch versierte Gründer hervorbringen. Und viele Start-ups haben eine enge Verbindung zur alten Wirtschaftswelt – das sorgt für ein günstiges Umfeld.

Wie gelingt es Ihnen denn, von London oder den USA aus die vielversprechenden Start-ups hierzulande zu identifizieren?
An anderen Orten ist es etwas einfacher als in Deutschland – da treffen wir uns mit ein paar lokalen Investoren und wir wissen Bescheid. Hier braucht es etwas mehr Aufwand. Wir versuchen, einen relevanten Sektor und eine vielversprechende Nische zu identifizieren. So stellen wir den Prozess gewissermaßen auf den Kopf: Wir haben bereits eine Ahnung davon, wie ein vielversprechendes Start-up aussehen sollte, bevor wir es gefunden haben. Das hilft uns, schnell zu entscheiden, wenn ein solches Start-up dann auf unserem Schirm auftaucht.

Wo und wie können Sie konkret helfen?
Unser Ziel ist: Wir sind da, wo die Gründer sind. Bevor wir in Instana investiert haben, habe ich eine Menge Zeit in Solingen verbracht. Wir gehörten zu den ersten Investoren bei Celonis. Die waren zu dem Zeitpunkt extrem stark in der Forschung und Entwicklung, aber alle in München angesiedelt. Wir haben ihnen geholfen, nach New York zu kommen und den Vertrieb aufzubauen. Einige wichtige Führungskräfte kamen von früheren Beteiligungen von uns zu Celonis. Heute kommt ein erheblicher Teil des Umsatzes von Celonis aus den USA.

Und wo muss sich ein Investor raushalten?
Wenn ein Start-up am Limit ist, wollen wir als Investor nicht deren Arbeit übernehmen. Die Gründer müssen mögliche Lücken füllen oder wichtige Positionen, die unbesetzt sind, füllen. Ein Beispiel: Natürlich haben wir viel Erfahrung mit Finanzthemen und könnten leicht einen Finanzvorstand für eine Weile bereitstellen – aber wir wollen, dass die Start-ups selbst intern diese Funktionen aufbauen. Natürlich können wir das eng begleiten, weil wir aus unserer Erfahrung wissen, welche Herausforderung hinter der nächsten Ecke liegen könnte. Wir helfen dem Team lieber, fischen zu lernen, als ihnen den Fisch zu geben.

Worauf kommt es Ihnen bei Gründern an?
Es gibt keine ganz klare Typologie für Gründer, es gibt verschiedene Typen für verschiedene Stufen – von denen, die gerade aus der Uni kommen, bis zu denen mit reichlich Konzernerfahrung. Wichtig ist: Ein Start-up aufzubauen, ist hart. Man muss unglaublich motiviert sein und am besten noch einen guten Einblick in eine spezifische Branche mitbringen. In vielen Situationen kann der Wettbewerb sehr hart werden, da braucht es Gründer, die zäh sind und eine starke innere Motivation mitbringen.

Und welche Eigenschaften kommen nicht gut an?
Geduld ist wichtig. Plant jemand von vorneherein, das Start-up nach zwei oder drei Jahren zu verkaufen, kann uns das abschrecken. Natürlich können entlang des Weges gute Gelegenheiten für einen Verkauf entstehen. Aber das Team sollte an sich sehr langfristig orientiert arbeiten. Wir bringen in jedem Fall reichlich Geduld mit.

Was fällt Ihnen mit Blick auf die deutschen Gründer auf?
Die Ambitionen der Gründer in Deutschland wachsen mit jedem Jahr. Das hat vor allem damit zu tun, dass es jetzt mehr Vorbilder gibt. Als Student der TU München weiß man von den Erfolgsgeschichten wie Personio oder Celonis – und möchte vielleicht auch eine Firma bauen, die so groß werden kann. Wenn du ein Vorbild hast, weißt du, dass es möglich ist.

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