Eine Umfrage unter Risikokapitalgebern zeigt: Die Finanzierungslandschaft für Start-ups könnte sich durch die Krise deutlich verschlechtern. Bei Verhandlungen dürften die Ansprüche der Investoren wachsen.

Nimmt die Geschäftsentwicklung eines Start-ups an Fahrt auf? Welche Chancen ergeben sich nach der Corona-Pandemie? Wie sichert man das Geschäftsmodell gegen Krisen ab? Antworten auf diese Fragen sollten Start-ups für ihre Pitches vorbereiten – wenn sie denn in den kommenden Wochen und Monaten eine Finanzierungsrunde abschließen müssen. Das empfehlen die meisten der 78 Venture-Capital-Vertreter, die die Deutsche Börse befragt hat.

Start-ups stehen in diesen Tagen vor besonderen Herausforderungen: Viele arbeiten in der Aufbauphase geplant defizitär, weil viel Geld in Produkt und Wachstum gesteckt wird. In regelmäßigen Abständen, häufig alle eineinhalb Jahre, muss daher neues Risikokapital zur Überbrückung eingesammelt werden. Jetzt brechen die – oft noch überschaubaren – Umsätze weg, zudem ziehen sich Geldgeber erst einmal zurück. Die liquiden Mittel schmelzen dahin, aktuell wird intensiv um speziell zugeschnittene Staatshilfen gerungen. Viele Start-ups fürchten um ihre Existenz.

Die Umfrage liefert jetzt Daten zur Venture-Capital-Seite dieses Problems. „Um die Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem beurteilten zu können, ist auch die Einschätzung der Risikokapitalgeber essenziell“, sagt Peter Fricke, Leiter des Deutsche Börse Venture Network (hier geht es zu den ausführlichen Ergebnissen der Umfrage als PDF). 80 Prozent der Geldgeber fürchten, dass ihre Beteiligungen unter der Krise und den damit verbundenen Einschränkungen leiden werden.

Einbruch bei Finanzierungsrunden erwartet

Und große Hoffnung auf einfache Finanzierungsbedingungen können die professionellen Start-up-Investoren nicht machen. Jeder fünfte Geldgeber plant vorerst keine neuen Investments. 45 Prozent wollen sich vorrangig darauf konzentrieren, ihren bestehenden Beteiligungen durch die Krise zu helfen. Insgesamt, so schätzen die Befragten, werde die Zahl der Finanzierungsrunden im zweiten Quartal 2020 um fast 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einbrechen. In den vergangenen Jahren war insbesondere das Volumen der registrierten Finanzierungsrunden stetig gestiegen.

Außerdem vermuten die Investoren, dass Finanzierungsrunde in Zukunft deutlich länger bis zum Abschluss brauchen. Nach langen Jahren der stetig steigenden Summen dürfte nun in vielen Verhandlungen intensiver um Details gefeilscht werden. An Bedeutung gewinnen könnte laut der Umfrage vor allem die sogenannte Liquidationspräferenz in den Verträgen. Dahinter steckt die Frage, welcher Gesellschafter bei einem Verkauf oder auch einer Pleite zuerst seine Ansprüche anmelden darf. Ebenso wollen die Geldgeber intensiver über die Verwässerungsklauseln verhandeln – dabei geht es um die Frage, welchen Wert eigene Anteile in späteren Finanzierungsrunden haben.

Investoren müssen ihre Investoren beruhigen

Die Investoren wollen sich so stärker absichern. Immerhin jeder dritte will auch die Stimmrechte stärker in Verhandlungen thematisieren – Gründer müssen darauf achten, noch die Kontrolle in ihrem Start-up zu behalten. Eine möglicherweise positive Auswirkung: Vier von fünf Venture-Capital-Vertretern wollen sich künftig intensiver mit ihren Beteiligungen beschäftigen. Die oft erfahrenen Portfolio-Manager können so vielleicht vor allem jüngeren Gründern auf dem Kurs durch die Krise helfen.

Parallel müssen die Risikokapitalgeber noch auf einer anderen Seite aktiv werden. Zwei von drei Investoren wollen sich stärker um ihre sogenannten Limited Partner kümmern. Dahinter stecken die Menschen und Organisationen, von denen das Geld für die Start-up-Beteiligten letztendlich stammt – die Investoren der Investoren. Noch im vergangenen Jahr hatten zahlreiche Risikokapitalgeber neue Fonds geschlossen, viele von ihnen mit hohen dreistelligen Millionensummen. Die eigentlichen Überweisungen finden jedoch in der Regel in Tranchen statt. Und immerhin 40 Prozent der Venture-Capital-Gesellschaften fürchten, dass ihre Limited Partner beim nächsten Zahlungstermin Probleme machen könnten.

Zudem könnte sich die Art der Finanziers wieder verändern. 60 Prozent der Befragten vermuten, dass private Vermögensverwaltungen, reiche Einzelpersonen und auch Konzerne ihre Investitionen in Start-ups generell auf den Prüfstand stellen. Andere Studien hatten noch zu Beginn des Jahres gezeigt, dass diese Gruppen gerade erst die Beteiligung an jungen Tech-Firmen für sich entdeckten.