Klimawandel und Energiewende bieten Start-ups viel Potenzial, trotzdem sind Geldgeber extrem zurückhaltend. Teils gibt es gar einen Clash der Gesinnungen.

Von Susanne Schwarz

Das Leben könnte leicht sein, wäre David Lunsford gutes Klima nicht so wichtig. So aber arbeitet er als Entwicklungsleiter für die grüne Rating-Agentur Carbon Delta.

Gerade ein Jahr ist das Start-up alt. Eigentlich läuft es gut, die Auftragslage stimmt. Es stünde sogar an, einen neuen Software-Entwickler einzustellen. Doch wenn Carbon Delta sich vergrößern will, so war es bisher, müssen die Gründer allzu oft ihr eigenes Geld in die Hand nehmen – und ein neuer Entwickler ist zu teuer.

„Wir müssen relativ viel mit Eigenkapital arbeiten“, sagt David Lunsford. Investoren seien immer noch skeptisch bei dem neuen Unternehmen, dass die Finanzwirtschaft dazu bringen will, auf den menschengemachten Klimawandel zu achten.

Das ist keine Einbildung, bestätigt Linda Bergset vom deutschen Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit. Grüne Start-ups können es schwerer als andere haben, Financiers zu finden. Die Finanzierungslücke, erzählt Bergset, würde in erster Linie zwei Gruppen von Unternehmen – ob grün oder nicht – betreffen: besonders innovative und solche, die selbst forschen und entwickeln. „Wir haben allerdings herausgefunden, dass das auf die grünen Start-ups eben öfter zutrifft“, sagt Bergset.

Für Business Angel eine Nummer zu groß

Es klingt einleuchtend: Wer die Weltwirtschaft umkrempeln und sie möglichst schnell ohne Kohlendioxid und andere Klima- und Umweltschadstoffe gestalten will, der braucht frische Ideen. „Die Märkte sowie Industrien der Green Economy sind teils noch in Entwicklung, sodass Investoren Informationen fehlen, um die Unternehmen einzuschätzen“, sagt Bergset. „In diesem Sinne sind grünen Start-ups vielleicht oft zu innovativ.“ Der eine oder andere Business Angel ließe sich sicher überzeugen – doch Forschung und Entwicklung sind teuer und für solche individuellen Förderer und Mentoren oft eine Nummer zu groß.

Hinzu kommen kulturelle Probleme. „Es gibt durchaus einen kulturellen Misfit zwischen Investoren und nachhaltigkeitsorientierten Start-ups“, sagt Bergset. „Diese jungen Unternehmer reden von Werten und beschweren sich darüber, dass den Investoren das Verständnis für die Umwelt und deren Relevanz für die Geschäftswelt fehle, und sehen sich bei Investoren zum Teil nicht gut aufgehoben.“ Wenn diese auf Nachhaltigkeit bedachten Unternehmen dann auch noch ein sachtes oder gar begrenztes Wachstum statt kurzfristiger Rendite vorsehen, ist der Clash der Gesinnungen vorprogrammiert.

Auf der Weltklimakonferenz sollten im November alle Akteure zusammenkommen. Das Königreich Marokko hatte eine große Zeltstadt für die Verhandlungen und das Randprogramm entstehen lassen. In einigen der Einweg-Säle blitzten und blinkten Werbebotschaften aus jeder Ecke, hier stellten sich die Wirtschaftsvertreter vor.

Einer von ihnen heißt David Lunsford. Er sprach für Carbon Delta mit anderen Unternehmern und Investorennetzwerken. Ein paar Zelte weiter brüteten die Diplomaten der UN-Staaten zwei Wochen lang über der Umsetzung des Pariser Weltklimaabkommens, das im vergangenen Jahr in der französischen Hauptstadt beschlossen wurde. „Auf der Weltklimakonferenz gibt es noch keine richtige Start-up-Gemeinschaft, es wirken hier mehr die großen Unternehmen“, sagt er.

Das könnte in den kommenden Jahren aber anders werden, denn das grüne Gründen ist ein Trend. Nach den Ergebnissen des aktuellen Green Economy Gründungsmonitors des Borderstep Instituts wurden von 2006 bis 2013 allein in Deutschland rund 170.000 Unternehmen in den Bereichen Erneuerbare Energien, Energieeffizienz, Kreislaufwirtschaft und Klimaschutz gegründet. Sie beschäftigen insgesamt mehr als eine Million Mitarbeiter.

Der Klimawandel ist eine Gefahr für viele Geschäfte

Carbon Delta gehört zu den Betroffenen der Skepsis, die Investoren an den Tag legen – aber auch zu denen, die daran arbeiten, das Problem zu beheben. „Vielen Unternehmen und Investoren ist schlicht nicht klar, wie gefährlich der Klimawandel ist, auch für ihr Geschäft“, sagt Ko-Gründer Lunsford.

Wie sollte es auch? Im Gegensatz zu Carbon Delta beziehen die meisten Rating-Agenturen den Klimawandel bei der Bewertung von Anlagen nicht ein. Dabei sind seine Folgen vielfältig, angefangen beim neuen Klima selbst – mehr Stürme, Fluten, Dürren, an manchen Orten wird es viel wärmer, an anderen kälter –, weiter bei völlig neuen Technologien, bis hin zu veränderten sozialen und politischen Rahmenbedingungen.

Die Aktien der Kohle-, Öl- und Gasförderung können zum Beispiel ganz schnell an Wert verlieren. Es geht um die sogenannte Kohlenstoffblase: Machen die Staaten der Welt mit dem Klimaschutz ernst, ist früher oder später Schluss mit dem Verbrennen der fossilen Reserven.

Klimaforscher gehen davon aus, dass etwa ein Drittel aller geschätzten Ölreserven, der Hälfte der Gasvorkommen und 80 Prozent der Kohlevorräte im Boden bleiben müssen, wenn die Erderwärmung die im Pariser Weltklimaabkommen versprochenen zwei Grad nicht überschreiten soll. Die Energieunternehmen haben einen Großteil dieser Rohstoffe allerdings in ihren Bilanzen „eingepreist“.

Marrakesch, 19. November: Es ist kurz vor Mitternacht, als in der Zeltstadt der Hammer fällt. Im Streit um Details hatten China und Brasilien sich so verhakt, dass die Verhandlungen sich um Stunden länger hingezogen haben als geplant. Alles in allem endet der Klimagipfel aber harmonisch. Ob der Nachricht, dass Donald Trump ab dem kommenden Jahr die USA regieren wird, sind die Staaten zusammengerückt. Auch für die internationale Klimadiplomatie hat die Wahl möglicherweise riesige Auswirkungen. Trump hat angedroht, aus dem Pariser Weltklimaabkommen auszusteigen und leugnet den Klimawandel.

In ihrem Abschlussdokument bekennen sich die Staaten auf der Konferenz noch einmal zu dem globalen Klimavertrag. Der „Marrakesch-Aufruf“, wie sie das Schriftstück nennen, ist inhaltlich nichts Neues, obwohl auf der Konferenz sogar ein paar Verhandlungsfortschritte erzielt wurden. Er liest sich vielmehr wie eine Botschaft an Trump: Kein einziges anderes Land wird mitziehen, wenn die USA gehen.

Ein stabiler politischer Rahmen sei besonders wichtig für die Entwicklung der grünen Wirtschaft, sagt Linda Bergset vom Borderstep Institut.

Stephanie Pfeifer, Geschäftsführerin der britischen Institutional Investors Group on Climate Change, sieht das mittlerweile gegeben. „Ein grundlegender Umstand hat sich mit der US-Wahl nicht geändert: Die Klimawissenschaft, der robuste globale Konsens um das Paris-Abkommen, die technologische Dynamik und die Unternehmer werden Investoren dazu bringen, sich mit dem Klimawandel zu beschäftigen und den notwendigen wirtschaftlichen Wandel zu finanzieren.“

Emma Herd, Pfeiffers Counterpart bei der australischen Investor Group on Climate Change (IGCC) stimmt ihr zu: „Das Paris-Abkommen hat ein riesige Marktsignal an die Investoren gesendet“, sagt Herd. „Sie wissen jetzt, dass der Klimawandel auch ein finanzielles Risiko ist und dass ihr Geld in klimafreundlichen Anlagen besser aufgehoben ist.“